Die Rendeler Kirche hat schon viel erlebt. Sie steht seit mehr als 825 Jahren an ihrem Platz umgeben vom Friedhof. Zwischen Oktober 1813 und Mai 1814 sind hier 44 Menschen zu Grabe getragen worden - eine Epidemie raffte sie dahin.
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Die Rendeler Kirche hat schon viel erlebt. Sie steht seit mehr als 825 Jahren an ihrem Platz umgeben vom Friedhof. Zwischen Oktober 1813 und Mai 1814 sind hier 44 Menschen zu Grabe getragen worden - eine Epidemie raffte sie dahin.

Französische Soldaten

Epidemie in Rendel: Als das Nervenfieber grassierte

  • vonJürgen Schenk
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Ausgehungert, krank, in zerschlissenen Uniformen schleppten sich im November 1813 zwei französische Soldaten in eine Rendeler Scheune. Sie brachten was mit, das eine Epidemie zur Folge hatte.

Nach unzähligen Kilometern Fußmarsch quer durch Europa mit blutigen Schlachten und Scharmützeln war ausgerechnet Rendel die Endstation für zwei französische Kämpfer aus Napoleons Armee. Natürlich hatten auch sie versucht, ihrem Tross bis nach Mainz zu folgen. Von dort sollte es über den Rhein zurück nach Frankreich gehen. Doch sie waren zu entkräftet, zu krank. Was Säbel, Musketensalven und Kanonenkugeln nicht geschafft hatten, vollendete jetzt ein gänzlich unsichtbarer Feind, der die beiden Soldaten befallen hatte - hoch ansteckend und tödlich.

Andere Personen, egal ob Wohltäter oder Plünderer, konnten sich sehr schnell infizieren. Alte und gebrechliche Menschen traf es ebenso wie Kinder und junge Erwachsene. Die meisten Kranken starben innerhalb weniger Tage oder Wochen im Fieberwahn. In den Sterberegistern der Kirchenbücher dieser Zeit findet man immer die gleiche Todesursache: »Hitziges Nervenfieber«.

Nach der dreitägigen »Völkerschlacht« bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) mussten die französischen Truppen den Rückzug antreten. Für Napoleon war die Schlacht ein Desaster. Er verlor fast ein Drittel seiner Soldaten. 70 000 Soldaten mit 270 Geschützen und 12 000 Reiter eilten dem Rhein entgegen. Dazu nutzten sie hauptsächlich die Via Regia, eine alte Handels- und Heerstraße.

33 Kilometer zu Fuß am Tag gen Heimat

Der Historiker Tobias Picard beschreibt den Rückzug so: »Voran zogen ungeordnete Haufen in Gruppen von zehn bis 100, dahinter folgten Zivilbeamte und Soldaten, Wagen und Kanonen, wobei Reiter und Fahrzeuge vorzugsweise die Straße benutzten, die Infanterie auch die Felder daneben (…) Die Franzosen legten im Schnitt 33,3 Kilometer täglich zurück.« Nicht alle konnten da mithalten. Deserteure und Kranke kamen deshalb bis in die Dörfer entlang oder in der Nähe des Rückzugweges. Damit nahm die Katastrophe ihren Lauf. Das Nervenfieber traf auf eine Zivilbevölkerung, die aus medizinscher Sicht in keinem guten Zustand war. Hygiene, ärztliche Versorgung oder gar Medikamente gab es nicht in der Form wie heute.

Hier liegt auch ein Unterschied zum aktuellen Coronavirus-Geschehen: Während die moderne Medizin in der Lage ist, Symptome auch ohne Heilmittel zu lindern und Kranke zu retten, waren Infizierte früher komplett ihrem Schicksal überlassen.

Ein Eintrag aus dem Rendeler Kirchenbuch vom Dezember 1813, als an einem Tag drei Menschen gestorben sind.

Im »Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon« von 1839 liest man über die Krankheit Folgendes: »Als besondere Art von Nervenfieber muß der ansteckende Typhus betrachtet werden, der in Kriegszeiten, wie überhaupt bei durch Theuerung, Mangel an der hinreichenden Menge von Nahrungsmitteln, allgemeine Nahrungslosigkeit, außerordentliche und eine große Menge Menschen gleichzeitig betreffende Drangsale, unter Begünstigung der davon abhängigen Trauer oder Muth- und Hoffnungslosigkeit einer ganzen Bevölkerung ausbricht und bald zur weit verbreiteten, mörderischen Epidemie wird (…).«

In zeitgenössischen Fallbeschreibungen wird immer wieder von sehr hohem Fieber, Schmerzen und Anwandlungen des Irrsinns berichtet. Erkrankte durfte man nicht aus den Augen lassen, weil sie bisweilen versuchten, sich selbst zu töten.

Am Beispiel Rendels kann man gut erkennen, was eine solche Epidemie in einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern anrichten konnte. Als Grundlage für die Recherche dienen die Kirchenbucheinträge vom 10. Oktober 1813 bis 11. Mai 1814. Pfarrer Johann Christoph Kießling verzeichnete in dieser Zeit 44 Todesfälle, die auf das »hitzige Nervenfieber« zurückgingen.

Zum Vergleich: Im selben Zeitraum ein Jahr zuvor gab es 13 Todesfälle und im Folgejahr, als sich die Situation längst wieder normalisiert hatte, sogar nur elf Todesfälle. Es starben an der Krankheit 23 weibliche und 21 männliche Rendeler, darunter fünf Kinder. Die Opfer waren zwischen elf Wochen und 80 Jahren alt.

Schicksal traf einige Familien hart

Viermal gab es innerhalb eines Tages drei Todesfälle. Und natürlich schlug das Schicksal in manchen Häusern richtig heftig zu. Einige Familien verloren gleich mehrere Angehörige. Die Eheleute Johannes und Anna Catharina Härling verstarben beide am 17. März 1814, er vormittags um elf und sie am Abend um sieben Uhr und wurden »den achtzehnten desselben Monats Nachmittag um vier Uhr in der Stille begraben.« Man legte das Ehepaar nebeneinander in ein Grab.

Übrigens: Den französischen Soldaten, die Mainz erreichten, ging es nicht besser. Die Lazarette waren voll mit Kranken. Sogar auf den Straßen der Stadt lagen überall Kranke und Tote. Rund 20 000 Menschen starben während der Epidemie; ein Zehntel davon waren Mainzer Bürger, der Rest französische Soldaten.

Die Via Regia

Schon im Mittelalter war die Via Regia als Militär- und Handelsstraße eine wichtige Verbindung zwischen den Messestädten Frankfurt am Main und Leipzig. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet der Name »Königliche Straße« oder »Königlicher Weg«. Sie ist bekannt als »Hohe Straße«. Aus militärischer Sicht fanden entlang des Weges immer wieder große Kämpfe statt, zuletzt im Jahr 1813 die Schlachten bei Leipzig und Hanau. Ein Teilstück der Straße verlief durch das Kinzigtal. Der Wetterau am nächsten kam die Via Regia am Frankfurter Lohrberg, bei Bergen sowie zwischen Kilianstädten und Ostheim.

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