Prof. Roland Prinzinger
+
Prof. Roland Prinzinger

Klimawandel

Frühstart beim Kranichzug

  • vonJürgen Schenk
    schließen

Keilförmiger Zug, trompetenartige Rufe, wenn die Kraniche ziehen, richtet sich der Blick gen Himmel. Dass die Vögel schon Mitte Januar über Karben gen Norden fliegen, ist ein Zeichen für kurze Winter.

Auf einen unverkennbaren Trend machen Klimaforscher weltweit immer wieder aufmerksam: Von den zehn wärmsten Wintern seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 lagen fünf in den vergangenen 15 Jahren. Außerdem waren die Jahre 2015 bis 2019 die sechs wärmsten Jahre in Folge. Der Winter 2019/20 war durchschnittlich über zwei Grad wärmer als normal. Vielerorts herrschten im Januar Temperaturen wie am Mittelmeer. Das hat Folgen.

Wer jetzt mit offenen Augen die Natur beobachtet, kann diese Veränderungen erkennen. Vor allem das Verhalten der Tiere ist ein Gradmesser. Ein am Himmel ziehender Keil von Kranichen und anderen Zugvögeln ist gewöhnlich ein Bote des herannahenden Frühlings. Jetzt kann man solche Formationen und ihr charakteristisches trompetenartiges Rufen oft schon in den ersten Wochen des Jahres wahrnehmen.

Vogelbeobachter vom NABU Karben haben beispielsweise Mitte Januar die ersten Kraniche am Himmel entdeckt. Das seien aber keine vereinzelten »Kälteflüchtlinge« gewesen, sondern mehrere Hundert Vögel auf dem Rückflug in ihre Brutgebiete, informieren die Naturschützer.

Der größte Teil der Kraniche flog demnach aus Frankreich kommend via Saarland und Rheinland-Pfalz weiter entlang der hessischen Flugkorridore. Bei den Fachleuten bleibt ein fader Beigeschmack. Sie sprechen von einem Anpassungsprozess in der Tierwelt, der wegen des Klimawandels eingesetzt habe.

»Die Winter fangen später an und hören früher auf«, erklärt NABU-Experte Professor Roland Prinzinger. »Offensichtlich wird das am Verhalten großer Zugvögel wie Störchen und Kranichen. Auch die anderen Vogelarten haben ihr Zug- und Überwinterungsverhalten verändert«, erklärt er. Verschiedene Kurzzieher-Arten, die normalerweise in der Mittelmeerregion überwintern, hätten sich an die wärmeren Winter angepasst und kämen bis zu vier Wochen früher zurück. »Dazu gehört zum Beispiel der Zilpzalp. Auch der Kiebitz kehrt früher zurück. Vergangenen Winter konnte man zum ersten Mal seit Beginn der Vogelbeobachtungen am Bodensee Schwalben sehen«, sagt Prinzinger.

Tierwelt stellt sich schneller um

Auf längere Sicht betrachtet könne sich die Tierwelt auf den Klimawandel schneller einstellen als der Mensch. Aber bei der momentanen Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen vonstattengingen, sei selbst für Tiere die Zeitspanne sehr kurz. »Bergfinken, Kernbeißer und andere Wintergäste aus dem skandinavischen Raum werden bei uns immer seltener, weil sie gleich ganz in ihren heimischen Brutgebieten bleiben«, erklärt Prinzinger. In den Überschwemmungsgebieten um Karben haben NABU-Mitglieder und andere Naturfreunde solche Feststellungen auch schon gemacht. Bevorzugte Flächen befinden sich unter anderem in den Niddawiesen zwischen Rendel und Klein-Karben und an der Ludwigsquelle zwischen Groß-Karben und Burg-Gräfenrode. Rotmilan und Mäusebussard gehen von dort aus auf die Jagd. In milden Wintern finden sie genug Beute in der Karbener Gemarkung. Manche Störche bleiben auch da.

Ein Dutzend Störche sind hier geblieben

Im 85 Hektar großen Bingenheimer Ried sind die Dimensionen noch einmal ganz andere. Dort kann man in diesem Winter Kraniche, Störche, verschiedene Entenarten und Gänse beobachten. Vogelschützer Udo Seum von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) in Echzell schätzt die Anzahl der Gänse auf ungefähr 2000 bis 3000 Stück. Drei Jahre sei ihnen ein Seeadler hinterhergezogen, an dessen Beringung man seine norwegische Herkunft habe feststellen können. Von der fortschreitenden Anpassung der Zugvögel kann er auch Bericht erstatten. »12 bis 13 Störche überwintern jetzt in der Wetterau. In Büttelborn bei Darmstadt gibt es eine große Population von Störchen. Sie pendeln auch zwischen dem Bingenheimer Ried und Büttelborn hin und her. Das macht vom Temperaturunterschied etwa zwei Grad aus«, weiß Seum. »In Spanien haben die Vögel Müllhalden als Nahrungsquellen für sich entdeckt. Sie müssen gar nicht mehr bis nach Afrika ziehen.«

Beobachtungen teilen

Roland Prinzinger macht auf eine Möglichkeit für Experten und Hobby-Vogelkundler aufmerksam. Auf der Internetseite www.ornitho.de können nach Anmeldung eigene Vogelbeobachtungen eingetragen werden. Auf diese Weise füllen sich Karten und Statistiken mit ständig aktualisierten Informationen, wodurch ein Monitoring in Echtzeit ermöglicht werde. Forscher und Interessierte im Bereich der Avifaunistik können sich über die Webseite zusammenfinden. Träger ist der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), zudem auch die HGON in Echzell gehört.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare