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Die AfD-EU-Parlamentskandidaten Erich Heidkamp (l.) und Christine Anderson (2. v. l.) outen sich in Karben als Gegener der Europäischen Union. Andreas Lichert (2. v. l.) und Conrnelia Marel beschenken sie mit Senf.

Neujahrsempfang

Lichert: "Verfassungsschutz hat einen Hygienefimmel" – AfD-Treffen in Karben

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Rund 70 AfD-Anhänger kamen am Sonntag im Bürgerzentrum Karben zusammen, darunter der ehemalige "Projektwerkstatt"-Initiator und heutige Landtagsabgeordnete Andreas Lichert. Die WZ hat zugehört.

Von 143 auf 159 Menschen wuchs in den letzten Monaten die Zahl der Wetterauer AfD-Mitglieder. Das Potenzial wäre viel höher. Die Facebookseite des rechten Kreisverbandes zählt immerhin 2907 Fans. Und bei der Kommunalwahl vor fast drei Jahren stimmten allein aus Karben 824 Menschen für AfD-Kreistagskandidaten. Viele von ihnen teilen fleißig die fremdenfeinlichen Botschaften auf der Facebookseite.

Ohne Kritiker: Nur für geladene Gäste

Nur um den Preis der Mitgliedschaft (aktuell zehn Euro pro Monat) kam man dagegen am Sonntag zum Neujahrsempfang mit Partei-Promis ins Bürgerzentrum. Lediglich Mitglieder und die Presse waren eingeladen. Man habe den Termin bewusst nicht öffentlich verkündet, so der Ortsverbands-Vorsitzende Wilfried Repp. Denn der Bahnhof liege in der Nähe, und da könnten ja leicht Störer aus Frankfurt anreisen.

Gegen einen Protest der Wetterauer Antifa-BI hätte man dagegen nichts einzuwenden gehabt: "Der Andreas Balser und seine Kinder stören uns nicht", spottete Repp am Stehtisch im Foyer des Bürgerzentrums. Niemand stand vor der Tür und forderte ein AfD-freies Karben.

Das war früher anders. Im Jahr 2013 hatte der heutige AfD-Kreissprecher Andreas Lichert in seinem Haus an der Karbener Bahnhofstraße eine "Projektwerkstatt" eingerichtet. Darin organisierte er Vorträge und Seminare für Leute mit dem Hang für rechtes Gedankengut.

Früher in der "Projektwerkstatt", nun im Landtag

Das ärgerte damals viele Karbener. Im Juni 2013 organisierten sie im Bürgerzentrum eine Veranstaltung mit dem Rechtsextremismus-Experten Benno Hafeneger – der Saal war mit 500 Gästen überfüllt. Daraus entstand das "Bündnis offenes Karben", dessen buntes Logo immer noch im Internet zu finden ist.

Im Bündnis sammelten sich Vertreter der Stadt, der Kurt-Schumacher-Schule, des Ausländerbeirats, der Türkisch-Isalmischen Gemeinde und der Initiative "Stolpersteine in Karben". Gemeinsam problematisierte man Licherts "Projektwerkstatt" als "rechte Kaderschmiede" und als Makel für die mehrheitlich liberale Karbener Stadtgesellschaft.

Eines Nachts gab es einen Anschlag auf den Laden an der Bahnhofstraße. Das Bekennerschreiben ist heute noch auf der Antifa-Webseite "Indymedia" nachzulesen, Täter konnte die Polizei nicht ermitteln.

Im Mai 2014 zog der mittlerweile bei der AfD aktive Andreas Lichert nach Bad Nauheim um und schloss seine "Projektwerkstatt". Am Sonntagabend kehrte er als AfD-Landtagsabgeordneter ins Bürgerzentrum zurück. Schon 2018 hatte er dort im Landtagswahlkampf gesprochen.

Spott über Verfassungsschutz

Dass ihn der Verfassungsschutz wegen seiner Nähe zum rechtsextremen Flügel der AfD beobachtet, war für Lichert nun Anlass zum Spott: Der Verfassungsschutz habe einen "Hygienefimmel". Für die AfD sei eine Beobachtung nicht gefährlich. Kein Wort der Distanzierung war von Lichert und anderen Rednern im Bürgerzentrum zu völkischen Parolen von Parteifreunden zu hören.

Es gab auch keine Gegendemo und keinen kritischen Kommentar. Er habe nichts von der AfD-Veranstaltung gewusst, sagte am Montag Hartmut Polzer von der Karbener Stolperstein-Initiative. Als Privatmann finde er sie ganz furchtbar. Doch andererseits: So ein Neujahrsempfang gebe "keinen Anlass, mit irgendwelchen Aktionen die AfD aufzuwerten." Und: "Das Bündnis offenes Karben gibt es nicht mehr." Man habe damals mit der Schließung der Projektwerkstatt sein Ziel erreicht.

Das Bündnis sei deshalb 2015 aufgelöst worden. Eine Vereinstruktur oder auch nur Facebookseite gab es nie. Auch die Facebookgruppe "Karben – vereint für Frieden und Freiheit" scheint übrigens entschlafen zu sein. Der letzte Eintrag datiert vom Juni 2018.

SPD: "Bündnis offenes Karben" gibt es noch

Nora Zado von der Karbener SPD sagt: "Das Bündnis gibt es noch – aber nur, wenn wir einen Fall haben." Der Neujahrsempfang sei kein Grund zum Eingreifen. Denn die AfD habe noch regulären Parteien-Status, trotz Andreas Licherts Verankerung in der rechten Szene.

"Identitäre sind hier nicht mehr in Erscheinung getreten", sagt die Sozialdemokratin. In Karben habe der 2018 gegründete AfD-Ortsverband zwar 600 Facebook-Likes – dreimal so viele wie die SPD. Doch das sei nur "Internet-Blenderei". Die reale Präsenz sei "praktisch null". Der Karbener Ortsverbands-Sprecher und AfD-Kreistagsfraktions-Vizechef Wilfried Repp – ein ehemaliger Sozialdemokrat – hat laut Nora Zado mit seinen Leuten noch nicht einmal eine flächendeckende Flyer-Verteilungsaktion hinbekommen. Selbst wenn: Die AfD gilt vorläufig als legale Partei. Deshalb vermietet die Stadt ihr Räume für Empfänge.

Parteiveranstaltung im Bürgerhaus

Verwaltungsleiter Hans-Jürgen Schenk: "Die einschlägige Rechtsprechung regelt sehr klar, dass bei der Vermietung von Räumen kein Auswahlspielraum nach Parteien zulässig ist. Wenn nicht gewollt ist, dass Parteiveranstaltungen in Bürgerhäusern stattfinden, dann kann dies nur einheitlich für alle Parteien geregelt werden."

In Büdingen ist die Stadthalle ab sofort für alle politischen Veranstaltungen gesperrt, damit die dort sehr aktive NPD keine Konzerte und Propaganda-Treffen mehr abhalten kann.

Andreas Balser hatte mit dem Verein der Antifaschistischen Bildungsinitiative immer wieder Proteste gegen rechte Propaganda organisiert. Immer wichtiger werde aber auch, jungen Leuten den Wert von Demokratie klar zu machen. Sie sei "kein Vogelschiss". Parallel zum AfD-Treffen ließ die Antifa-BI deshalb am Sonntag den Zeitzeugen Gerhard Wiese im Friedberger Junity vor 130 jungen Zuhörern über den Auschwitz-Prozess berichten (Bericht dazu in der morgigen Ausgabe).

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