Poesiealbum entdeckt

»Möge Gott Dich behüten«

  • vonJürgen Schenk
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Auf manchem Dachboden schlummern historische Schätze. In Groß-Karben hat man kürzlich bei Räumarbeiten in einem Haus in der Bahnhofstraße ein kleines Poesiealbum gefunden. Es gehörte Beate Grünebaum, die ein tragisches Schicksal erlitt.

B eate Grünebaum war ein bezauberndes Mädchen. Auf einem Kinderfoto sieht man sie in einem weißen Kleidchen und mit weißer Schleife im Haar. Völlig ungezwungen scheint sie in die Kamera zu lächeln. Wegen ihrer Anmut gaben Verwandte und Freunde der Kleinen den Spitznamen »Blanka«.

In Groß-Karben war sie im September 1910 als Tochter von Max und Rosa Grünebaum geboren worden. Die Grünebaums gehörten zur jüdischen Bevölkerung des Dorfes. Beates Vater, der »Deiches Max«, war ein erfolgreicher Kartoffelhändler, ihre Mutter Rosa stammte aus Kleinheubach bei Miltenberg. Die Familie bewohnte das Haus Nummer 20 in der Bahnhofstraße.

Dort, unter dem Dach, hat man bei Räumarbeiten kürzlich ein kleines Büchlein gefunden. Der verstärkte Einband zeigt, dass es einst stabil gebunden wurde. Doch in 100 Jahren ist es wohl durch viele Hände gewandert und hat auch unter seiner Vergessenheit gelitten. Viele Personen haben sich in den 1920er Jahren darin verewigt – junge Menschen, Lehrerinnen, Familienangehörige. Sie alle hinterließen Sinnsprüche und Herzlichkeiten für eine liebgewonnene Person, Wünsche für ein langes Leben. Der Dachbodenfund aus der Bahnhofstraße verrät gleich auf der ersten Seite den Namen seiner Besitzerin: Es handelt sich um das Poesiealbum von Beate Grünebaum.

Zunächst gelangte das Büchlein in die Hände des örtlichen Geschichtsvereins, der es dann den Gründern der Karbener Stolperstein-Initiative, Irma Mattner und Hartmut Polzer, übergab. Das Geschriebene macht heutzutage sprachlos und ist im historischen Kontext nur schwer zu verstehen. Damals liebgemeinte Sprüche, überwiegend von Christen für eine Jüdin niedergeschrieben, klingen jetzt wie Hohn im Spiegel der Geschichte.

»Wenn man sich Beate Grünebaums Poesiealbum anschaut, hat man nicht den Eindruck, dass es überhaupt irgendwelche Probleme gab«, meint Hartmut Polzer, während er vorsichtig einige Seiten des Buches umschlägt. »Die Eintragungen sind mehr als abstrakt vermittelte Geschichte, denn sie zeigen, wie man zwischenmenschlich mit- einander umgegangen ist.« Einträge, die zum Beispiel so klingen: »So wie der Sonnenschein die Blüten, so mag Dich Gott behüten. Zur freundlichen Erinnerung an Deine Gretel Waldeck.« Oder: »Zum Andenken. Wenn Dich die Nebel des Trübsinns umgrauen, heb zu den Sternen den sinkenden Mut. Hab nur ein frohes, festes Vertrauen, den Braven ergeht es am Ende doch gut. Dies schrieb Dir Deine Freundin Marie Eckert, Groß-Karben, den 11. März 1923.«

»In dieser Zeit lebten Christen und Juden eigentlich ganz normal zusammen«, erklärt Polzer. Seine Recherchen über Beate Grünebaum hätten dies bestätigt. Nach dem Besuch der Grundschule sei sie vermutlich sogar auf das Augustiner-Gymnasium in Friedberg gegangen. 1921 seien dort von 551 Schülern immerhin 31 jüdisch gewesen. Die gut laufenden Geschäfte ihres Vaters hatten es der Familie außerdem ermöglicht, ein Hausmädchen anzustellen: Marie Schichtel aus Okarben, eine Christin. Sie war so etwas wie die Perle des Hauses und wurde von allen nur »Mariechen« genannt. »Und als Mariechen dann eine eigene Tochter bekam, gab sie ihrem Kind ebenfalls den Namen Beate«, erzählt Polzer. »Bei ihr in Okarben haben wir uns manchmal getroffen. Dann gab es immer Kaffee und Rotweinkuchen. Sie konnte viel über die Familie Grünebaum berichten. Inzwischen ist sie leider verstorben.«

1936 muss es für eine Jüdin bereits gefährlich gewesen sein, zu Fuß von Groß-Karben nach Okarben zu laufen und einer Nicht-Jüdin ein Geschenk zu bringen. Beate Grünebaum sei das Risiko anlässlich der Konfirmation ihrer Freundin eingegangen, hat Polzer erfahren. Eine Garnitur, bestehend aus Hemdchen und Hose, habe sie ihr geschenkt.

Längst hatte die Stimmung aber umgeschlagen. Hass brach über die Grünebaums und alle anderen Juden herein. Nach den Novemberpogromen flohen Rosa und Beate zur Verwandtschaft nach Würzburg. Max Grünebaum musste das Elend nicht mehr miterleben, denn er war 1934 bereits gestorben. Hartmut Polzer kennt auch das Schicksal der beiden Frauen: »Am 27. November 1941 wurden sie nach Lettland verschleppt und dort ermordet, zwei Monate nach Blankas 31. Geburtstag.«

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