1500 Tonnen Kartoffeln lagert der Rendeler Landwirt Horst Scheller bei fünf Grad Celsius ein. Weitere 1000 Tonnen lagern ohne Kühlung. FOTOS: CHRISTINE FAUERBACH

Kartoffelanbau verlangt Fachwissen

Karbener und Vilbeler Landwirte blicken auf Kartoffelernte

Die südliche Wetterau ist eine Hochburg für biologischen und konventionellen Kartoffelanbau. Landwirte aus Karben und Bad Vilbel blicken in diesem Jahr auf eine unterdurchschnittliche Ernte. Und auch die Corona-Krise hat Auswirkungen auf den Kartoffelmarkt.

I n der südlichen Wetterau gibt es sechs Kartoffelbauern. Dazu gehören der Rendeler Landwirt Horst Scheller, der Massenheimer Steffen Laupus und der Klein-Kärber Biolandwirt Sebastian Mager. Das Trio ist sich einig, dass Kartoffeln heute fast schon zu den Sonderkulturen gehören, für deren erfolgreichen Anbau spezielle Kenntnisse notwendig sind. "Ein Feeling für die Sorten und die Bodenbearbeitung ist wichtig. Kartoffelanbau ist eine Leidenschaft. Wer nur den Gewinn im Blick hat, sollte die Finger davonlassen", sagt Steffen Laupus.

Er baut auf 90 Hektar Fläche 16 verschiedene Sorten Kartoffeln an, vor allem festkochende wie Annabelle und Belana, vorwiegend festkochende wie Queen Ann, aber auch mehlig kochende wie Sunita oder Lilly. Immer im Wechsel mit Zuckerrüben und Getreide sowie zwei Hektar Grünspargel. "Auf unserem Hof ist der Kartoffelanbau und die Vermarktung in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich angestiegen. Früher waren Kartoffeln in unserem Betrieb eher ein Nebenprodukt."

Die Kartoffel-Erntesaison auf dem Laupushof dauert von Anfang Juli bis Anfang Oktober. Zur Bewässerung darf der Landwirt Wasser aus der Nidda entnehmen. Direkt vermarktet der Bauer seine Kartoffeln im eigenen und anderen Hofläden, der Gastronomie und im Lebensmittelhandel. Zu seinen Kunden gehören Edeka, Rewe und Globus.

Export bricht zusammen

Um die Nachfrage zu decken, kauft er von anderen Betrieben wie dem Rendeler Schellerhof Kartoffeln dazu. Verpackt werden die Speisekartoffeln in drei Sortierungen, gewaschen oder ungewaschen, in 1,5-kg- bis 25-kg-Netzen. Gelagert werden mit Kühlung bei fünf Grad 1500 Tonnen und ohne Kühlung 1000 Tonnen in jeweils 1500 Kilogramm fassenden Holzkisten. Drei Mitarbeiter ernten die Kartoffeln, weitere helfen bei der Verpackung sowie zwei Azubis bei der Einlagerung.

Seit Generationen gehört die Familie Scheller in Rendel zu den Kartoffelbauern in der Wetterau. Schon Opa Albert und Vater Günter Scheller lieferten im Herbst ihre Kartoffeln direkt in die Keller ihrer Kunden in Frankfurt. Auf seinen insgesamt 120 Hektar in Rendel und Umgebung baut Horst Scheller auf 35 Hektar Speisekartoffeln wie Annabelle und Anuschka oder Salatkartoffeln wie Glorietta oder Allianz, im Wechsel mit Zuckerrüben, Weizen, Sojabohnen (20 Hektar) und Biogas-Mais für die Anlage in Karben, an. Von jeder Kartoffelsorte gibt es vier Sortierungen. "Übergrößen und kleine gehen in die Gastronomie, mittlere an Privatleute, Salatsortierungen in die Gastronomie und an Privatleute.

In der europäischen Lebensmittelindustrie werden Sorten wie Zorba und Innovator zu Pommes verarbeitet, zu Chips Sorten wie Lady Rosetta und Austin. Zu Schellers Abnehmern gehört der große Kartoffelhändler Weuthen, das Frischezentrum in Kalbach sowie Direktvermarkter in Hofläden und Straßenverkauf.

"Bei den Industriekartoffeln ist der Markt schwierig, weil der Export zusammengebrochen ist", sagt Scheller Bei ihm gebe es dank Folienanbau und Beregnung neue Kartoffeln bereits ab dem 10. Juni. Das Wasser zur Beregnung stammt mit Genehmigung des Wetteraukreises aus Brunnen sowie mit Genehmigung des Regierungspräsidenten in Darmstadt aus Nidda und Nidder. "Auf den beregneten Flächen fiel die Ernte durchschnittlich aus, liegt bei 40 bis 50 Tonnen pro Hektar. Ohne Beregnung sind es zehn bis 15 Tonnen weniger", berichtet Horst Scheller.

Rund 500 Tonnen Kartoffeln lagert er in großen Holzkisten ein. Dazu nutzt er zum einen Kühlung bei fünf oder sechs Grad, zum anderen eine Begasung mit dem Bio-Mittel "1.4 Sight". "Der Stoff des Mittels kommt auch in der Kartoffel vor, wo er die Keimung reguliert."

Absatz in der Gastronomie fehlt

Heute werde Landwirten in allen Bereichen sehr großes Fachwissen abverlangt, der bürokratische Aufwand sei hoch. "Allein für die Zertifizierung benötigt man eine Bürokraft."

Biobauer Sebastian Mager baut auf zehn Hektar neun Sorten Kartoffeln an. Dazu zählen die festkochenden Nicola und Belana, die vorwiegend festkochenden Finca und die rotschalige Laura sowie die mehlig kochenden Gunda und Talent. Immer im Wechsel mit Dinkel, Weizen und Roggen. Geerntet wird ab Juli.

Eingelagert werden 250 Tonnen bei fünf Grad mithilfe einer Kühlmaschine und nachts mit Außenluft. Vermarktet werden die Kartoffel im eigenen und anderen Hofläden und auf Wochenmärkten im Rhein-Main-Gebiet. Durch die Trockenheit falle die Ernte eher unterdurchschnittlich aus. Einen kleinen Teil der Felder habe Mager mit Brunnenwasser bewässert. Wie auch seine Kollegen berichtet er, dass wieder mehr Betriebe in den Kartoffelanbau eingestiegen seien.

Da der Absatz in der Gastronomie durch die Corona-Krise fehle, drückten riesige Mengen auf den Markt und die Preise, die aufgrund der Erntemengen besser sein könnten. "In den beiden vergangenen Jahren waren die Preise auskömmlich, in diesem Jahr gibt der Preis auch durch Quereinsteiger nach", ergänzt Laupus. Das unternehmerische Risiko sei in der biologischen wie konventionellen Landwirtschaft infolge von Klimaveränderung und Marktschwankungen hoch.

Kartoffeln sind Nutzpflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse. Zur Freude der vielen Liebhaber der tollen Knollen gibt es Schätzungen zufolge, weltweit ungefähr 5000 Sorten. In Deutschland sind vom Bundessortenamt etwa 200 Sorten zugelassen. Je nach Sorte werden sie in frühe, mittelfrühe oder späte eingeordnet. Unterschiedlich sind auch ihre Eigenschaften, die von mehlig über vorwiegend festkochend bis festkochend reichen. Angebaut werden Kartoffeln sowohl als Nahrungs- wie auch Futtermittel und als Industrierohstoff. cf

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