+
Juliana wird samt Rollstuhl aufs Lastenrad geschoben. Ingo Klein zeigt Sevgi Üstüner, wie der Rolli fixiert wird.

Spende für Familie

"Das ist wie fliegen"

  • schließen

Juliana (13) und Samuel (3) aus Rendel sind mehrfach schwerbehindert. Kurze Wege mal eben mit dem Rad zurücklegen, funktioniert für die Familie nicht. Dank einer Spende ist das nun möglich.

Zögernd tritt Sevgi Üstüner in die Pedale. Für sie ist die Jungfernfahrt mit einem der beiden neuen Rollstuhltransportfahrräder für ihre beiden mehrfach schwerstbehinderten Kinder Juliana (13) und Samuel (3) mindestens so aufregend wie für diese selbst.

Während die Mutter mit Samuel unterwegs ist, hat Nadine Bauer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Philip-Julius-Vereins, die große Schwester Juliana mit ihrem Rollstuhl auf dem dafür vorgesehenen Plateau fixiert. Das Quartett fährt auf der zwar zugeparkten, aber sonst verkehrsfreien, abschüssigen Wohnstraße hoch und runter. Aufmerksam beobachtet von Sohn und Bruder Josua (6).

Lang gehegter Wunsch

Bereits nach einigen Metern strahlt die dreifache Mutter. "Wunderbar, das ist wie fliegen. Es ist unglaublich schön. Ich bin so glücklich!", ruft sie. Und tritt kräftig in die Pedale des E-Bikes. Mit den beiden Spezialfahrrädern des niederländischen Herstellers Van Raam geht ein lange gehegter Wunsch von Sevgi und Kenan Üstüner in Erfüllung.

Jetzt kann das Paar gemeinsam mit seinen Kindern nicht nur wie andere Familien auch eine Radtour unternehmen, sondern die Mutter ist auch mobil, wenn sie mit einem der Kinder zum Arzt, Logopädin oder Physiotherapie will. Das erste und dritte Kind der Familie leiden von Geburt an unter einer Entwicklungsstörung aufgrund eines genetischen Defektes.

"Beide leiden unter starken epileptischen Anfällen, die Schäden hinterlassen haben", sagt Sevgi Üstüner. Durch die Schwerstbehinderungen ihrer Kinder kann die Mutter nicht als Friseurin arbeiten. Der Vater ist als Fernfahrer die Woche über meist nicht zu Hause. Tochter Juliana besucht die Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg, Sohn Samuel und sein großer Bruder Josua den Kindergarten "Himmelsstürmer" in Rendel.

Drei Stiftungen helfen

Bei Antragsstellung, Nachfragen und Abwicklungen für die beiden zusammen 17 000 Euro teuren Rollstuhltransportfahrräder bei Stiftungen hat Familie Üstüner, der in Gronau ansässige Philip-Julius-Verein geholfen. "Wir sind überrascht wie groß die Hilfsbereitschaft der drei Stiftungen ist, die kollegial mit uns zusammengearbeitet haben. Klasse ist auch, dass es nur vier Wochen von Antragsstellung bis zur Genehmigung dauerte", sagt Nadine Bauer.

Familie Üstüner dankt der Stiftung Lotterberg, der Aktion Kinderträume und Bild hilft für die große Unterstützung. "Es war uns ein Anliegen, der Familie zu helfen. Die Eltern müssen um jede Unterstützung und Hilfe wie Löwen kämpfen", sagen Nadine Bauer und Sophie Schwartz von Philip-Julius. So wurde zwar im Sommer ein vom Arzt verordneter Rollstuhl für Samuel geliefert, doch der war nicht angepasst. Seither wartet der Junge auf einen Rolli, sitzt weiter im Buggy.

Unterstützt wird die Familie einmal in der Woche von Edwina Nass-Wittig von der Frühförderstelle der Lebenshilfe Wetterau. Während Samuel heilpädagogische Frühförderung für Bewegung und Wahrnehmungsförderung erhält, geht seine sonst ans Haus gefesselte Mutter einkaufen. Geliefert haben die Räder Ingo Klein und Luca Kerz vom in Oberursel ansässigen Dreirad Zentrum Frankfurt.

Das Duo erklärt der Mutter, wie sie die Rollstühle auf der mit bis zu 200 Kilogramm Zuladung erlaubten Plattform mit Gurten fixieren kann. "Mit den Rädern können Menschen, die in ihrem eigenen Rollstuhl sitzen, mit dem Fahrrad transportiert werden", erklärt Ingo Klein. Ohne Hebehilfe oder viel Kraftaufwand werde der Rolli auf die Plattform des Fahrrades geschoben. Die kippbare Auffahrtsplatte mache es möglich. Die Räder wirken modern und stabil. "Sie lassen sich gut fahren", sagt Üstüner. Ein weiteres Plus sei der Elektromotor, der beim Radfahren zugeschaltet werden kann.

Sevgi Üstüner ist dankbar und glücklich. Sie wird nach Weihnachtswünschen gefragt. Zögerlich verrät sie: "Eine Sanddecke für Körperwahrnehmung und ein Fasernebel für visuelle Wahrnehmung wären schön." Denn Juliana und Samuel haben beide eine starke Sehbehinderung, das würde beiden helfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare