Vom Helden zum Volksfeind

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Moritz Roß war ein ganz normaler "Groß-Kärber Bub", wie jeder andere, der während der Kaiserzeit in dem Dorf aufgewachsen ist. Anders als viele andere Kärber wurde er jedoch im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Seine letzte Lebensjahre hat jetzt Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine in Karben auf besondere Weise beleuchtet: mit fiktiven Briefen über sein Leben von 1938 bis 1942, die der jüdische Mann so geschrieben haben könnte. Sie wurden am Samstag in der St.-Michaelis Kirche in Klein-Karben vorgelesen. Stellvertretend für das Schicksal aller Juden in Groß-Karben und Deutschland fand in dem Gotteshaus eine Gedenkstunde statt. Eingeladen hatte dazu, neben dem Initiator Polzer, die evangelische Kirchengemeinde Klein-Karben um Pfarrer Werner Giesler.

Moritz Roß war ein ganz normaler "Groß-Kärber Bub", wie jeder andere, der während der Kaiserzeit in dem Dorf aufgewachsen ist. Anders als viele andere Kärber wurde er jedoch im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Seine letzte Lebensjahre hat jetzt Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine in Karben auf besondere Weise beleuchtet: mit fiktiven Briefen über sein Leben von 1938 bis 1942, die der jüdische Mann so geschrieben haben könnte. Sie wurden am Samstag in der St.-Michaelis Kirche in Klein-Karben vorgelesen. Stellvertretend für das Schicksal aller Juden in Groß-Karben und Deutschland fand in dem Gotteshaus eine Gedenkstunde statt. Eingeladen hatte dazu, neben dem Initiator Polzer, die evangelische Kirchengemeinde Klein-Karben um Pfarrer Werner Giesler.

Polzers Herangehensweise an das Thema nannte Giesler einen "Kunstgriff". Als Eckpunkte für die Briefe dienten Hitlers Geburtstag am 20. April 1938, die Reichskristallnacht am 9. November 1938, der Wegzug des Ehepaares Roß nach Frankfurt im gleichen Jahr und schließlich deren "Übersiedlung" nach Theresienstadt 1942. Die Fakten entsprechen der Realität und sind durch Dokumente historisch belegt. Fotografien in Plakatform, wie zum Beispiel die zerstörte Synagoge in Groß-Karben, nahmen die Zuhörer auf eine bittere Zeitreise mit. Untermalt wurde die Vorlesung von Musikstücken gespielt von Lydia Blum (Violoncello) und Hannah Laus (Violine).

Fakt ist, Roß kämpfte im Ersten Weltkrieg für sein Vaterland auf den Schlachtfeldern Frankreichs. Seine Tapferkeit brachte ihm sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse ein. Im Gegenzug musste er dafür einen Unterschenkel hergeben. Später übernahm der Kriegsheimkehrer das 1886 gegründete Bekleidungsgeschäft seines Vaters in der Wilhelmstraße. Es dauerte aber nur ein paar Jahre, bis auch ihm, einem "deutschen Helden", ein immer schärfer werdender Wind entgegenwehte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wuchsen Ressentiments und Übergriffe gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Antisemitismus gehörte zur Tagesordnung. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 explodierte der Hass erstmals im ganzen Land. Das war auch in Groß-Karben nicht anders, wo es zu dieser Zeit eine große jüdische Gemeinde gab. Und Moritz Roß war ein Teil davon.

Bei der Feier erinnerte der Pfarrer an ein weiteres Jubiläum: "Vor 30 Jahren hat die evangelische Kirchengemeinde zum ersten Mal zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 50. Jahrestages der ›Reichskristallnacht‹ eingeladen", sagte Giesler. "In Klein-Karben gab es keine Juden. Wir haben das damals als Mahnung und zum Gedenken für alle Karbener Stadtteile gemacht." Auch nach 80 Jahren brauche man noch solche Veranstaltungen, ebenso wie Aktionen wie die Stolpersteine, sagte der Pfarrer. "Wir brauchen Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern. Und wir brauchen klare Worte und ein Nein zu Antisemitismus und Rassismus."

Der letzte Brief

Im letzten fiktiven Brief schreibt Roß, dass seine Frau Klara und er am 15. September 1942 nach Theresienstadt gebracht würden. An ihrem 23. Hochzeitstag. Sie dürften nicht mehr als einen Koffer oder Rucksack mitnehmen und 50 Mark. Für eine Umsiedlung in ein Altenheim sei das so üblich. Sobald sie an ihrem Bestimmungsort angelangt seien, wolle er sich wieder melden. Doch dazu kam es nicht. In der Realität wurde das Paar ungefähr zwei Jahre später von Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht und ermordet.

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