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Elf Reparateure stehen den Besuchern im Reparatur-Café in Burg-Gräfenrode mit Rat und Tat zur Seite. Koordinatorin Gabriele Ratazzi-Stoll (rechts) hat alles im Blick. 

Nachhaltigkeit

Reparatur-Café Karben: Zweite Chance für kaputte Technik

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Uhren, Staubsauger, Ventilatoren: Mit dem Reparatur-Café greift das Mütter- und Familienzentrum Karben den Nachhaltigkeitsgedanken auf. Doch manchmal stoßen auch die ehrenamtlichen Tüftler an Grenzen.

Helge Gottschalk, Kaufmann aus Kloppenheim, tüftelt an einem CD-Player. Das Kassettenteil ist defekt. Warum er schließlich aufgibt, erklärt er Besitzerin Monika Franke mit wenigen Worten. "Das Problem ist nicht, das Gehäuse zu öffnen, doch die Schrauben sitzen so tief, dass ich keinen geeigneten Schraubenzieher habe, um sie fassen zu können", sagt Gottschalk. Er schlägt vor, die Reparatur zu Hause in seiner Werkstatt durchzuführen. Franke willigt zufrieden ein. "Es gibt immer Kleinigkeiten, die zu reparieren sind, doch ich bin alleinstehend und kann mir oft nicht helfen, da ist ein Reparatur-Café ideal", sagt sie.

Viele Dinge bringe er sich durch Learning by doing und sein Interesse an Technik bei, berichtet Gottschalk. Auch der Austausch mit den Nachbarn an den Nebentischen bringe ihm fundiertes Wissen ein. Sein nächstes Objekt ist eine Armbanduhr, die stehengeblieben ist. Eine neu eingesetzte Batterie hat keinen Erfolg gebracht.

Eine Messung am Nachbartisch ergibt, dass die Batterie über 1,5 Volt Spannung verfügt. Deshalb reinigt Gottschalk zunächst mit einem Elektronik-Spray die Kontakte. Doch dann stellt sich ein ganz anderes Problem dar. Die mechanische Verbindung zum Zeiger ist unterbrochen, die Krone lässt sich nicht lösen. Gottschalk empfiehlt in diesem Falle den Gang zum Uhrmachermeister.

Reparatur-Café Karben: Viele Staubsauger 

Am Nebentisch tüftelt Wolfgang Puth an einem etwas größeren Teil. "Es ist ein Turmventilator der nicht mehr anspringt", sagt Nathalie Schneibel aus Groß-Karben. Puth führt dies auf eine fehlende Stromzufuhr am Motor zurück. Inge Weber hat ihren 15 Jahre alten Staubsauger mitgebracht, weil die Bürste quietscht. Ingenieur Andreas Heckmann nimmt den Motor unter die Lupe und ölt ihn ein. "Eventuell fehlt die Schmierung", sagt er.

Viele Geräte können laut Heckmann mit einfachen Handgriffen wieder zum Laufen gebracht werden. Bei Geräten, die solide gebaut seien, könne die Lebensdauer auf diese Weise verlängert werden. Es seien erstaunlich viele Staubsauger unter den zu reparierenden Geräten. Reparatur und ehrenamtliche Hilfestellung sind kostenlos, Werkzeuge sind vor Ort vorhanden. Es geht um die Hilfe zur Selbsthilfe. "In drei Jahren wurden bisher 538 Gegenstände in das Reparatur-Café gebracht, davon 417 Elektrogeräte, aber auch Kleidung, Fahrräder, Möbel, Spielzeug, Koffer, Handtaschen und Uhren", sagt Koordinatorin Gabriele Ratazzi-Stoll. Insgesamt elf Reparateure und Näherin Karen Dröll stehen den Besuchern hilfreich zur Seite. Etwa 20 bis 25 Geräte werden pro Termin gebracht. Von den gebrachten Gegenständen konnten 50 Prozent repariert werden. In 18 Prozent der Fälle konnte eine Empfehlung ausgesprochen werden, wie der Gegenstand wieder funktionstüchtig gemacht werden kann. Wenn Ersatzteile nötig sind, werden sie besorgt und beim nächsten Mal in das Gerät eingebaut. Oft ist ein Gegenstand nicht wirklich kaputt, sondern muss nur gewartet werden.

Reparatur-Café Karben: Nur ein Drittel nicht zu reparieren

Mit dem Reparaturerfolg tragen die ehrenamtlichen Fachleute zur Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Müllvermeidung bei. Nur in einem Drittel aller Fälle war eine Reparatur unwirtschaftlich oder unmöglich. "Viele Besucher wollen nur die Gewissheit, ob es sich lohnt, das Gerät reparieren zu lassen, um es dann mit gutem Gewissen entsorgen zu können", sagt Ratazzi-Stoll.

Die Idee eines Reparatur-Cafés ist nicht nur auf Karben beschränkt, sondern es gibt auch Initiativen in Nidderau, Bad Vilbel oder Friedberg. In Karben geht Reparateur Georg Raabe noch einen Schritt weiter. Der Frankfurter Tüftler sieht das Problem in punkto Reparaturen bei den Ersatzteilen und könnte sich vorstellen, Kleinstmengen von Elektronikkomponenten in Wertstoffhöfen zu beschaffen. Für die Entnahme könne eine geringe Gebühr verlangt werden.

Erste Veranstaltungen, bei denen Alltagsgegenstände gemeinschaftlich repariert wurden, gibt es mit den Reparaturtagen in Kempten seit 2002. Im Jahr 2009 dokumentierte die niederländische Umweltjournalistin Martine Postma das Konzept unter dem Namen "Repair Café" und stellte eine Anleitung zum Gründen eines "Repair Cafés" unter einer Franchise-Lizenz zur Verfügung. Im März 2016 hatten sich weltweit schon 1000 Repair Cafés registriert. In Deutschland sind es derzeit etwa 500 Initiativen. Zum Teil werden kuriose Dinge repariert, wie in Karben ein Reisekoffer, bei dem sich die Zugstange nicht entfernen ließ, eine Holzeisenbahn mit defektem Motor oder ein Ozongerät, das einen Fehler im Netzteil aufwies. 

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