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Hohes Gras ist rund um die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Burg-Gräfenrode gewachsen. Die Steine stehen wohl alle an ihren ursprünglichen Positionen.

Die Ruhe am Einsiedel

  • VonRedaktion
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Die ältesten Gräber auf dem Judenfriedhof in Burg-Gräfenrode wurden vermutlich vor mehr als 170 Jahren angelegt. Einige Grabsteine tragen deutsche und hebräische Inschriften, andere sind nur in Hebräisch. Seit der letzten Beerdigung ist viel Zeit vergangen, sehr viel Zeit.

Einige Hundert Meter westlich vom Ortsrand, am Hang des Einsiedelwäldchens, geizt die Landschaft nicht mit ihrem Charme. Inmitten von Brombeerbüschen befindet sich ein umzäuntes Areal mit Eingangstor. Hier liegt einer der drei bekannten Judenfriedhöfe der Stadt Karben. Um die Grabmale aus der Nähe sehen zu können, braucht man als Besucher den Schlüssel vom städtischen Friedhofsamt. Hartmut Polzer hat ihn an diesem Nachmittag praktischerweise gleich mitgebracht. Der Karbener Judaica-Spezialist war bei seinen Recherchen schon öfters auf den Judenfriedhöfen in Groß-Karben, Klein-Karben und Burg-Gräfenrode unterwegs. Er weiß, dass besonders die alte Ruhestätte in »Roggau« nicht einfach zu begehen ist. Das hohe Gras und die Hanglage erschweren das Vorwärtskommen. Dennoch kommt man an alle Grabsteine ganz gut heran. Die Namen der Verstorbenen bilden einen Querschnitt der jüdischen Gemeinde ab: Schott, Löwenberg, Jakob, Kirschberg, Hoffstadt. Groß war die Glaubensgemeinschaft in Burg-Gräfenrode nicht.

Betraum statt eigener Synagoge

Hartmut Polzer weist auf eine Besonderheit hin: »Ruhe in Gott«, wie man vereinzelt als Inschrift lesen kann, sei keine typisch jüdische Formulierung auf Grabsteinen. »Das zeigt, wie sehr sich die Juden innerhalb der Dorfgemeinschaft dem Christentum angenähert hatten. Was den Friedhof an sich angeht, gibt es auch keine Hinweise auf Schändungen während der Nazizeit. Man kann davon ausgehen, dass alle Grabsteine an ihrer ursprünglichen Position stehen«, ist sich Polzer sicher.

Nach allem, was man weiß, gab es während der Reichspogrome 1938 keine Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Burg-Gräfenrode. Jedoch sollen drei ortsfremde SA-Männer versucht haben, Gewalt gegen die Minderheit anzuzetteln. Der damalige Ortsbauernführer Moscherosch sei diesem Vorhaben entgegengetreten. Diese Erkenntnisse habe er dem Zeitzeugenbericht von Klärchen Kirschberg (geboren 1922 in Burg-Gräfenrode) entnommen, erklärt Polzer. Sie habe ihm außerdem berichtet, dass ihre Familie mit der Familie Moscherosch befreundet gewesen sei.

Klärchen Kirschberg, die später als Claire Zweig in den USA lebte, hatte dem Holocaust mit einem Kindertransport nach England entkommen können. Ihre Eltern Alex und Recha Kirschberg wurden 1941 von Frankfurt aus in das Getto Minsk deportiert und ermordet. Im Mai 2011 besuchte Klärchen auf Einladung der Stolperstein-Initiative noch einmal ihren Geburtsort und auch den Friedhof. Im Jahr 2017 wurde ein Weg in Burg-Gräfenrode nach ihr benannt. »Die jüdische Gemeinde hatte keine Synagoge«, weiß Polzer. »Ein Betraum war in der Friedhofstraße eingerichtet. Das Haus Nummer 12 hatte einen kleinen hölzernen Anbau, der zu religiösen Zwecken genutzt wurde. Ab 1915 konnte kein öffentlicher Gottesdienst mehr stattfinden, weil es an den zehn dazu notwendigen Männern fehlte. Mit Manfred Löwenberg, Emil Hoffstadt und Friedrich Schott waren drei männliche Gemeindemitglieder im Ersten Weltkrieg gefallen. Die Juden gingen danach zum Gottesdienst nach Groß-Karben.«

Die letzte Beerdigung auf dem alten Friedhof könnte im Jahr 1932 gewesen sein. Hans Moscherosch und Klärchen Kirschberg berichteten vor vielen Jahren, dass Klärchens Großvater, Wolf Schott, am 14. Februar 1932 dort beigesetzt worden sei. »Den passenden Grabstein«, sagt Polzer, habe ich aber nicht gefunden«.

Hartmut Polzer

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