Ausgrabungen in Okarben

Leben auf römischen Fundamenten

  • VonJürgen Schenk
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Aus archäologischer Sicht nimmt Okarben eine absolute Ausnahmestellung ein. Kein anderer Karbener Stadtteil steht auf einem vergleichbaren historischen Untergrund.

Römische Kavallerie war in den Jahren 69 bis 117 nach Christus in einem Großkastell untergebracht - genau dort, wo sich heute der Okarbener Ortskern erstreckt. Um dieses Militärlager herum gab es eine Siedlung mit Wohnhäusern, Ställen, Gewerbestätten und Tavernen. Vicus ist die gebräuchliche Bezeichnung für ein solches »Satellitendorf«.

Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal nennt es auch »Housing Area«. Man könne es gut mit den Ansiedlungen vergleichen, die um amerikanische Kasernen herum entstanden seien. »Das Vicus war wie ein stehen gebliebener Tross«, erklärt der Experte. »In den Häusern wohnten teilweise mehrere Legionäre oder Zivilisten zusammen. Mit dem Bau des Limes wurde das Kastell nutzlos.« Jetzt ist Okarben seinem Ruf als »römischer Hotspot« in der Wetterau wieder einmal gerecht geworden. Auf einem Bauungsstück an der Nidda wurde ein Teil der antiken Dorfes entdeckt. Vor fünf Wochen begann das Marburger Grabungsunternehmen WiBA (Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie) in Zusammenarbeit mit der Baufirma Preiss aus Aßlar mit der Freilegung des Areals.

Grabung dauert länger als geplant

Dort, wo bald eine Zufahrtsstraße verlaufen soll, hatten die Fachleute schon vorher einen Fund für möglich gehalten. Deswegen musste das Gelände vor Baubeginn archäologisch untersucht werden. Die Ausgrabung selbst dauerte wegen immer wieder eintretenden Regenschauern länger als gedacht. »Manchmal liefen die Grabungsstellen komplett voll«, berichtet WiBA-Chef Prof. Dr. Claus Dobiat. »Dann konnte erst mal gar nicht weitergegraben werden.«

Gefunden wurde trotzdem eine ganze Menge an römischen Hinterlassenschaften, vor allem Scherben von Tischgeschirr und Knochen von Tieren. Die Suche mit einem Metalldetektor nach Münzen oder anderen metallischen Gegenständen habe kaum etwas zu Tage gefördert, teilt Lindenthal mit.

Man könne daher davon ausgehen, dass die Menschen, die damals hier lebten, so gut wie kein Geld dabei hatten. »Es geht uns auch nicht so sehr um die Funde, sondern eher darum, Strukturen der Bebauung zu erkennen«, sagt der Altertumsforscher.

Solche Strukturen zeigt die Grabungsleiterin, Dr. Bärbel Ruhl, an einer Stelle im Erdboden. Die obere Lehm-Löß-Schicht wurde dort so weit abgetragen, bis man auf eine dunkelfarbige Struktur gestoßen ist. »Das ist vergangenes Holz«, klärt sie auf. »Man kann es an der schwarzen Färbung erkennen. Hier haben wir sehr wahrscheinlich einen Pfahl entdeckt, der in einem anderen Holzstück steckte. Vielleicht um etwas abzustützen.«

Der Glanzpunkt der Grabung, ein sogenannter Fassbrunnen, wurde nur wenige Meter davon entfernt freigelegt. Der Brunnen war etwa zwei Meter tief und mit übereinandergesetzten Fässern »verrohrt«.

»In den Fässern wurde vorher sehr wahrscheinlich Wein transportiert«, vermutet Hardy Prison Bezirksarchäologe vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen. »Das Holz ist erhalten geblieben, weil es vom Grundwasser konserviert wurde. Sein Alter wird nun dendrochronologisch untersucht.« Außerdem sei in dem Brunnen ein ganzer Tonkrug gefunden worden.

Das Stammpersonal des Grabungsteams besteht aus Archäologen, Technikern und Studenten. Über mangelnde Arbeit werden sich alle Beteiligten in Zukunft wohl nicht beklagen können. Denn: In Hessen wurde noch nie so viel gebaut wie jetzt - und, demzufolge, auch noch nie so viel gefunden.

Tatkräftige Unterstützung bekamen die Experten in Okarben von der Feuerwehr aus Friedberg, die das immer wieder nachdrückende Grundwasser aus der Grube pumpte. Nur so habe die Offenlegung des Brunnens funktionieren können, erklärt Lindenthal.

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