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Kleines Kreuz mit großer Wirkung

Wie sieht es in einer Wahlkabine aus? Wie viele Kreuze darf ich machen? Und: Wen soll ich wählen? Die Europawahl am Sonntag bringt vor allem bei jungen Wählern Fragen mit sich. Im Berufsbildungswerk Südhessen in Karben gibt Lehrerin Ursula Anton-Schlüter Orientierung - und bittet die Schüler zur Urne.

Sauber faltet Jennifer Varel den 94 Zentimeter langen Stimmzettel und wirft ihn in die Wahlurne. "Die Urne muss immer verschlossen sein", erklärt Wahlhelfer Nikolas Zorbach (19) seinen Mitschülern und schiebt schnell wieder den Papierdeckel auf den Einwurfschlitz - denn bei dieser Wahl hat alles seine Richtigkeit.

Zu früh sind Jennifer Varel und ihre Klassenkameraden mit ihrem Gang in die Wahlurne nur auf den ersten Blick: Die Europawahl ist erst am kommenden Sonntag (26. Mai), doch an der Staatlichen Berufsschule im Berufsbildungswerk (bbw) Südhessen sind 620 Schüler bereits in dieser Woche wahlberechtigt. Sie sind Teil des bundesweiten Projekts Juniorwahl, bei dem es ums Üben und Erleben von Demokratie geht. Der einzige Unterschied zur Europawahl am Sonntag: Auch Schüler ohne deutschen Pass sind im Karbener bbw wahlberechtigt, ebenso unter 18-Jährige.

Im Unterricht vorbereitet

Das Projekt ans bbw gebracht hat vor einigen Jahren die Powi-Lehrerin Ursula Anton-Schlüter, die die Juniorwahl auch in diesem Jahr mit ihren Kollegen stemmt. Denn die Juniorwahl umfasst keineswegs "nur" den Gang in die Wahlkabine, sondern vielmehr eine Wochen lange Vorbereitung im Unterricht. "Wir stellen Broschüren zur Unterrichtsvorbereitung zur Verfügung, es gibt etwa Arbeitsblätter in drei unterschiedlichen Niveaustufen", erzählt Anton-Schlüter. Im Unterricht ist gezielt Platz fürs Gespräch. "Die Alternative für Deutschland (AfD) ist natürlich auch hier Thema", sagt Anton-Schlüter. Die wohl die meisten Schüler bewegendste Frage: "Wen wähle ich?" Mit den Schülern dazu ins Gespräch zu kommen, ist für Anton-Schlüter ein großer Verdienst der Juniorwahl. "Dabei staune ich auch immer wieder, wie engagiert und sozial eingestellt viele Schüler sind."

Routinierte Wählerin

Auch für Wählerin Jennifer Varel ist es das Soziale, das sie zur Wahl antreibt. "Ich möchte, dass wir als Menschheit eine gute Welt haben, in der wir leben", sagt die 21-Jährige. "Wenn ich wählen gehe, kann ich dazu beitragen, dass die Partei mitregiert, die das in meinem Sinne bewirken kann." Für die angehende Malerin und Lackiererin steht deshalb fest: Sie geht auch am Sonntag wählen.

Dabei gehen nicht alle Schüler so routiniert mit der Wahl um wie Jennifer, die auch Schulsprecherin ist. Für viele ist die Juniorwahl der erste Gang an die Wahlurne, andere sind schon erfahrener. Die beiden Wahlhelfer Marcel Schmidt (19) und Dominique Lesch (21) etwa, die gerade mit ihrer Lehrerin die Wahl betreuen, sind schon wahre "Profis". Beide haben schon in ihrer Stadt als Wahlhelfer fungiert, erzählen sie.

Für andere ist der Prozess des Wählens neu. "Auf der einen Seite haben wir eine vergleichsweise erwachsene Schülerschaft, da denkt man, es sei normal zur Wahl zu gehen", sagt Lehrerin Anton-Schlüter. Bei vielen sei das aber nicht der Fall, im Gegenteil: Gerade wegen einer Lese- oder Schreibschwäche hätten junge Menschen oft Angst vor dem Unbekannten. "Da ist es wichtig, dass wir einen Anstoß geben." Untersuchungen belegen das: Die Wahlbeteiligung unter Erstwählern steigt laut den Veranstaltern um bis zu neun Prozent.

Auch Schulleiter Johannes Lüke unterstützt das Projekt vor diesem Hintergrund. "An der Juniorwahl teilzunehmen, nimmt Ängste", beobachtet er. "Gerade die Erstwähler haben dann schon einmal den Ablauf kennengelernt, haben mal eine Wahlkabine gesehen. Das baut Hemmschwellen ab." In der Tat ist der Ablauf wie bei einer echten Wahl: Lehrerin Anton-Schlüter gleicht die Wahlbenachrichtigung mit dem Wählerverzeichnis ab, die Wahlhelfer teilen Stimmzettel aus und beaufsichtigen Wahlkabine und Urne. Am Freitagmittag wird das Ergebnis ausgezählt. Aber: Die Ergebnisse gibt es erst am Montag - damit die "echte" Wahl dadurch nicht beeinflusst wird.

Eine Zahl jedoch steht bereits fest - und diese kann durchaus als Vorbild für Sonntag dienen: Zum ersten Mal durften in diesem Jahr Schüler aus den Berufsvorbereitungskursen teilnehmen. Sie erreichten eine Wahlbeteiligung, die ihresgleichen sucht: 87 Prozent.

Die Juniorwahl zählt zu den größten Schulprojekten Deutschlands und wird bundesweit seit 1999 zu Europawahlen, Bundestagswahlen und Landtagswahlen angeboten. Mehr als eine halbe Million Schülerinnen und Schüler an 2750 Schulen sind in dieser Woche wahlberechtigt. Im Vergleich zur Juniorwahl zur Europawahl 2014 haben sich die Teilnehmerzahlen verdreifacht, ein Rekord. Das Ergebnis der Junior-Europawahl wird am Sonntag um 18 Uhr unter www.juniorwahl.de veröffentlicht. (jkö)

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