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Conit-Schließung

Gottesdienst gegen Resignation

  • vonJürgen Schenk
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In vier Jahren soll das Conti-Werk in Karben schließen. 1100 Beschäftigte gehen in eine ungewisse Zukunft. Am Sonntag haben sie einen Gottesdienst vor den Werkstoren gefeiert.

Seit dem Bekanntwerden der Hiobsbotschaft Anfang September bahnen sich Wut und Existenzsorgen der Conti-Mitarbeiter in mehreren Aktionen ihren Weg. Betriebsrat und Belegschaft haben sich noch nicht völlig aufgegeben. Doch ist die Corona-Pandemie alles andere als ideal für Protestkundgebungen.

Am zweiten Adventssonntag konnte vor den Toren der Conti-Produktionsstätte an der Dieselstraße trotzdem eine Veranstaltung sein. Und die kam im Gewand eines Gottesdienstes daher. Die Gesamtkirchengemeinde Karben, das evangelische Dekanat Wetterau und die katholische Betriebsseelsorge Oberhessen hatten zu einer ökumenischen Zusammenkunft im Freien eingeladen.

Das Motto "Lasst euer Licht leuchten" war angelehnt an einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium. 100 Menschen durften gemäß den Corona-Bestimmungen teilnehmen - und die allermeisten von ihnen waren trotz des nasskalten Wetters auch gekommen.

Protest mit roten Karten

Es stand ein Gottesdienst der besonderen Art an. Die Straße war abgesperrt worden. Vor dem Eingangstor standen Stühle, auf denen eine Rote Karte für das Konzern-Management und ein Schokoladennikolaus lagen. Die sinnbildliche Rote Karte kann von jedermann als Statement an die Geschäftsführung nach Hannover geschickt werden. Nicht alle Anwesenden schienen mit dieser Form von "Meinungsbildung" als Teil eines Gottesdienstes einverstanden zu sein.

Pfarrer Werner Giesler aus Klein-Karben sprach zur Begrüßung von einem "ungewöhnlichen Ort, der aber in diesen Zeiten genau der richtige ist". Gott wolle nicht, dass das von ihm gegebene Leben durch Sorgen erdrückt werde, sagte er. Der Platz der Christen sei auch auf der Straße, wenn es um Solidarität gehe. "Und das Recht auf Arbeit ist eine Selbstverständlichkeit in unserer Gemeinschaft. Das ist wie eine Richtschnur des Seins auf der Erde. In dieser Zeit müssen wir versuchen, allem Rechnen und Kalkulieren und aller Profitmacherei mit Menschlichkeit zu begegnen", erklärte Gießler.

Bürgermeister Guido Rahn (CDU) war ebenfalls ins Karbener Industriegebiet gekommen, um sich an die Menschen zu wenden. Er freute sich über die auf verschiedenen Ebenen gezeigte Solidarität mit den Beschäftigten und lobte deren gute Arbeit. Wo so etwas der Fall sei, müsse ein Werk weiterbestehen, forderte Rahn. Auch das Engagement der Kirche hob er in der gegenwärtigen Situation hervor.

"Kirche darf sich ruhig einmischen, Kirche muss sich jetzt zeigen", lautete sein Aufruf. Gleichzeitig sind ihm selbst und der Kommunalpolitik aber die Hände gebunden. Augenscheinlich ist die Stadt Karben nicht in der Position, irgendwelchen Einfluß auf firmenpolitische Entscheidungen von Continental auszuüben.

Wolfgang Dittrich, Referent beim evangelischen Dekanat Wetterau, und Richard Kunkel von der katholischen Betriebsseelsorge Oberhessen gestalteten mit Pfarrer Giesler zusammen den Gottesdienst. Musikalisch unterstützt wurden sie von vier Bläsern der Musikschule Bad Vilbel/Karben.

Kampf ums Werk wird fortgesetzt

Im Anschluss standen Conti-Betriebsrat Frank Grommeck und IG-Metall-Bevollmächtigter Michael Erhardt in einem moderierten Gespräch Rede und Antwort. Beide betonten, dass der Kampf für das Karbener Werk nicht zu Ende sei. Betriebsrat und Belegschaft stünden Seite an Seite. "Zum Schluss werden wir ein gutes Ergebnis für alle hinkriegen", ist Gewerkschafter Michael Erhardt überzeugt.

13 000 Stellen weniger

Der Autoelektronik-Standort von Continental in Karben soll bis Ende 2024 geschlossen werden, das Reifenwerk in Aachen bis Ende 2021. 13 000 Arbeitsplätze in Deutschland fallen den Sparmaßnahmen zum Opfer. Weltweit sind es rund 30 000. Ziel des Konzerns ist es, von 2023 an jährlich mehr als eine Milliarde Euro einzusparen. Die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Karben sollen das Werk schon im nächsten Jahr verlassen.

Erst in der vergangenen Woche hatte die IG Metall der Region Mitte und Bayern erklärt die Gespräche mit Continental abzubrechen, weil das Unternehmen keinerlei Interesse zeige, die angekündigten Massenentlassungen zu vermeiden. jsl

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