Automaten-Eier

Frische Eier rund um die Uhr

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Der kleinste Karbener Stadtteil Burg-Gräfenrode ist mit Infrastruktur nicht gerade gesegnet. Dort, wo früher mal ein Tante-Emma-Laden war, hat das Mütter- und Familien-Zentrum sein Domizil. Hier werden am Wochenende Brötchen verkauft. Und ab diesem Samstag gibt es ganz in der Nähe noch etwas: frische Eier.

H arald Dörr beugt sich im Hühnerstall über eines der Körbchen. Dort liegt eine braune Henne ganz entspannt. Der 56-Jährige streichelt ihr übers Federkleid, hebt sie aus dem Körbchen. Nimmt das Tier auf den Arm, streichelt weiter, zieht es näher an sich. Als der Redakteur seine Fotos im Kasten hat, setzt er die Henne langsam zurück in ihr Körbchen. Sie gehört zu insgesamt knapp 520 Tieren, die in dem eigenes gebauten Stall herumlaufen. Die Sonne scheint, viele der Tiere sind draußen.

Rund 400 Tiere sind neu auf dem Hof im Kaicher Weg, außerhalb der Ortschaft gelegen. Dörr hat seinen Hühnerbestand ganz gezielt aufgestockt. Denn er will einen in der Stadt einmaligen Service anbieten: Eier aus dem Automaten. Die Idee dazu kam ihm an seiner Arbeitsstelle, erzählt er. Harald Dörr arbeitet nämlich stundenweise beim DHL-Center in Nieder-Mockstadt. Dort gibt es einen Getränkeautomaten. An dem steht auch, wer diese Automaten vertreibt: Thomas Buß aus dem Friedberger Stadtteil Fauerbach. "Ihn habe ich angerufen und gefragt, ob er auch mir einen solchen Automaten verkauft." Die Antwort war positiv. Damit nahm die Idee richtig Gestalt an.

Nun ist es keineswegs so, dass der Burg-Gräfenröder Landwirt Neuling auf dem Gebiet wäre. Schon lange haben die von ihm verkauften Eier im Ort einen hervorragenden Ruf. Denn die sind frisch und zudem aus Bodenhaltung. "Die Leute fragen immer wieder danach." Deshalb hat Dörr einen Lieferservice aufgebaut. "Ich habe in Burg-Gräfenrode mittlerweile 70 Kunden, in Karben sind es zehn."

Zehn ist auch die Zahl an Hühnern, mit denen Dörr im vorigen Jahr angefangen hat. "Die Leute waren gleich begeistert von dem Geschmack", freut er sich. Das führt er nicht nur auf den Auslauf zurück, den seine Tiere sowohl im Stall als auch auf den angrenzenden Feldern haben. Auch das Futter sei wichtig: "Meine Tiere erhalten nur Weizenfutter und Legemehl." Wegen der steigenden Nachfrage sind bald noch weitere 25 Tiere hinzu gekommen, und dann weitere 100. Den jetzigen großen Sprung mit 400 zusätzlichen Tieren hat er gemacht, um den Automaten bestücken zu können.

Roggauer auf den Hof eingeladen

Bis das Vorhaben jedoch verwirklicht werden konnte, war eine Menge Vorarbeit nötig. Zunächst habe er Bürgermeister Guido Rahn gefragt, der von der Idee sehr angetan gewesen sei. Mit Harald Kirch, dem technischen Leiter des Kommunalen Immobilien Managements KIM, habe er dann vor Ort nach einem geeigneten Standort geschaut. Dabei ist die Wahl auf den Hof des MüZe in der Berliner Straße 12 gefallen.

Zudem wurden das Regierungspräsidium Darmstadt und das Veterinäramt des Wetteraukreises eingeschaltet. "Vorgestern war der Vertreter des RP da und hat alles genehmigt. Der neue Stall ist in Ordnung. Ich musste nur ein zweites Fenster einbauen, damit die Tiere zwei Ein- und Ausgänge in den Stall und auf die Wiesen haben", sagt Dörr.

Am Mittwoch hat er den Automaten geholt, am Donnerstagnachmittag hat er ihn aufgestellt. Das Teil hat immer eine konstante Temperatur und mehrere Fächer für die unterschiedlich großen Eier. Es werden in Sechser-Packungen kleine, mittlere und große Eier verkauft. Außerdem hält der Automat ab dem heutigen Samstag Zehnerkartons bereit. "Das ist sicher etwas für Familien", schmunzelt der Landwirt. "Das Teil funktioniert wie ein Getränke- oder Süßigkeitenautomat", sagt Dörr. "Man wählt aus, was man will, drückt die Ziffer, wirft das Geld in den Schlitz und dann kann man die Ware entnehmen." In dem Stadtteil hat er schon Flyer verteilen lassen, auf denen für den heutigen Samstagmittag zur offiziellen Eröffnung eingeladen wird. Um 13 Uhr will der 56-Jährige die Bevölkerung einladen, sich die neue Einkaufsmöglichkeit einmal näher anzuschauen. Gleichzeitig lädt er ab 14 Uhr auf seinen Hof ein. Dort könnten sich alle Besucher dann auch gleich noch die Hühner anschauen.

Trotz des Automaten will der Roggauer Landwirt den Lieferservice aufrecht erhalten, versichert er in seinem Flyer. Obendrein hat er mit dem Erdbeer- und Spargelanbauer Bär schon eine Vereinbarung getroffen. Wenn auf dem Bär-Hof der Spargelverkauf beginnt, wird man auch Harald Dörrs tierische Produkte dort kaufen können.

Info

Letzter Laden schloss 2011

Kein Bäcker und keine Bankfiliale vor Ort, und der letzte Dorfladen hat im Frühjahr 2011 geschlossen. Zuvor war mit Bürgschaften und günstigen Mieten versucht worden, den Laden am Leben zu erhalten. Aber die Nachfrage der Bevölkerung war so gering, dass er schließen musste. Über die Nachbarschaftshilfe war zunächst ein Einkaufsbus organisiert worden. Denn in einer Bürgerversammlung hatte sich herausgestellt, dass es in dem kleinsten Karbener Stadtteil viele Senioren gibt, die sonst mit dem Linienbus ins Zentrum fahren müssten, um einzukaufen. Doch auch dieser Service wurde mangels Nachfrage nach einigen Monaten wieder eingestellt. Nun verkauft das MüZe am Wochenende Brötchen, und jetzt können die Roggauer also wenigstens noch Eier kaufen. (pe)

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