Die "Turnhalle" in der Groß-Karbener Christinenstraße ist ein Stück Ortsgeschichte. Männer aus der Arbeiterschaft haben sie als ihr Vereinshaus für Sänger und Turner Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und 1914 bezogen. FOTOS: JÜRGEN SCHENK/PRIVAT
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Die "Turnhalle" in der Groß-Karbener Christinenstraße ist ein Stück Ortsgeschichte. Männer aus der Arbeiterschaft haben sie als ihr Vereinshaus für Sänger und Turner Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und 1914 bezogen. FOTOS: JÜRGEN SCHENK/PRIVAT

Groß-Karbener Ortshistorie

Haus in Christinenstraße: Die "Hall" bleibt die "Hall"

  • vonJürgen Schenk
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Manche Orte scheinen ihrer Bestimmung treu zu bleiben. In Groß-Karben steht ein solches Beispiel in der Christinenstraße 17. Das dortige Gebäude ist bis heute eine Stätte der Begegnung. Freunde der Fastnacht und des italienischen Essens kennen die Adresse. Die Geschichte dahinter ist freilich eine viel längere.

Erbaut wurde das Anwesen vor 106 Jahren, als die Straße in Groß-Karben noch Neugasse hieß und deutsche Männer unter Jubelrufen in den Ersten Weltkrieg zogen. In seiner Urform handelte es sich um ein Fachwerkhaus mit Wirtschaftsgebäude und Saal. Genutzt wurde es von den Mitgliedern des Arbeitergesangvereins Teutonia und der Freien Turnerschaft als Vereins- lokal und Turnhalle. Im Herbst 1914 hatten sie ihren Eigenbau fertiggestellt und bezogen. Es dauerte nicht lange, bis das Gebäude zu einem Treffpunkt und Veranstaltungsort wurde. Noch immer ist die Bezeichnung "Turnhalle" vielen Einwohnern geläufig.

Die Männer, die an dem Neubau mitwirkten, kamen allesamt aus der Arbeiterschaft. Es seien "vorwiegend Leute aus dem unteren Bürgertum" gewesen, wie aus einer Niederschrift hervorgeht. Sie trugen im 20. Jahrhundert immer häufiger ihre politischen Gesinnungen in die Vereine. Oder man könnte auch anders sagen: Die Vereine standen für politische Gesinnungen. Auch in Groß-Karben griff diese Erscheinung um sich. Der Gesangverein Teutonia bewegte sich in dieser Hinsicht klar im sozialistischen Umfeld. Als im August 1903 in Groß-Karben der SPD-Ortsverein gegründet wurde, gehörten viele Sänger dazu. Eine deutliche Positionierung zur Arbeiterbewegung war außerdem die Neubenennung "Arbeitergesangverein Teutonia" im Jahr 1907.

Domizil im Strudel der Zeitläufte

Die ersten Jahre im Krieg waren schwierig. Wegen der allgemeinen Notsituation geriet der Wirtschaftsbetrieb in Schieflage. Ende 1917 mussten die Mitglieder sogar Extrabeiträge zahlen, um die Turnhalle halten zu können. Die Maßnahmen waren letztlich von Erfolg gekrönt. Ein Jahr nach Kriegsende ging es schon wieder aufwärts. Eine Fusion mit dem Gesangverein Liederkranz spülte neues Vermögen in die Kasse und ließ an eine Expansion denken. Der Beschluss dazu kam allerdings erst 1923, nachdem der Freie Sportverein ebenfalls dem Vereinsgefüge beigetreten war. In Eigenregie brannten die Männer in der Lehmgrube (südlich der Weingartenstraße) Backsteine, die zur Erweiterung der Turnhalle verbaut werden sollten. Doch die herrschende Inflation im Land behinderte das Vorhaben zunächst. Weitere Finanzmittel wurden durch den Verkauf zusätzlich hergestellter Backsteine und durch Spenden beschafft. Am 24. und 25. April 1926 konnte schließlich das erste Konzert in der umgebauten Turnhalle stattfinden. An der Spitze des Gesangvereins Teutonia/Freie Turnerschaft stand damals mit Heinrich Edel eine für viele Jahre prägende Persönlichkeit. Er leitete von 1926 bis 1933 die Geschicke der Sänger und Turner und war von 1945 bis 1956 erster Vorsitzender der KSG Groß-Karben. Von den Nationalsozialisten wurde die Turnhalle mit dem gesamten Inventar beschlagnahmt, der Vordereingang an der Straße zugemauert und eine Schule in den Räumlichkeiten eingerichtet. Die "Hans-Schemm-Schule" beherbergte bis 1944 zwei Volksschulklassen und eine Berufsschulklasse für Mädchen. Danach bekam die in Frankfurt ausgebombte Matratzenfabrik Geschwister Lamprecht den Saal zugesprochen.

Bald nach dem Krieg begann die Ära der Kultur- und Sportgemeinschaft (KSG) Groß-Karben. Dieser Zusammenschluss aus mehreren Vereinen brachte etwas Normalität ins Dorfleben zurück. Doch die Anfangszeit war mit Problemen behaftet. Es fehlte am Inventar und Sportgeräten. Für die KSG stellte es sich als Segen heraus, dass vieles über Nachbarschaftshilfe organisiert werden konnte. Langsam kam der Verein in die Erfolgsspur, und davon profitierte auch die Turnhalle. In den 50er-Jahren wurde nebenan eine zweibahnige (später auf vier Bahnen erweiterte) Kegelbahn gebaut. Im Saal fanden große Maskenbälle zur Fastnachtszeit und Kerbfeierlichkeiten statt, von denen die Älteren noch heute sprechen. Die weithin bekannte Karbener Weiberfastnacht führt diese Tradition der Geselligkeit fort.

Der Groß-Karbener Herbert Dietz erinnert sich noch an eine andere Begebenheit: "Die Fußballer der KSG haben in den Herbst- und Wintermonaten in der Turnhalle trainiert. Damals gab es den Hallenfußball in seiner jetzigen Form noch nicht. Anstelle der Futsal-Bälle wurden die schweren Bälle von draußen benutzt. Da ging es in der Halle ganz schön zur Sache."

2010 musste die KSG ihr Vereinshaus an die Stadt Karben verkaufen. Auf dem Anwesen lasteten 500 000 Euro Schulden. Der Verein war schon 2009 nicht mehr in der Lage gewesen, die monatliche Rate an Stadt und Bank zu zahlen. Als Grund nannten die Verantwortlichen die Sanierung der Turnhalle im Jahr 1995, die finanziell aus dem Ruder gelaufen sei. Durch den Verkauf wurde faktisch gesehen aus dem Vereinshaus ein Bürgerhaus. Die Turnhalle steht seitdem auch anderen Karbener Vereinen als Veranstaltungsort offen. Im Gaststättenbereich ist ein italienisches Restaurant angesiedelt. Die ehemalige Kegelbahn wurde vor drei Jahren umgebaut und in drei Räume unterteilt. Darin befinden sich die Domizile von vier Vereinen. jsl

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