Jürgen Schenk hat sich im Laufe der Jahre zu einem Schriftsachverständigen entwickelt. Er kann viele alte Schriften wie Sütterlin lesen, wie etwa dieses alte Rezeptbuch. FOTOS: HOLGER PEGELOW
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Jürgen Schenk hat sich im Laufe der Jahre zu einem Schriftsachverständigen entwickelt. Er kann viele alte Schriften wie Sütterlin lesen, wie etwa dieses alte Rezeptbuch. FOTOS: HOLGER PEGELOW

Kenner alter Schriften

Jürgen Schenk entziffert Sütterlin-Schriftstücke

  • Holger Pegelow
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Viele Menschen kennen das: Auf dem Dachboden liegen oft vergilbte Bücher und Urkunden. Wer darin versucht zu lesen, scheitert meistens schon nach kurzer Zeit. Die alte Sütterlinschrift ist den weitaus meisten ein Buch mit sieben Siegeln. Nicht so dem Karbener Jürgen Schenk. Er kann solche alten Schriften lesen. Wie er dazu gekommen ist und was er sonst noch zutage fördert, erzählt er dieser Zeitung.

Das ist ein Rezept für Dampfnudeln, die kochen wir in der Familie schon über einige Generationen so", sagt Jürgen Schenk. Er deutet dabei auf die teilweise vergilbte Seite mit ausgefransten Rändern, die er soeben einem Buch entnommen hat, dem man ansieht, dass es mächtig in die Jahre gekommen ist. Das Buch mit vielen Familienrezepten stammt aus dem Jahr 1902. Wer versucht darin zu lesen, wird alsbald scheitern. Denn das gesamte Buch, das Schenk in einer schützenden Plastikhülle zum Termin mitgebracht hat, ist in Sütterlin-Schrift geschrieben. "Ich kann diese Schrift lesen, und deshalb habe ich das Familienkochbuch auch schon transkribiert." Der Fachausdruck bedeutet einfach ausgedrückt, in die heutige lateinische Schrift "übersetzt".

Dass Schenk so etwas kann, hat eine längere Vorgeschichte. Im Alter von 14 Jahren habe er in den Akten seines Großvaters gestöbert. "Am Anfang war es nur ein Stück altes Papier, auf dem in schön verschnörkelter Schrift Namen und Zahlen standen - eine vergilbte Urkunde, die mich irgendwie faszinierte, obwohl ich nicht eines der geschriebenen Wörter richtig lesen konnte", sagt Schenk.

Familiengeschichte mit 3000 Namen

Diese Urkunde habe zwar seinem Großvater gehört, dieser habe sie aber nicht selbst angefertigt. Es sei eine Niederschrift seiner Vorfahren gewesen. Die ältesten Namen in dieser Urkunde gehörten zu Personen, die sogar sein Großvater nicht mehr gekannt habe. Sein Interesse sei geweckt gewesen, sagt Schenk. Deshalb habe er das Rätsel lösen wollen. "Ich wollte mehr über seine und meine Vorfahren wissen", schreibt Schenk auf seiner Homepage.

Und so begann er, mit Hilfe von Lernbüchern und des Internets diese Sütterlin-Schrift zu "entziffern" und sie so zu verstehen. "Ich habe learning by doing gemacht", blickt er zurück.

Bei der Beschäftigung mit der Schrift kam ihm auch in den Sinn, die ganze Familiengeschichte zu erforschen. "Ich habe da mittlerweile rund 3000 Namen im Programm", sagt Schenk scherzhaft. Er habe während der sieben Jahre dauernden Recherche viele verschiedene Handschriften kennengelernt. Zum Beispiel auch die Kurrent-Schrift, die ab zirka 1550 geschrieben worden sei. Die Sütterlin-Schrift sei eine verfeinerte Kurrent-Schrift, weiß Schenk, der mittlerweile zum Sachverständigen für alte Schriften geworden ist. Und obendrein Familienforscher. "Durch die Familienforschung ist auch mein Interesse an Geschichte geweckt worden."

300 Feldpostbriefe transkribiert

Über das Internet sei er dann mit einem Historiker aus Allendorf in Kontakt gekommen. Für ihn habe er eine Urkunde zur Oberhessischen Adels- und Eisenbahngeschichte gesucht, gefunden und übersetzt. "Das war im Jahr 2013 meine erste Auftragsarbeit", erinnert sich Schenk.

Inzwischen sind etliche hinzugekommen. Über den Historiker aus Oberhessen ist er mit einer Frau in Kontakt gekommen, für die er Feldpostbriefe aus dem 1. und 2. Weltkrieg transkribiert hat. "Die Dame hatte fünf Koffer voller Feldpostbriefe. Das waren rund 300 Briefe aus Frankreich und Russland." Als er sie gelesen habe, sei er sehr betroffen gewesen. "Die Feldpost hat mich sehr berührt", betont Schenk.

Der Ehemann der Auftraggeberin sei eines Tages zu ihm gekommen und habe ihn beauftragt herauszufinden, ob sein Opa im KZ Dachau aktiv an der Tötung von Gefangenen beteiligt gewesen sei. Schenk machte sich auf nach Ludwigsburg, wo die sogenannten Spruchkammerakten lagern. Dort habe er die 100 Seiten dicke Akte gefunden. Das Ergebnis beruhigte seinen Auftraggeber: Dessen Opa sei nicht direkt beteiligt gewesen, sei nur zum Dienst gezwungen gewesen. "Auf diese Recherche bin ich ein wenig stolz", sagt Schenk. "Ich konnte jemandem helfen, sein Gewissen zu erleichtern."

Der 50-Jährige ist mit alten Schriften und Historie inzwischen bestens vertraut. Er kennt sich in vielen Archiven aus. Denn dort lagern viele wichtige Schriftstücke. "Einer hat mich mal ›Archivscout‹ genannt, das trifft zu", schmunzelt Schenk. Und weil er etwas kann, was viele nicht können, nimmt er auch Aufträge an. Unter www.vergangene-handschriften.de hat er eine Homepage angelegt, auf der er beschreibt, wie er zur Stammbaumforschung kam und warum ihn Geschichte interessiert.

Jürgen Schenk ist seit November 2016 freier Mitarbeiter dieser Zeitung. Er schreibt nicht nur über Historisches, sondern berichtet ebenso über aktuelle Ereignisse. Geboren wurde Schenk vor 50 Jahren in Bad Nauheim, als Kind wuchs er in Nieder-Wöllstadt auf.

Seit mittlerweile dem Jahr 1994 lebt Schenk im Stadtteil Groß-Karben. pe

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