Schlüssiges Konzept gefordert: Barbara Theiss hofft, dass bei einer potenziellen zweiten Infektionswelle die Schulen nicht gleich wieder geschlossen werden. F
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Schlüssiges Konzept gefordert: Barbara Theiss hofft, dass bei einer potenziellen zweiten Infektionswelle die Schulen nicht gleich wieder geschlossen werden.

"Kinder brauchen Kinder"

Karbenerin setzt sich für sofortige Öffnung der Schulen ein

  • vonPatrick Eickhoff
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In den Osterferien ruft die Karbenerin Barbara Theiss mit Mitstreiterinnen die Initiative "Kinder brauchen Kinder" ins Leben. Der Zusammenschluss sammelt bis jetzt rund 80 000 Unterschriften.

Barbara Theiss hat viele Gründe, zufrieden zu sein. In den vergangenen Wochen hat die 39-Jährige für die Wiedereröffnung der Schulen und Kitas gekämpft. Nächste Woche startet auch in Hessen der Regelbetrieb. Doch die Karbenerin ist nicht vollends zufrieden. "Ich bin glücklich, dass es wieder losgeht, aber viele Fragen sind noch offen. Es gibt keine Informationen, wie mit dem Thema Hygiene umgegangen wird. Auch die Frage, was bei Infektionen passiert, bleibt unbeantwortet", sagt sie.

Barbara Theiss weiß, wovon sie spricht. Die IT-Projektleiterin hat sich in den vergangenen Wochen intensiv mit dem Lockdown und den Folgen für die Bildungseinrichtungen beschäftigt. "Ich hatte schon zu Beginn des Lockdowns das Gefühl, dass sich niemand Gedanken macht, wie es in den Schulen und Kitas weitergeht."

Karben: Probleme nur vor sich hergeschoben

Die Mutter von zwei Kindern beginnt zu recherchieren - und findet in den sozialen Netzwerken Gleichgesinnte. Rund 20 Frauen rufen in den Osterferien die Initiative "Kinder brauchen Kinder" ins Leben und starten eine Unterschriftenaktion. Das Ziel ist klar: Kitas und Grundschulen sollen schnellstmöglich wieder in den Regelbetrieb gehen. "Es hat sich schnell gezeigt, dass Kinder - nicht wie anfangs vermutet - keine große Rolle bei Infektionsketten spielen und sich Kinder bis zu zehn Jahren selten infizieren", sagt Theiss. In nur fünf Wochen sammeln die Organisatorinnen rund 80 000 Unterschriften. "Damit hatten wir auch nicht gerechnet, aber es zeigt, dass viele Eltern das ähnlich sehen."

Barbara Theiss erläutert, dass es in der Schule um viel mehr geht als nur ums Lesen und Schreiben. "Das soziale Lernen fällt momentan komplett weg", bedauert sie. "In der Grundschule geht es auch darum, das Umfeld einer Gruppe kennenzulernen, innerhalb einer Gruppe zu agieren." Tafel- und Aufräumdienst, sich an Regeln halten und dennoch den Spaß nicht verlieren. "Die Grundschule ist enorm wichtig, und man hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass sich niemand darüber Gedanken macht. Die Situation ist auch für viele Eltern nicht zumutbar, besonders für Alleinerziehende." Kinder seien als großes Risiko dargestellt worden. "Dabei wurde viel zu wenig getestet und überprüft, ob das tatsächlich so ist."

"Kinder brauchen Kinder": Frauen der Initiative in ganz Deutschland verteilt

Die Frauen der Initiative sind in ganz Deutschland verteilt. "Das macht es nicht immer leicht, denn jedes Bundesland hat unterschiedliche Beschränkungen." Bildung ist Ländersache. Theiss spricht von einem "Flickenteppich". Die präsentierten Zwischenschritte seien eher ein "Sechs-Wochen-vor-sich-herschieben, anstatt Lösungen zu finden". Das haben Theiss und ihre Mitstreiterinnen auch in die Politik getragen. "Wir hatten in verschiedenen Bundesländern Gespräche mit Politikern. Viele haben Verständnis gezeigt, dennoch hat sich gerade zu Beginn wenig getan."

Bei ihrer Kritik berufen sich die Organisatorinnen auf internationale Beispiele. Von der Schweiz über Israel bis hin zu Dänemark seien Schulen zeitiger wieder aufgemacht worden. In keinem der Länder kam es zu vermehrten Infektionen. "In allen Ländern ist die Zahl der Infektionen trotzdem - zum Teil drastisch - gesunken. Schulen und Kitas haben sich nicht zu Infektionsstätten entwickelt."

"Kinder brauchen Kinder": Umsetzbare Konzepte sind nötig 

Ab der kommenden Woche startet in Hessen die Testphase für den Regelbetrieb. Das sei grundsätzlich gut, betont Theiß. "Was in den Schulen momentan für Vorgaben herrschen, ist einfach nicht angemessen. Die Kinder stehen mit Masken in Schlangen vor den Räumen, werden einzeln in die Klasse gerufen." Schüler, in deren Familien es nur eine Person mit Symptomen gebe, sollen zwei Wochen zu Hause bleiben. "Dazu gehört auch schon ein Husten, da jeder auf das Virus anders reagiert. Da muss es eine andere Lösung geben."

Theiss vermisst solche Lösungen. "Ein für die breite Bevölkerung verfügbarer Impfstoff ist nach Expertenmeinung nicht vor Mitte nächsten Jahres zu erwarten." Daraus ergebe sich die zwingende Notwendigkeit, tragfähige und zeitnah umsetzbare Konzepte zu entwickeln, die trotz fortschreitender Pandemie eine Betreuung und Bildung sowie ausreichende soziale Kontakte für Kinder jeden Alters gewährleisten. "Wir haben noch keinerlei Informationen, wie es nach den Sommerferien weitergehen wird. Wie wird denn mit Infektionen im Herbst umgegangen? Werden Tests zur Verfügung gestellt?" Es bleibe spannend.

"Kinder brauchen Kinder": Internationale Beispiele auf Homepage 

Barbara Theiss und ihre Mitstreiterinnen haben weiterhin die Sorgen, "dass Schulen die Ersten sind, die bei steigenden Zahlen wieder dichtmachen". Solange das Bild in der Gesellschaft herrsche, dass Kinder gefährlich seien, wenn es um das Virus gehe, dürfe man nicht aufhören, auf das Thema aufmerksam zu machen. Barbara Theiss kündigt an: "Wir kämpfen weiter."

Auf der Homepage der Initiative gibt es alle Informationen zur Initiative. Die Organisatorinnen stellen dort nicht nur sich und ihr Projekt vor, sondern verweisen auch auf die Entwicklung in anderen Ländern. Neben diesen Informationen gibt es auch wissenschaftliche Artikel zum Thema Corona sowie einen konkreten Fünf-Punkte-Plan. Dieser umfasst: 1. Rehabilitation der Kinder, 2. Kindergipfel zum Beschluss bundeseinheitlicher Richtlinien zur Öffnung der Bildungseinrichtungen, 3. Angepasster Regelbetrieb für alle Kinder, 4. Gezielte Aufklärung zu Covid-19 bei Kindern sowie 5. Begleitendes Monitoring der Öffnung. Auf der Homepage geht’s auch direkt zur Unterschriftenliste. Stand gestern haben rund 85 000 Personen die Petition der Initiative unterzeichnet.

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