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Main-Weser-Bahnstrecke: Bei Güterzügen schwappt das Wasser aus dem Glas

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Von: Holger Pegelow

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Wer an der Main-Weser-Bahnstrecke wohnt, hat oft Probleme mit dem Lärm. Nicht so in Kloppenheim. Vor den Häusern verläuft eine Lärmschutzwand. Die schützt aber nicht vor Erschütterungen.

Es ist knapp fünf Jahre her, da ist Hans-Jürgen Stadler umgezogen, von Klein-Karben nach Kloppenheim. Auf dem ehemaligen Raiffeisengelände hat er eines der Häuser bezogen, die dicht an der Bahnstrecke stehen. Normalerweise sind Wohnhäuser dicht an der vielbefahrenen Bahnstrecke zwischen Gießen und Frankfurt ein Risiko. Aber bei Stadler hält sich die Lärmbelastung in Grenzen. »Die Schallschutzwand hält alles ab«, sagt Stadler. Und dennoch hat er mit der Bahn seine Probleme, vor allem mit den Güterzügen, und das vor allem in der Nacht.

Wasser schwappt aus dem Glas

»Die stärksten Erschütterungen gibt es durch die Güterzüge. Man merkt, wie es rappelt. Es vibriert richtig«, sagt er auf Anfrage dieser Zeitung. Stadler hat im zweiten Stockwerk des Hauses Am Hang sein Arbeitszimmer eingerichtet. »Wenn ich dort sitze und ein Güterzug fährt spätabends, schwappt das Wasser aus dem Glas.«

Starke Erschütterungen

So wie ihm geht es einigen Nachbarn. Auch sie hören sehr wenig von den vorbeifahrenden Zügen, doch sind die Erschütterungen dafür umso deutlicher zu spüren. Nach Aussage von Bewohnern sind die Erschütterungen in den Abend- und Nachtstunden so stark, dass man sich auf seinem Bürostuhl im zweiten Obergeschoss vorkommt »wie in einem Massagestuhl«.

Gutachten ohne ausreichende Aussagekraft?

Den Anwohnern der Reihenhäuser kam es gerade recht, als sich die Vertreter des von der Bahn beauftragten Ingenieurbüros meldeten, um Erschütterungsmessungen vorzunehmen. Diese sind der Bahn vom Regierungspräsidium im Zuge der Planfeststellung für den zweiten Ausbauabschnitt zwischen Bad Vilbel und Friedberg aufgetragen worden. Denn bislang existierte lediglich eine Versuchsanordnung, und die Werte sind dann hochgerechnet worden. Wie sich bei der Anhörung des RP im Mai 2017 in Dortelweil herausstellte, haben die hochgerechneten Daten keine ausreichende Aussagekraft. Nun müssen sie neu erhoben werden.

Messung nur zwischen 9 und 16 Uhr

Das Gutachterbüro bat die Anwohner nun um Mithilfe. Doch die wunderten sich nicht schlecht: Denn sie erfuhren, dass die Messungen zwischen 9 und 16 Uhr stattfinden.

Wenn ich dort sitze und ein Güterzug fährt spätabends, schwappt das Wasser aus dem Glas

Hans-Jürgen Stadler

Eine Messung in einem anderen Zeitraum sei nicht vorgesehen, erhielt ein Anwohner zur Kenntnis, als er danach fragte, ob denn nicht nachts gemessen werden könne. Im Nachhinein könne man alle möglichen Situationen hochrechnen. »Mir ist nicht klar, wie das hochgerechnet werden soll«, sagt Anwohner Stadler. »Es müssen doch die tatsächlichen Erschütterungen gemessen werden, um zu einem belastbaren Ergebnis hinsichtlich der Immissionen zu kommen«, sagt er.

Stadt soll eingreifen

Stadler ist Mitglied der FDP, und so wurde das Thema in der Partei diskutiert. Ergebnis: Die Liberalen bringen zur nächsten Sitzungsrunde einen Antrag ins Parlament ein. Damit soll der Magistrat aufgefordert werden, mit der Bahn und dem Gutachterbüro in Verbindung zu treten, »um die Erschütterungsmessungen erneut vorzunehmen«. Das Thema Erschütterungen ist immer wieder Thema im Rahmen der Planung für den Streckenausbau. Erst Ende vergangenen Jahres hatte der in Okarben wohnende Ingenieur Böhm bemängelt, dass die von der Bahn beauftragte Firma falsch gemessen habe. So habe sie die Erschütterungen in der horizontalen Richtung gar nicht erfasst, sondern nur in der vertikalen. Sprich: Die Erschütterungen, denen im Bett liegende Menschen ausgesetzt sind, wurden nicht berücksichtigt. Zudem seien die Werte für die nächtliche Lärmbelastung schöngerechnet worden, weil man die falsche Formel angewandt habe. Nachts sei es 4,5 Dezibel lauter als vorgegeben.

Thema am 12. Juni im Ausschuss

Nach Angaben des FDP-Vorsitzenden und Stadtverordneten Oliver Feyl bekenne sich die FDP grundsätzlich zum viergleisigen Ausbau der Strecke. »Aber bei der Planung und der Berechnung von Schall- und Erschütterungsschutzmaßnahmen muss im Voraus alles getan werden, damit vermeidbare Belästigungen auch vermieden werden.« Das Thema wird erstmals im Ausschuss für Stadtplanung und Infrastruktur am Dienstag, 12. Juni, um 20 Uhr im Clubraum 1 des Bürgerzentrums diskutiert.

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