Stefan Kraft stellt sein Unternehmen "Personalwerk" vor und beschreibt die Prozesse zur digitalen Personalgewinnung. 	FOTO: HOLGER PEGELOW
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Stefan Kraft stellt sein Unternehmen »Personalwerk« vor und beschreibt die Prozesse zur digitalen Personalgewinnung. FOTO: HOLGER PEGELOW

Karbener »Personalwerk«

Karbener »Personalwerk«: Bewerbungsmappe out - digitales Profil gefragt

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Es gibt Betriebe, die bei der Personalsuche Bewerbungsmappen durchschauen und Kandidaten nach Schulnoten und Berufserfahrung wählen. Doch bei Unternehmen funktioniert das häufig anders - digital und anhand von Profilen. In diesem Metier ist das Karbener »Personalwerk« unterwegs. Corona hat dem Geschäft zusätzlichen Aufschwung verliehen.

W enn eine Großbank vor 30 Jahren Bewerberinnen und Bewerber für eine bestimmte bestimmt Stelle gesucht hat, hat sie in den Zeitungen eine Anzeige geschaltet. Dann haben sich Dutzende, manchmal sogar Hunderte von Bewerbern auf eine oder mehrere Stellen beworben. Im Personalbüro war Stress angesagt, denn es galt, den oder die Bewerber anhand der eingereichten Mappen auszuwählen und zum Vorstellungsgespräch zu laden. Häufig bekamen schließlich diejenigen die Stelle(n), die gute Noten hatten, eine überzeugende Bewerbungsmappe und die beim Einstellungsgespräch einen guten Eindruck gemacht haben. Das war aufwendig und hat gedauert. Nicht selten hat sich herausgestellt, dass der Auserwählte weder in die Abteilung noch ins Team passte.

»Aivy« enwickelt spielerische Tests

Heute, im digitalen Zeitalter, funktioniert Personalanwerbung und -auswahl häufig ganz anders. Zumal sich auch die Rahmenbedingungen völlig geändert haben, weiß Stefan Kraft, Gründer und Inhaber der Karbener Firma »Personalwerk«. »Die heutigen Personalprozesse sind dynamischer geworden«, sagt Kraft. Damit meint er zunächst, dass sich jeder von überall her überall per Mausklick bewerben kann. Auch bei den Stellenanbietern habe sich etliches geändert. Viele Personaler bekämen nicht genug Bewerber für bestimmte Stellen. »Die müssen heute schneller sein, sonst sind gute Bewerber vom Markt.«

Damit man in dem dynamischer werdenden Prozess auch die Richtigen findet, bedarf es moderner Verfahren. »Die Firmen übermitteln uns häufig Profile, nach denen sie die Bewerber einstellen würden«, sagt Kraft. Aber wie findet man die Richtigen? Benötigt werde eine sogenannte Eignungsdiagnostik. »Personalwerk« erhebt im Auftrag von Firmen also mehr Daten von potenziellen Bewerbern.

Wie man diese konkret gewinnt, weiß ein junges Start-up-Unternehmen aus Berlin, an dem sich die Karbener Firma seit Kurzem finanziell beteiligt. Das erst in diesem Jahr gegründete Unternehmen »Aivy« hat sogenannte Game-based-Assessements entwickelt. Das sind spielerisch verpackte psychologische Testverfahren, die von Unternehmen zur besseren Vorqualifizierung von Bewerbern genutzt werden. Nutzer können auf ansprechende, wissenschaftlich fundierte Weise die eigenen Potenziale erkunden, ein individuelles Stärkenprofil anlegen und passende Perspektiven entwickeln.

Kraft nennt hier das Beispiel Deutsche Bahn, einer der Auftraggeber für »Personalwerk«. Die Bahn habe Lokführer gesucht, und man habe von den Bewerbern Profile erstellt. Dabei habe man herausgefunden, dass einige nicht als Lokführer geeignet gewesen seien, sehr wohl aber als Gleisbauer.

Individuelle Bewerberprofile

Einer der Gründer von »Aivy«, Florian Dyballa, ergänzt, dadurch, dass man individuelle Bewerberprofile erstelle, stiegen die Chancen für die Bewerber, eine Stelle zu kriegen. Nicht genau die, auf die diese sich beworben hätten, aber beim selben Unternehmen.

Vorgesetzte wollten ganze Teams zusammenstellen. Dann seien Bewerberinnen und Bewerber mit bestimmten Eigenschaften gefragt. Das verringere das Risiko, dass man einen Bewerber ins Team hole, der nicht zu den anderen passe. »Die klassische Personalauswahl nach Noten ist passé«, weiß Dyballa. Er und Kraft haben sich auf einer Veranstaltung in Frankfurt kennengelernt. Dort präsentierte Aivy sein Bewerber-Analyseprogramm. Das siebenköpfige Team aus Pychologen, Entwicklern, Operatern, Vertrieblern und Marketingspezialisten passe hervorragend zu Personalwerk, sagt Kraft. Das von ihnen entwickelte Programm sei ein »innovativer Ansatz mit viel Potenzial«.

Bereits vor der Corona-Pandemie und der aufkommenden Nachfrage nach modernen Rekrutierungsmaßnahmen erkannte der Klein-Karbener Stefan Kraft die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Personalbranche und beteiligte sich an dem jungen Start-up. »Wir glauben daran, dass sich durch den spielerischen Aspekt der Anwendung Kandidaten effizient und modern vor-qualifizieren lassen«, erklärt er seine Investition. Insbesondere in Zeiten von Corona, Social Distancing und einer erhöhten Mitarbeiternachfrage in bestimmten Sektoren sind neue Methoden gefragt. Dadurch gewinne man mehr Daten. »Aber wir sind keine Datenkrake«, wehrt Kraft ab. »Wir schaffen auch nicht den gläsernen Bewerber«, tritt er etwaigen Befürchtungen entgegen.

Digitale Personalgewinnung

»Personalwerk« bezeichnet sich als eine der führenden Agenturen für Personalmarketing, E-Recruiting und Personalberatung im deutschsprachigen Raum. Das Unternehmen hat mittlerweile fast 250 Mitarbeiter, das Gros in Karben. Das Tätigkeitsfeld umfasst sowohl die Definition der Arbeitgebermarke als auch die Entwicklung, Planung und Umsetzung von Personalmarketingkampagnen inklusive Stellenanzeigenschaltung bis hin zur taktischen Personalbeschaffung. Die Agentur im Karbener Gewerbegebiet berät andere Firmen bei der Personalrekrutierung und treibt jetzt digitale Rekrutierungsmaßnahmen voran, um Personalern effektive Werkzeuge für das Management 4.0 an die Hand zu geben.

Auch die hessische Digitalministerin Professorin Kristina Simenus war auf das Karbener Unternehmen aufmerksam geworden und kürzlich dort zu Gast. (die WZ berichtete)

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