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Naseeb Ullah möchte Mut machen. Er hat es fünf Jahre nach seiner Flucht aus Paktistan geschafft., hat seine Lehre zum Augenoptiker abgeschlossen und möchte sich zum Meister fortbilden.

Integriert in Karben

Geflüchtet und angekommen

  • VonJürgen Schenk
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»Man sollte da leben, wo man glücklich ist.« Der Satz stammt von einem jungen Mann aus Pakistan. Vor fünf Jahren kam er nach Deutschland. Inzwischen ist Karben sein neues zu Hause.

Im Herbst 2015 musste Naseeb Ullah aus seiner Heimat flüchten. Die Taliban, die das Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan als Rückzugsort nutzen, hatten seine Ermordung angekündigt. Als Grund vermutet er seine Mitgliedschaft in einer Bürgermiliz. Es folgte eine mehrwöchige Odyssee durch den Iran, die Türkei, Bulgarien, Slowenien, Ungarn und Österreich - bis nach Deutschland. Im Januar 2016 erreichte der 28-Jährige Karben, nachdem er die ersten Wochen in Homberg (Ohm) zugebracht hatte. Seine Familie blieb in Pakistan. Naseebs Vater, der aus Afghanistan stammte, ist nicht mehr am Leben.

Mit Abschiebung gerechnet

Über die genauen Details seiner Erlebnisse möchte er nicht sprechen. Vielmehr will er anderen Flüchtlingen als Ansporn und Mutmacher dienen. Denn Naseeb Ullah hat bis heute gezeigt, wie Integration im besten Fall laufen kann. Allerdings sagt er auch: »Ohne Hilfe hätte ich das bestimmt nicht geschafft.« Zunächst stand er ganz alleine vor den deutschen Behörden. Die Verständigung funktionierte nur auf Englisch und das mehr schlecht als recht. Regelmäßige Deutschkurse und eine gewisse Sprachbegabung ließen dieses Problem recht schnell in den Hintergrund treten. Dennoch wurde der junge Mann von amtlicher Seite als ausreisepflichtig eingestuft, das heißt, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Auch dem Widerspruch gegen diese Ablehnung gab das Verwaltungsgericht Gießen nicht statt. Damit schienen seine Tage in Deutschland gezählt zu sein.

Eigentlich habe er jeden Tag mit der Abschiebung rechnen müssen, erzählt Naseeb. Aber er habe nicht resigniert, sondern weiter seinen guten Willen gezeigt. Sechs von ihm absolvierte Berufspraktika belegen dies. In den angebotenen Integrations- und Deutschkursen erreichte er zudem eine gute Qualifikation.

Entscheidend in dieser schwierigen Zeit war sein Kontakt mit der Flüchtlingshilfe in Karben. Seit Juni 2016 steht ihm mit Hans-Martin Thomas ein Unterstützer in allen sozialen Belangen zur Seite. Zahlreiche Termine bei der Kreisverwaltung, vor allem in der Fachstelle Aufenthaltsrecht, wurden von dem Klein-Karbener erledigt. Sein Fazit der Behördengänge ist ernüchternd: »Die dortigen Abläufe und Regularien sind selbst für einen deutschen Erwachsenen mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, zum Teil im Ausland, nicht nachvollziehbar. Ausländer sind damit hoffnungslos überfordert. Ohne entsprechende Betreuung ist das für sie frustrierend«, bemängelt Thomas.

Naseeb hatte das Glück, eine Ausbildungsstelle zum Augenoptiker bei Fielmann in Frankfurt zu bekommen. Am 1. August 2017 hatte seine Ausbildung begonnen. Gute Schulkenntnisse in Physik und Mathematik spielten ihm dabei in die Karten. Im vergangenen Jahr konnte er die Gesellenprüfung erfolgreich gestalten. Im Ergebnis brachte ihm das einen unbefristeten Arbeitsvertrag und die Aufenthaltserlaubnis durch die Ausländerbehörde des Wetteraukreises ein.

»In meinem Beruf berate ich jetzt auch internationale Kunden«, freut er sich über das Erreichte. »Jetzt möchte ich erstmal Geld verdienen und danach meinen Meister machen. Mein Arbeitgeber würde mich dabei unterstützen. Aktuell bin ich auf Wohnungssuche. Bisher habe ich aber noch nichts in Karben gefunden. Bald möchte ich außerdem einen Autoführerschein machen«, erzählt er von seinen Plänen.

Sein wichtigster Tipp für andere Flüchtlinge lautet: »Deutsch lernen, denn ohne das geht gar nichts.«

Auch im Sport hat der gebürtige Pakistaner seine Bestimmung gefunden. Seit 2016 spielt er Fußball beim VfB Petterweil, zuletzt als Defensivspieler in der 1. Seniorenmannschaft. Verein und Mannschaft hätten ihn sehr gut aufgenommen, sagt Naseeb Ullah.

»In meiner Heimat habe ich selten Fußball gespielt und nie in einem Verein. Man kann dort wegen des schlechten Wetters auch nur zwei bis drei Monate spielen.« Sein Dank gelte dem VfB Petterweil und den Leuten von der Flüchtlingshilfe für ihre Unterstützung.

128 Geflüchtete leben in der Stadt

Seit 2014 kamen mehr als 500 Geflüchtete nach Karben. Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/2016 betrug diese Zahl weit über 200 Personen. »Aktuell sind es noch 128«, erläutert Hans-Martin Thomas. »Basierend auf den Zahlen der Stadt vom September 2020 sind demnach 81 anerkannte Flüchtlinge aus Karben weggezogen, 95 abgängig, 48 freiwillig ausgereist und 26 abgeschoben worden«, rechnet Thomas vor. »Von den noch in Karben lebenden Menschen konnte gut die Hälfte in einen sozialversicherungspflichtigen Job gebracht werden. Von der verbesserten Integration in den Arbeitsmarkt profitieren nicht nur die Geflüchteten selbst, sondern wir als gesamte Bevölkerung.« jsl

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