"Kein nachvollziehbarer Grund für Schließung"

  • Holger Pegelow
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Karben(pe). Die Kritik an der geplanten Schließung des Karbener Continental Automotive Werkes dauert an. Nun haben sich die Freien Wähler zu Wort gemeldet. Man wolle mit dem Bürgermeister, den anderen Parteien und dem Betriebsrat eng zusammenarbeiten. "Ziel ist es, der Geschäftsleitung Veränderungen für das Werk vorzuschlagen", sagt FW-Vorsitzender Thorsten Schwellnus. "Wir haben die Hoffnung, die Schließung in direkten Gesprächen mit der Geschäftsleitung von Conti noch verhindern oder zumindest verzögern zu können, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben."

Schwellnus weiter: "Bisher hat es keinen nachvollziehbaren Grund gegeben, warum diese Schließung erforderlich ist; es ist schon immer ein Vorzeigewerk." Satte 72 Millionen Euro seien an Bundesmitteln seit 2007 an die Continental AG und ihre Tochterunternehmen geflossen. Auch die Arbeitnehmer hätten investiert, auf Löhne verzichtet und in schweren Zeiten auch - unbezahlte - Überstunden gemacht.

Die geplante Werksschließung habe auch politische Auswirkungen auf das Image. "So sollte man mit Menschen nicht umgehen", ergänzt der stellvertretende FW-Vorsitzende Denis Wirsig. Man müsse sich "wenigstens ein Stück wehren", stellt er sich gegen diese unternehmerische Entscheidung.

Conti habe von 2010 bis zuletzt 2019 stetig Gewinne gemacht und sei weiter gewachsen. Die Freien Wähler schreiben zudem, zu den Herausforderungen der Zeit falle den Managern neben der Anordnung von Kurzarbeit nichts anderes mehr ein, als den Gürtel enger zu schnallen. "Natürlich nicht bei sich, sondern bei der Belegschaft." Die Krise treffe zwar alle Branchen hart, aber man hätte sich "mehr Mut zu Innovationen" von den Verantwortlichen gewünscht. "Wir hätten mehr Stil von Conti erwartet", sind sich die Freien Wähler einig.

Keine Antworten vom Unternehmen

Unterdessen kündigt der Karbener Betriebsratsvorsitzende Frank Grommeck an, dass man gemeinsam mit allen Kollegen für den Fortbestand des Standortes und den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen werde. Er betont, dass dem von Arbeitnehmerseite immer wieder vorgetragenem Wunsch, die Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu minimieren, nicht ernsthaft nachgegangen worden sei. "Der Aufbau eines zweiten Standbeines im Non-Automotive-Bereich blieb aus", kritisiert Grommeck.

Gerade das Werk in Karben verfüge über eine "hochmoderne Elektronikfertigung unter Reinraumbedingungen". In den vergangenen Jahren habe man "erfolgreich komplexe Produkte übernommen, an denen andere verzweifelt gescheitert sind".

Continental Karben stehe für hohe Automatisierung und habe einen exzellenten Ruf bei Qualität und Liefertreue, sagt der Betriebsratsvorsitzende weiter. "Erst vor wenigen Monaten wurden wir Gesamtsieger des Manufacturing Excellence Award 2019. Unter wissenschaftlicher Leitung der Technischen Universität Berlin, wird seit 2005 der MX Award in Deutschland jährlich vergeben. Der Leitgedanke des Manufacturing Excellence Award lautet: "Stärken erkennen - Maßstäbe setzen" und "Wertschöpfung in Deutschland erhalten und absichern", sagt Grommeck.

Eine erneute Anfrage beim Konzern bezüglich des Karbener Werkes wurde inhaltlich nicht beantwortet. Diese Zeitung fragte etwa nach dem von den Gewerkschaften behaupteten konkreten Zeitplan für die Schließung des Karbener Werkes, ebenso unbeantwortet blieb die Frage, warum in Karben kein zweites Standbein aufgebaut worden sei, also beispielsweise Steuerungssysteme für Waschmaschinen produziert worden sind. Auch auf die Frage, ob in den Werken in Litauen und Ungarn die gleichen Steuerungssysteme wie in Karben produziert werden, wollte die Kommunikationsabteilung nicht antworten. Und letztlich auch nicht darauf, unter welchen Bedingungen es möglich wäre, das Karbener Werk über 2023/24 hinaus in Betrieb zu lassen. Die Antwort von Conti-Sprecher Sebastian Fillenberg: "Leider kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf Ihre Fragen zum Standort Karben antworten, da wir uns bezüglich der am 1. September angekündigten Ausweitung des Strukturprogramms bei Continental gesamt in der Sondierungsphase mit der Arbeitnehmervertretung befinden."

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