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Das Bleiglasfenster von 1908: »Der Herr ist mein Hirte«.

Evangelische Kirche Burg-Gräfenrode

Leuchtende Farben in den Kirchenfenstern

  • VonRedaktion
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Zu einer gewissen Tageszeit strahlt das Mosaikfenster in der Burg-Gräfenröder Kirche in warmen Farben. Dann treffen die Sonnenstrahlen im perfekten Winkel auf die Glasmalerei. Einst wurde das Fenster von einer Persönlichkeit gestiftet, die nicht nur in Burg-Gräfenrode ihre Spuren hinterlassen hat.

Der Innenraum der evangelischen Kirche in Burg-Gräfenrode lässt derzeit noch nicht so recht an Gottesdienste denken: Wo normalerweise die Gemeinde sitzt, steht ein großes Gerüst. Altar, Kanzel und andere Ausstattungsstücke sind unter Schutzhüllen versteckt. In den zurückliegenden Monaten ist die im Jahr 2020 begonnene Renovierung, die wegen der Corona-Pandemie nur holprig in die Gänge kam, weiter fortgeschritten. Ein paar Handwerksarbeiten sind noch zu erledigen: Demnächst werden die beiden Kirchentüren und einige Holzbänke vom Schreiner ausgebessert. Und an der Decke fehlen noch die Leuchten, mit deren Eintreffen bald gerechnet wird.

Baustelle hin, Baustelle her: Das Mosaik-Bleiglasfenster an der Südseite des Gebäudes, ein Prunkstück der Kirche, bestrahlt schon jetzt mit seinen Farben das Kircheninnere. Das liegt nicht allein an den Sonnenstrahlen, die zu gewisser Zeit durch das Fenster fallen, sondern auch an der kürzlichen Restaurierung des Kunstwerkes. Im Gegensatz zu den anderen, von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) unterstützen Renovierungen habe die Gesamtkirchengemeinde Karben für das Fenster alleine aufkommen müssen, berichtet Kirchenvorsteherin Ina Lauster-Ulrich. Die Sanierungskosten für das 113 Jahre alte Stiftungsobjekt hätten sich auf rund 5000 Euro belaufen.

Gestiftet aus Verbundenheit

Was sie nicht sagen muss: Die Geschichte des Fensters wiegt diesen Preis längst wieder auf. »1908 hat es Pfarrer Friedrich Kalbhenn anlässlich seiner Goldenen Hochzeit und nach 32 Jahren Dienstzeit der Kirchengemeinde aus Verbundenheit gestiftet«, weiß Lauster-Ulrich. »Angefertigt wurde das Kunstwerk von dem Glasmalerbetrieb Linnemann. Das Unternehmen gehörte seinerzeit zu den wichtigsten Glasmalereien in Deutschland. Fast alle Fenster der Friedberger Stadtkirche wurden von Linnemann hergestellt.« Etwas Derartiges sei in den sonst eher schlichten protestantischen Dorfkirchen Karbens kein zweites Mal zu finden, merkt Lauster-Ulrich noch an.

Ihr Mann, Frank Ulrich, hat die Geschichte der Kalbhenns ausführlich recherchiert. Klar ist: Petterweil und Burg-Gräfenrode waren die wichtigsten Stationen im Leben des Pfarrers Friedrich Kalbhenn. 1828 wurde er in Ossenheim als Sohn des dortigen Schullehrers Georg Kalbhenn geboren. Sein Urgroßvater und Großvater übten von 1750 bis 1837 das Lehreramt in Burg-Gräfenrode aus. Friedrich Kalbhenn wollte Pfarrer werden. Um sein Theologiestudium und das Gymnasium für seinen Bruder Heinrich bezahlen zu können, arbeitete er nebenbei als Privatlehrer.

In dieser Position lernte er während seines Pfarrvikariats in Hirschhorn am Neckar seine spätere Frau Emilie Harbordt kennen. Die Hochzeit wurde in Petterweil gefeiert, an Kalbhenns erster Pfarrstelle. An diesem Ort blieb er 22 Jahre. Letztlich gaben andauernde politische Querelen den Ausschlag zur Amtsaufgabe.

Altersruhesitz in Marburg

Kalbhenn schrieb dazu in die Petterweiler Kirchenchronik: »Das andauernd das kirchliche Leben schädigende Parteiwesen ließ mich nach einer ruhigeren Gemeinde Ausschau halten, und als die Pfarrstelle zu Burg-Gräfenrode zur Besetzung ausgeschrieben wurde, zog es mich nach dem Ort meiner Väter.« In Burg-Gräfenrode wirkte er von 1876 bis 1908 als Seelsorger. Im Mai 1911 starb Friedrich Kalbhenn in Marburg an der Lahn, wo er seinen Altersruhesitz hatte.

Für Ina Lauster-Ulrich war die Instandsetzung des Bleiglasfensters Ehrensache. Der »gute Hirte« könne als Motiv nicht passender für Kalbhenns Zeit in Burg-Gräfenrode gewählt sein. »Und wenn es wieder Gottesdienste in der Kirche gibt, wird der Pfarrer oder die Pfarrerin am Sonntagvormittag endlich neu erleuchtet«, meint sie lachend. »Was Präsenzgottesdienste in der Kirche angeht, richten sich unsere Hoffnungen auf den Herbst, wenn es draußen kälter wird. Am Erntedankfest soll alles soweit abgeschlossen sein, dass sich die Gemeinde ein Bild vom renovierten Kircheninneren machen kann.«

Renovierungsbedarf: Ina Lauster-Ulrich an der zugedeckten Kanzel in der Burg-Gräfenröder Kirche.

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