Die Corona-Situation im Kreis Offenbach spitzt sich immer weiter zu - Das Gesundheitsamt arbeitet am Limit.
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Ist das Kreisgesundheitsamt mit der Corona-Kontaktnachverfolgung überfordert? Nein, sagt der Kreispressesprecher. Erstkontakte würden innerhalb eines Tages informiert. Ein Karbener widerspricht: Er hatte engen Kontakt zu einer Infizierten, wartet aber bis heute auf eine Info vom Gesundheitsamt. (Symbolbild)

Kein Anruf vom Gesundheitsamt

Wetterau: Karbener hat Kontakt zu Corona-Kranker – Gesundheitsamt informiert ihn nicht

  • vonJürgen Schenk
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Die Theorie besagt: Wer Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, bekommt Nachricht vom Gesundheitsamt. In der Praxis sieht das jedoch zur Zeit anders aus, ein Karbener berichtet.

  • Der Karbener hatte Kontakt zu einer Kundin bei der sich später herausstellte, dass sie coronapositv ist.
  • Obwohl er einer der Erstkontakte war, hat sich das Friedberger Gesundheitsamt bis heute nicht bei ihm gemeldet.
  • Ohne Anweisung begab sich der Mann in Selbstquarantäne und machte einen Corona-Test.

Karben - Viele werden es inzwischen selbst erlebt haben: Monatelang waren immer nur die anderen infiziert. Dann kamen die Einschläge plötzlich näher. Verwandte oder Leute aus dem Bekanntenkreis erkrankten am Coronavirus. Oder sie wurden zu Verdachtsfällen und mussten in Isolation. Und dann ist man mit einem Mal selbst dabei. Erstkontakt. Quarantäne.

Ein mulmiges Gefühl kommt auf, das sich mitunter bis zur Angst steigern kann. 14 Tage zwischen Hoffen und Bangen. Der eigene Körper wird zum ständigen Beobachtungsobjekt. Schmeckt das Essen noch? Ist das Halskratzen morgens vielleicht ein erstes Symptom der Krankheit? Habe ich Temperatur?

Karben: Mann hat Kontakt zu Kundin mit Corona

So oder ähnlich erging es kürzlich einem 50-jährigen Karbener. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Aber das, was er schildert, scheint in diesem Jahr der ganz normale Wahnsinn zu sein. Eine Geschichte, wie sie nur das (Corona-)Leben schreiben kann.

Irgendwo in der Wetterau habe er eine 75-jährige Kundin besucht, erzählt der Mann. An ihrem Wohnzimmertisch hätten sie sich gegenüber gesessen. Wegen der Enge ohne den erforderlichen Mindestabstand, aber wenigstens mit Mund-Nase-Bedeckung. Nur ihre Maske sei beim Sprechen immer wieder von der Nase gerutscht. Gehustet habe sie auch ab und zu. »Eine knappe Stunde war ich bei ihr. Während dieser Zeit bot sie mir einen Kaffee an, den ich aus Höflichkeit nicht ablehnen wollte. Zum Trinken musste ich natürlich immer wieder kurz die Maske vom Gesicht nehmen. Ein ungutes Gefühl hatte ich da eigentlich noch nicht. Das kam erst nach dem Wochenende, als sie mich anrief und sagte, dass es ihr schlecht ginge.«

Wetteraukreis: Karbener wird nicht vom Gesundheitsamt informiert

Zwei Tage später, nach einem weiteren Telefongespräch, habe er schließlich Gewissheit gehabt: Die Frau war coronapositiv und er einer der Erstkontakte. »Ich habe Covid«, hatte sie gesagt. »Ihre Daten musste ich dem Amt melden.«

Nach einem Telefonanruf beim Gesundheitsamt in Friedberg wurde seine Verunsicherung nicht unbedingt kleiner. Die Dame am anderen Ende der Leitung war zwar freundlich, ihre Botschaft allerdings im Nachhinein unzutreffend. Er solle zu Hause bleiben und abwarten. Das Gesundheitsamt würde sich bei ihm melden. Nur bis dahin könne es etwas länger dauern. »Überlastung« war das Stichwort, das sie ins Feld führte.

Karben: Mann macht Corona-Test in Eigenverantwortung

»Angesichts der hohen Infektionszahlen war das keine Überraschung für mich«, sagt der Karbener. »Nur auf den Rückruf warte ich immer noch. Also begab ich mich ohne amtliche Anweisung in Selbstquarantäne, versuchte meine Familie zu schützen und machte so bald wie möglich einen Corona-Test. Das Ergebnis war Gott sei Dank negativ.«

Was aber wäre andernfalls gewesen? Zwei Personen aus seinem Haushalt hätte der Mann wohl auf jeden Fall angesteckt. Doch die mussten ihren Aufgaben weiterhin nachkommen. Aus seiner Sicht sei es wie eine Gratwanderung mit ungewissem Ausgang gewesen. »Wenn das Gesundheitsamt jetzt mehr auf Eigenverantwortung setzt, muss das auch so kommuniziert werden«, meint er. »Komisch war nur, dass man dort auch nach fast zwei Wochen immer noch nicht meinen Namen kannte.«

Wetteraukreis: Anruf vom Gesundheitsamt innerhalb eines Tages

Die WZ nahm seine Geschichte zum Anlass, um beim Gesundheitsamt des Wetteraukreises nachzufragen. Die E-Mail-Antwort des Pressereferenten Michael Elsaß zeichnet ein völlig anderes Bild: »Derzeit werden noch immer alle Kontaktpersonen der Indexpatienten spätestens einen Tag nach dem positiven Ergebnis von uns kontaktiert. Erstkontakte werden ermittelt durch Befragung der Indexpatienten.« Der Kreissprecher nennt auch aktuelle Zahlen: Rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Teilen der Verwaltung seien jetzt mit der Nachverfolgung von Kontakten beschäftigt. Weniger als zehn davon kämen von Bundes- und Landesbehörden zur externen Unterstützung. Diese Personen hätten Wohnmöglichkeiten in Friedberg und Umgebung bekommen. Zum Thema Eigenverantwortlichkeit liest sich seine Antwort relativ schablonenhaft: »Da gelten die Vorgaben des RKI.«

Auf eine für ihn wichtige Erkenntnis möchte der Karbener dringend hinweisen. »Hört endlich auf über die Maskenpflicht zu diskutieren«, fordert er seine Mitmenschen aus eigener Erfahrung auf. »Hätten wir in dem Wohnzimmer der Kundin keine Masken getragen, hätte ich mich sehr wahrscheinlich auch infiziert.«

Das Plädoyer des 50-Jährigen aus erster Hand lässt kaum einen Widerspruch zu. Außerdem lieferten wissenschaftliche Studien eindeutige Ergebnisse. Japanische Forscher am Institute of Medical Science der Universität Tokio fanden heraus, dass ein korrekt angelegter Mundschutz die Virenübertragung auf andere Menschen um rund 70 Prozent verringern kann. Beiderseitiges Maskentragen soll die Virenaufnahme sogar auf unter zehn Prozent begrenzen. (jsl)

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