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Pfarrer Werner Giesler (rechts) mit seiner Leienspielgruppe, die am Sonntag die vorerst letzten von ihm geschriebenen Szenen auf der Bühne im Kirchgarten von St. Michaelis aufgeführt hat.

Gieslers Traumrolle: Opa sein

  • VonJürgen Schenk
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»Nicht so dramatisch, das Leben macht doch auch Spaß«, sagt Pfarrer Werner Giesler. Am Sonntag hat er seinen letzten Theatergottesdienst mit seiner jungen Laienspielgruppe auf der Bühne von St. Michaelis in Klein-Karben gestaltet. Nach drei Jahrzehnten als Pfarrer rückt für ihn die Pensionierung näher. Ende Juli wird er entpflichtet. Zeit für ihn, als Regisseur auf Abschied und Neuanfang zu blicken.

Die Szenerie im Pfarrgarten von St. Michaelis in Klein-Karben mochte irgendwie gar nicht so recht zum Anlass passen: In der warmen Morgensonne hatten sich rund 50 Gemeindemitglieder auf den Theaterplätzen niedergelassen. Selbst unter den Masken konnte man endlich wieder ein paar entspannte und lachende Gesichter entdecken. Am Ende einer dunklen Zeit war ein Stück Zuversicht zu spüren, trotz der noch immer strengen Corona-Regeln bei öffentlichen Zusammenkünften.

Es stand der erste Präsenzgottesdienst seit Monaten an - ein Theatergottesdienst, wie er in Klein-Karben längst zum guten Ton gehört. Sein Thema war dann allerdings völlig konträr zur gefühlten Stimmung: »Saisonende! Ein Theatergottesdienst aus gegebenem Anlass« hieß es in der Ankündigung. Und es gab im Publikum wohl kaum noch Leute, die nicht wussten, was damit gemeint war. Nach einer Jahrzehnte langen »Saison« wird der dienstälteste Karbener Pfarrer bald in Pension gehen. Am Sonntag verabschiedete sich Werner Giesler mit dem Theatergottesdienst von seiner Gemeinde. Mit sechs von ihm geschriebenen Theaterszenen tat er das in ganz typischer Manier. Interpretiert wurden seine Gedanken über Abschied, Neuanfang und die Frage nach der eigenen Rückbetrachtung vom Laienspiel-Ensemble der Kirchengemeinde.

Zeit, um das Leben zu reflektieren

»Es gibt immer den Augenblick, wenn ein Vorhang fällt und der nächste sich noch nicht ganz geöffnet hat«, erklärte der scheidende Pfarrer seine Ausgangsidee, die im Drehbuch umgesetzt wurde. »Dann befindet man sich in einer Zeit des Nachdenkens, der Rückbesinnung und des Aufbruchs gleichermaßen. Man muss sich die Frage stellen: Welche Rolle habe ich gespielt und welche Rolle möchte ich in Zukunft spielen? Selbstkritik gehört am Ende eines Lebensabschnitts immer mit dazu.« Für sich selbst habe er schon eine Traumrolle gefunden, nämlich die des Opas, sagte Giesler nicht ohne Stolz und Vorfreude.

In den Spielszenen wurde die Rollenverteilung des Lebens in unterschiedlichen Facetten dargestellt, chronologisch nach dem Ende eines Theaterstücks. Die elf jungen Schauspielerinnen und Schauspieler regten mit ihrer tadellosen Darbietung zum Nachdenken an. Licht- und Schattenseiten auf der Suche nach der passenden Rolle, Schubladendenken und menschliche Diskrepanzen wurden transparent gemacht. Kann ein Mensch, der im Theater immer nur den Bösen verkörpert, im wahren Leben überhaupt ein Guter sein? Wie kann die nette Garderobiere ihre Rolle weiterspielen, wenn die großen Auftritte immer erst nachher auf der Bühne sind? Die Botschaft ist klar: Der Abschied von einer Rolle bietet gleichzeitig die Chance zum Übergang in eine neue.

Gottesdienste wieder in Kirchen

»Nicht so dramatisch, das Leben macht doch auch Spaß«, rief Giesler den Protagonisten zu, als der imaginäre Vorhang gefallen war. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Irgendwie stehe doch immer ein Saisonende und infolgedessen auch die Überprüfung der eigenen Position an. »Gott ist da, auch wenn die gegenwärtige Saison zu Ende gehen mag«, gab er der versammelten Gemeinde mit auf den Weg.

Giesler kündigte an, dass ab Juni wieder überall in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Karben Präsenzgottesdienste angeboten werden. Er selbst sei jetzt im Urlaub und werde beim nächsten regulären Gottesdienst am 13. Juni von Pfarrer Christian Krüger vertreten. Danach stünde noch seine offizielle Verabschiedung Ende Juli in der Kirche an. »Diesen Gottesdienst werde ich aber nicht mehr selbst halten.«

Theater soll auch weiter in Klein-Karben gespielt werden. Dieses Versprechen gab die Laiengruppe ihrem Regisseur und der Kirchengemeinde. Zuvor waren die jungen Leute für ihre Aufführung mit viel Beifall bedacht worden. Um die Personenzahl möglichst klein zu halten, hätten sie die Szenen in kleinen Gruppen durchgespielt, erzählte Nachwuchsschauspielerin Janika. Auch die Generalprobe habe nur im kleinen Rahmen stattfinden können.

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