Sozialer Treffpunkt auch in Corona-Zeiten (v. l.): Ivonne Berkenhagen, Elke Stelz und Werner Giesler in der Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe.	FOTO: JANA SAUER
+
Sozialer Treffpunkt auch in Corona-Zeiten (v. l.): Ivonne Berkenhagen, Elke Stelz und Werner Giesler in der Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe. FOTO: JANA SAUER

Hilfe so wichtig wie an Tag 1

Im Dezember vor fünf Jahren hat sich die Flüchtlingshilfe Karben gegründet. Die Aufgaben sind seither nicht weniger geworden, sie haben sich allerdings vielerlei Hinsicht gewandelt.

Die Fahrradwerkstatt an der Max-Planck-Straße ist am Mittwochnachmittag ein Ort der Begegnung - unter Corona-bedingten Abstandsregeln zwar, aber doch der Begegnung. Der Raum zum »Schrauben« ist geschlossen, er wäre zu eng. Doch unter freiem Himmel stehen sich vor der Tür Aya und ihre Freundin mit Mundschutz gegenüber und sprechen, wie es ihnen in diesen Tagen geht.

Dass dieser Ort der Begegnung angenommen wird, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis vielschichtiger Anstrengungen der Flüchtlingshilfe Karben. Vor fünf Jahren, im Dezember 2015, gründete sie sich nach einem ersten Runden Tisch zum Thema. »Die Gründung war eine Art Selbstläufer, wir haben uns zu keinem Zeitpunkt konkret vorgenommen: Jetzt gründen wir die Flüchtlingshilfe«, erinnert sich Pfarrer Werner Giesler. Philipp von Leonhardi, damals noch der für Integration zuständige Stadtrat, war auf der Suche nach Partnern auf ihn zugekommen; bereits 2014 war ein Arbeitskreis entstanden. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise lebten damals rund 200 Geflüchtete in Karben. Es wurde klar: Das Engagement muss nachhaltig sein.

Seither arbeitet die Flüchtlingshilfe religionsunabhängig unter dem »Dach« der evangelischen Kirchengemeinde Karben. Die Klein-Karbener St.-Michaelis-Gemeinde stellt »Infrastruktur«, anfangs vor allem Räumlichkeiten. Mittlerweile hat die Flüchtlingshilfe selbst Räume von der Stadt angemietet, wie jene der Fahrradwerkstatt, doch um die Finanzen kümmert sich weiterhin die Gemeinde. »Das würden wir als Initiative gar nicht schaffen«, sagt Ivonne Berkenhagen. Vier Menschen sind nebenamtlich über die Kirche angestellt.

Städtischer Sozialarbeiter fehlt

Bei der Stadt hingegen kritisieren die Engagierten »Desinteresse«. Ein Grundproblem sieht Giesler in den unterschiedlichen Arbeits- und Denkweisen: Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern seien da tendenziell schneller als Behörden. Darüber hinaus sei bei der Stadt Karben kein Sozialarbeiter als Ansprechpartner für die Geflüchteten angestellt, und die Tätigen des Wetteraukreises seien wenig greifbar und in vielen Fällen offiziell oder gefühlt nicht zuständig, sagt Elke Stelz.

Die Stadt sei allerdings im Konstrukt der Hilfe unverzichtbar. Vor allem die Finanzierung bereite Sorgen. Die finanziellen Zuweisungen richten sich nach der Zahl der Flüchtlinge, die als nicht anerkannte Flüchtlinge definiert sind. »Diese Unterscheidung machen wir aber nicht«, sagt Stelz. Sprich: Auch nach der Anerkennung und dem Auszug aus den offiziellen Flüchtlingsunterkünften ist die Karbener Flüchtlingshilfe erster Ansprechpartner. Und Unterstützung ist so gefragt wie an Tag 1: Vom Auszug über die Jobsuche bis hin zur Betreuung erster Kinder. Die Aufgaben der Flüchtlingshilfe ändern sich. »Integration ist kein Selbstläufer«, sagt Giesler. Wichtig sind auch die ehrenamtlichen Helfer. Waren es anfangs noch bis zu 80 Aktive, so sind es heute rund 20. Ganz vergleichbar seien die Zahlen zwar nicht, gibt die Initiative zu bedenken. Denn: Viele der Ehrenamtlichen begleiten heute in einem privaten, freundschaftlichen Patenmodell »ihre« Geflüchteten.

Auch neue Aktive kommen hinzu, wie Fiona. Die Studentin kann ihre Zeit flexibel einteilen, weshalb sie bei Behördengängen untzerstützt - oder beim Abholen des frisch geborenen Zwillingspaares aus der Klinik.

Und gerade personelle Power ist wichtig, um an die Erfolge der vergangenen fünf Jahre anzuknüpfen. Zwar habe man gemeinsam auch Rückschläge einstecken müssen - Abschiebungen etwa oder die freiwillige Rückreise einiger Geflüchteter, die trotz aller Unterstützung keinen Fuß in Karben fassen konnten. Die Erfolgsgeschichten sind es jedoch, die die Ehrenamtlichen antreiben.

Bbw ermöglicht Berufseinstieg

Ein Meilenstein sei für Giesler die Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungswerk Südhessen (bbw), um Geflüchtete systematisch in Ausbildungen zu bringen). »Vorher lief das eher experimentell, mit der Zusammenarbeit mit dem bbw hat unser Engagement dann eine feste Form bekommen.« Doch gerade hier zeigt sich, wie wichtig das weitere Anküpfen ist: Eine dringend benötigte Unterstützung seien heute Ehrenamtliche, die ihr Können bei der Unterstützung von Bewerbungsprozessen einbringen.Weitere Erfolge seien WLAN für die Flüchtlingsunterkunft als wichtigter Baustein der Teilhabe, das gemeinsam getragene Kirchenasyl, Frauenfahrrad- und Schwimmkurse und natürlich die Fahrradwerkstatt.

Aya, die heute mit ihrer Freundin da ist, ist dabei das beste Beispiel, wie das Engagement Früchte tragen kann: Die 2017 aus Syrien nach Deutschland gekommene spricht fließend deutsch - und bringt sich selber bei der Flüchtlingshilfe ein, indem sie dolmetscht oder als Babysitterin Frauen freie Minuten schenkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare