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Ein ganz besonderer Wohlfühlort: Sandra Böckle-Wendling zeigt ihre dekorative Sammlung im »Uhrenflur«.

Kaputte Uhren sind ihre Leidenschaft

  • VonJürgen Schenk
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Für Sandra Böckle-Wendling sind Uhren das Schönste, was es auf der Welt gibt. Mit einer Einschränkung: Sie sollten kaputt sein. Das Ticken der Zeit ist ihr unbehaglich, eine Armbanduhr am Handgelenk empfindet sie als störend. So kommt es, dass fast jeder Zeitmesser in ihrer Karbener Wohnung zur Dekoration dient.

S chon beim Eintreten in den Flur fällt ein ganzes Konglomerat von Uhrengehäusen an den Wänden auf. Keine einzige Uhr ist noch funktionsfähig, aber in puncto Vielfalt und Masse ist das Gesamtbild ein Hingucker. Plastikprodukte hängen neben edler Manufakturware. Kein Stück ist wie das andere. »Den Wert der Sammlung kenne ich nicht, weil ich von Uhren eigentlich gar keine Ahnung habe«, verrät Sandra Böckle-Wendling.

Der »Uhrenflur«, wie sie diesen Teil der Wohnung in Karben nennt, zeigt einen ganz eigenen Charakter. Nur dort möchte sie ihre Sammlung genießen. Alle anderen Räume sollen, bis auf eine Wanduhr in der Küche, frei bleiben. Genauso stellt sie sich Wohlfühlen vor. »Über 2500 Stücke müssten mittlerweile zusammengekommen sein«, schätzt die Sammlerin.

»Angefangen hat alles vor mehr als 40 Jahren bei Besuchen auf Frankfurter Flohmärkten. Zuerst lag mein Augenmerk nur auf den Zifferblättern. Dann bin ich irgendwann beim Hessischen Rundfunk bekannt geworden. Es wurde ein Aufruf gestartet, wer ausrangierte Uhren an mich abgeben möchte. So habe ich aus ganz Hessen Stücke bekommen.«

Aus dieser Zeit rührt auch ihre offene Begeisterung für den Rundfunk. Ein Fernsehgerät sucht man im Wohnzimmer von Sandra Böckle-Wendling und Alain Wendling vergebens. Nachrichten und Musik liefert das Küchenradio. Besonders für den Kult-Moderator Werner Reinke und seine unverwechselbare Stimme kann sie sich begeistern. Mit 75 Jahren ist sie genauso alt wie Reinke, auch wenn man das angesichts ihres Esprits kaum glauben möchte. Einen Job in der Gastronomie kann sie sich immer noch vorstellen, um nebenher weiter aktiv zu bleiben.

In dieser Branche hat sie gearbeitet. Zusammen mit der Kindererziehung bedeutete das für die mehrfache Mutter Beschäftigung von morgens bis in die Nacht. Denn nach der Scheidung von ihrem ersten Mann war sie auf sich alleine gestellt.

Die Familie nennt sie »U(h)roma«

Eine Familie zur Unterstützung gab es nicht. Sandra Böckle-Wendling wuchs selbst ohne Eltern in einem christlichen Kinderheim in Würzburg auf. Mit Alain Wendling, ihrem zweiten Ehemann, betrieb sie in Frankfurt-Sachsenhausen später einen Catering-Service. Vor vier Jahren kam das Ehepaar von Weißkirchen nach Karben.

Wegen ihres Uhren-Spleens müsse sie Neckereien über sich ergehen lassen, erzählt Böckle-Wendling. »In meiner Familie werde ich jetzt schon U(h)roma genannt, obwohl ich erst Oma geworden bin.

Und dann gab es auch schon Leute, die mich in der Nacht der Zeitumstellung anriefen und fragten, ob ich auch alle Uhren umgestellt habe. Einmal hat das Reinigen aller Uhren zu viert vier Stunden gedauert. Da ist mir erst mal aufgefallen, welche verschiedenen Geschichten ich über sie erzählen kann.«

Von einigen Exemplaren sind sogar die Namen der früheren Eigentümer bekannt. Kleine Schildchen mit Geburts- und Sterbejahr an der Wand erinnern an die Menschen. Oft handelt es sich um alte Herrentaschenuhren, die mittels einer Kette an der Jackentasche getragen wurden. Solche Schmuckstücke stammen oft aus dem Nachlass von Verstorbenen und können manchmal über 100 Jahre alt sein. Glücklich macht sie die Gewissheit, dass es nach ihrem eigenen Tod Leute geben wird, die die Uhrensammlung übernehmen wollen. »Meine Kinder sagen immer: Das bist du. Und deshalb ist es nur logisch, dass die Uhren in ihren Besitz übergehen werden.«

Dazu wird dann wahrscheinlich auch die dreieckige Bistro-Uhr gehören, die einst im Eiscafé »Monti« in Groß-Karben hing. Beim Umbau der dortigen Innengastronomie soll das gute Stück unter leicht dubiosen Umständen abgehängt worden sein. Die beiden Betreiber des Eiscafés seien aber eingeweiht, beruhigt die heutige Besitzerin.

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