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So sieht der vor drei Jahren renovierte Ludwigsbrunnen aus. An den Stelen sind die Bestandteile des Wassers abzulesen.

Naherholung in Groß-Karben

Ludwigsbrunnen mit spannender Geschichte

  • VonRedaktion
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Der Ludwigsbrunnen ist sicher einer der beschaulichsten Plätze in Karben. Und gleichzeitig einer der geschichtsträchtigsten. Einst war sein Mineralwasser über die Grenzen hinaus bekannt. Abgefüllt und vertrieben wurde es von einem Hoflieferanten des Großherzogs. Dennoch blieb ihm der ganz große Wurf versagt.

Gelegentlich biegt ein Auto von der Landstraße zum Brunnengelände ab. Oder es kommen Radfahrer vorbei. In der Regel sind das Leute aus Karben, die sich das zutage tretende Mineralwasser in mitgebrachte Flaschen abfüllen. Die Zahl derer, die auf die Bekömmlichkeit und Heilkraft des nährstoffreichen Säuerlings schwören, ist nie kleiner geworden. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man den typischen, leicht fauligen Geschmack mögen muss.

Wirksam bei vielen Krankheiten

Aus dem Archivbestand des Groß-Karbener Historikers Herbert Schuch geht hervor, dass der Brunnen nach dem hessischen Großherzog Ludwig II. benannt wurde. Das soll um das Jahr 1830 geschehen sein. Weil es darüber aber nichts Schriftliches gab, suchte der Großherzogliche Kammerherr und Geheime Legationsrat Freiherr von Leonhardi im Herbst 1873 um eine entsprechende Bestätigung nach. Auch lag es in seinem Interesse, den Namen und das Wappen des Großherzogs beim Vertrieb des Mineralwassers verwenden zu dürfen. Beiden Anliegen wurde schlussendlich stattgegeben.

Ein Jahr zuvor war der Ludwigsbrunnen bereits in das Eigentum des Freiherrlichen Familie von Leonhardi übergegangen. Die Quellenabfüllung und den Versand des »eisenfreien Ludwigswassers« übernahm der Hoflieferant Laurenze. In einer von ihm in Auftrag gegebenen Broschüre ist zu lesen: »Nach den seitherigen Erfahrungen sehr bewährter Aerzte hat sich das Ludwigswasser bei vielen Krankheiten als sehr wirksam erwiesen, wovon wir hier nur namhaft machen: Hämorrhoidal-Beschwerden, Sodbrennen, Magensäure, chronisches Erbrechen, langwierige Gicht, chronische Nieren- und Blasenbeschwerden, Gries, Stein, Grippe und ihre Folgen, Lungenschwindsucht.« Es eigne sich außerdem vorzüglich »zu einem Haustrunk für Diabetiker.«

Tatsächlich wurde der Ludwigsbrunnen mit mehreren Auszeichnungen bedacht. Ein Vorteil war auch, dass das Wasser infolge seiner Zusammensetzung exportiert werden konnte. Die Versendung erfolgte ab Bahnhof Groß-Karben in Gebinden von 25 und 50 Flaschen zu einem dreiviertel Liter und 50 Flaschen zu einem halben Liter. Infolge der gewerblichen Nutzung des Ludwigsbrunnens standen auf dem Areal einstmals Gebäude: ein Wohnhaus für den Verwalter und ein Schuppen zum Abfüllen des Wassers. Doch anders als beispielsweise beim Selzerbrunnen in Karben blieb der ganz große Erfolg letztlich aus. Das lag an der zu geringen Ergiebigkeit der Quelle. 1939 wurde der Ludwigsbrunnen mit dem Selzerbrunnen zusammen von der Seltersgesellschaft aufgekauft. Am Recht auf freie Benutzung der Quelle durch die umliegenden Gemeinden änderte sich hingegen nichts.

In einem alten Zeitungsbericht mit dem Titel »Drängelei um saures Wasser« geht es um die Beliebtheit des Brunnens: »Manchmal herrscht in dem kleinen steinernen Viereck ein Gedränge wie jetzt während des Sommerschlußverkaufs in den Kaufhäusern der Stadt. Jeder möchte der erste sein, denn das Brünnlein (…) fließt nicht allzu schnell. Zeit müssen die Leute mitbringen, aber sie sparen dafür auch Geld, denn niemand fordert ihnen etwas ab für das gute Wasser.«

1971 ließ die Stadt Karben alle Gebäude abreißen und das Gelände wie einen kleinen Park anlegen. Den eigentlichen »Sauerbrunnen« gestaltete das Architektenehepaar Langhammer in seiner noch heute bestehenden Form. Vor drei Jahren wurde die Einfassung renoviert.

Seither kann man die Inhaltsstoffe des Wassers, aufsteigend nach der Menge, auf den Stelen ablesen. Das ganze Gelände hat jetzt den Charakter eines Naherholungspunktes.

Einmal im Jahr musste der Ludwigsbrunnen von Kohlensäure- rückständen und Scherben gereinigt werden. Diese Brunnenfege war in Groß-Karben mit einem Volksfest verbunden. Immer an Pfingsten ging es im Festzug hinaus zum Ludwigsbrunnen. Ganz an der Spitze liefen der Brunnenfeger, seine beiden Gehilfen und ein Gerichtsschöffe, der die Aufsicht bei dem Werk zu führen hatte. »Ständig ist einer mit dem Schoppengläschen hinter ihm her, da man zum Voraus weiß, daß er sich öfters stärken muß«, berichtete Pfarrer Hans Eichenauer in den »Heimat-Glocken«. »Dann bekommt der Held des Tages (…) das Seil um die Schultern gebunden, die Leiter wird angestellt, und er steigt hinab, während 2 Männer das Seil halten.« Bei der Arbeit habe er so oft mit Branntwein wiederbelebt werden müssen, bis die Flasche leer gewesen sei. Das Fest soll bis in die Nacht gedauert haben. Der letzte Groß-Kärber Brunnenfeger war Johann Adam Schackay. Er starb mit 60 am 18. Mai 1829. jsl

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