Es ist Ruhe eingekehrt vor dem Conti-Werk in Karben. Nach zahlreichen Demonstrationen, Aktionen und Verhandlungstagen ist in letzter Minute ein Kompromiss erreicht worden.
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Es ist Ruhe eingekehrt vor dem Conti-Werk in Karben. Nach zahlreichen Demonstrationen, Aktionen und Verhandlungstagen ist in letzter Minute ein Kompromiss erreicht worden.

Conti-Werk Karben

Information statt Demonstration: Ruhe nach dem Sturm beim Conti-Werk in Karben

  • vonPatrick Eickhoff
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Nach dem Kompromiss in letzter Minute für das Conti-Werk in Karben ist die Arbeit noch lange nicht vorbei. Die IG Metall ist bemüht, die Belegschaft über die Ergebnisse zu informieren.

Es ist so etwas wie die Ruhe nach dem Sturm. Vor dem Automotive-Werk von Continental in Karben ist es still. Die gelb-schwarzen Fahnen wehen leicht im Wind, die Sonne scheint. Ein Lkw biegt auf das Firmengelände in der Dieselstraße ab. Das Zelt der IG Metall ist mit einem Band abgesperrt.

Wo in den vergangenen Wochen getrommelt, gepfiffen und demonstriert wurde, ist es mit Ende der vergangenen Woche ruhiger geworden. Denn: IG Metall und Continental haben sich auf einen Sozialtarifvertrag für den Standort Karben geeinigt. Das Werk wird vorerst nicht geschlossen. Damit ist die Arbeit jedoch noch lange nicht getan, wie Michael Erhardt informiert.

Conti-Werk in Karben: IG Metall um Aufklärung bemüht

Für den 1. Bevollmächtigten der IG Metall gilt in diesen Tagen die Devise: »Information, Information, Information.« Auf eine virtuelle Mitgliederversammlung folgt die nächste. »Wir führen viele Gespräche und beziehen die Belegschaft in den Versammlungen mit ein. Wir informieren sie über das Verhandlungsergebnis.«

Die Stimmung in der Belegschaft ist an diesem Morgen nur schwer einzufangen. »Natürlich ist es schön, dass ein Teil bleiben darf«, sagt ein bei Continental angestellter Familienvater, der anonym bleiben möchte. Man müsse es aber differenziert betrachten. »So viele Stellen bleiben jetzt auch nicht erhalten.« Dennoch sei man auch stolz aufeinander. »Der Zusammenhalt war wirklich groß. Das hat sich ja auch bei den Demonstrationen gezeigt. Es ist schön, dass ein Teilerfolg erzielt werden konnte.« Jetzt müsse man warten, was das Ergebnis für jeden Einzelnen bedeute. Der Mitarbeiter bleibt an diesem Morgen der Einzige, der etwas sagen möchte. Andere wollen erst die Informationsveranstaltungen abwarten.

Die IG Metall ist um Aufklärung bemüht. Konkret heißt das: Die Standortschließung ist seit vergangener Woche vom Tisch, ein Projekt zur Standortentwicklung wird gestartet. Für die Übergänge in den Ruhestand gilt der »Karbener Weg«. Es soll Abfindungen sowie einen Solidarfonds für für Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter sowie befristet Beschäftigte geben. Konkreter wird’s bei der Anzahl der Beschäftigten: Voraussichtlich rund 340 der aktuell knapp 1100 Mitarbeiter bleiben noch vor Ort. Die Continental Engineering Services (CES) bleibt mit 187 Beschäftigten am Standort. Für den ursprünglich vorgesehenen Zeitpunkt der Schließung der Continental Automotive GmbH zum 31. Dezember 2023 werde zugesichert, mindestens 150 Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. »Für Beschäftigte, die am Standort nicht weiterbeschäftigt werden können, werden Abfindungskonditionen angeboten, die vergleichbaren Standorten ähneln«, informiert Erhardt.

Karben: Entschlossenheit der Belegschaft des Conti-Werkes

Der 1. Bevollmächtigte der IG Metall betont, dass es darum geht, alle auf den aktuellen Stand zu bringen. »Für einzelne Gruppen wird es eventuell Spezialversammlungen geben.« Für das Altersteilzeit-Programm für Übergänge in den Ruhestand kommen laut Erhardt rund 300 Beschäftigte infrage. Michael Erhardt nutzt anschließend die Gelegenheit, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Karben zu loben. »Es ist wirklich eine tolle Belegschaft«, sagt er. Das Ergebnis sei nur durch die Geschlossenheit und Entschlossenheit der Belegschaft möglich geworden. Jetzt gelte es eben, jenen Mitarbeitern die Ergebnisse zu präsentieren. »Wir müssen die Informationen so transparant wie möglich machen.« Das sei am Standort in Babenhausen ähnlich gewesen.

Im Anschluss an die Meinungsbildung stimmen die Mitglieder der IG Metall auf Grundlage einer Empfehlung der Tarifkommission über das Verhandlungsergebnis ab. Aus diesem Grunde ist eine Erklärungsfrist bis zum 14. Mai zwischen den Tarifvertragsparteien vereinbart worden. Bürgermeister Guido Rahn (CDU) hatte den Kompromiss rund um das Conti-Werk in Karben begrüßt. Nachdem ursprünglich die komplette Schließung im Raum gestanden habe, sei der Erhalt von 340 Arbeitsplätzen »schon ein großer Erfolg«. Zudem sei der Zeitraum der Arbeitsplatzreduzierung um zwei Jahre verlängert worden, und die IG Metall habe sehr gute Übergangsregelungen ausgehandelt. »Die Kooperation von IG Metall und Stadt war sehr gut, und wir begrüßen den Erhalt des Standortes in Karben«, hatte er in der vergangenen Woche mitgeteilt.

Die Ankündigung, dass das Conti-Automotive-Werk geschlossen werden soll, hat die Belegschaft im September 2020 hart getroffen. Für großen Frust - besonders bei der Belegschaft - sorgte, dass man 2006 zu massiven Zugeständnissen bereit gewesen sei, um die Werke zu erhalten. Stattdessen habe Conti die 52 Millionen Euro Lohnkosteneinsparungen genommen, um zwei neue Werke in Litauen und Ungarn zu bauen. Mit vereinten Kräften und nach zahlreichen Demonstrationen und Aktionen konnte jetzt ein Kompromiss erreicht werden. wpa

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