Sprechen zum Thema "Deutschland, ein Einwanderungsland?!" (v. l.): Stephan Kuger, Wolfgang Dittrich, Jörg-Uwe Hahn und Pfarrer Konrad Schulz. (Foto: Hofmann)
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Sprechen zum Thema "Deutschland, ein Einwanderungsland?!" (v. l.): Stephan Kuger, Wolfgang Dittrich, Jörg-Uwe Hahn und Pfarrer Konrad Schulz. (Foto: Hofmann)

Debatte im Gottesdienst über Einwanderung

Karben (aho). Am letzten Sonntag des Jahres fand auch zum letzten Mal in 2014 der "etwas andere Gottesdienst" in der evangelischen Kirche Rendel statt. Ex-Integrations- und Justizminister Jörg-Uwe Hahn und der Referent für gesellschaftliche Verantwortung des Dekanats Wetterau Wolfgang Dittrich sprachen zum Thema "Deutschland, ein Einwanderungsland?!".

Kirchenvorstand Stephan Kuger nannte zur Einführung zwei beeindruckende Zahlen: 17 500 verunsicherte Menschen, die in Dresden mit Pegida demonstrieren, weil sei sich von Politik und Medien nicht verstanden fühlen, und 37 000 freie Lehrstellen, die das Handwerk gerne – unter anderem – mit Flüchtlingen besetzen würde.

Hahn erinnerte daran, dass aus Glaubensgründen im Jahr 1585 niederländische Kaufleute nach Frankfurt geflohen waren, was zur Gründung der Frankfurter Börse geführt hatte. Ebenso erinnerte er an die geflohenen Hugenotten. "Die größte Zuwanderung waren die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg." "Und immer gab es Menschen, die sagten, ›die Neuen nehmen uns die Arbeitsplätze weg"." Aber: "Wir können Zuwanderung." Hahn gab allerdings zu, auf allen politischen Ebenen nicht genügend getan zu haben. Man müsse über "die vielen kleinen praktischen Dinge" zu Lösungen kommen. Den "Dumpfbacken" müsse man mit Information und Transparenz entgegentreten.

Zur Religionszugehörigkeit heutiger Flüchtlinge zitierte Hahn eine wissenschaftliche Untersuchung: 21 Prozent der Migranten seien evangelisch, 29 Prozent hingegen katholisch. Damit seien 50 Prozent der Migranten Christen. Nur 20 Prozent seien Muslime. In der öffentlichen Diskussion werde das oft durcheinandergebracht, so Hahn. Oft helfe es, Fremden in Alltagssituationen zu zeigen, wie es hier gemacht werde. Das helfe, Probleme gar nicht aufkommen zu lassen.

Dittrich sprach für Offenheit gegenüber Flüchtlingen, und gegen Abschottung, wie sie die Pegida fordere. Zwar ließen sich Existenzängste von Rentnern nachvollziehen. "Aber Flüchtlinge haben keine Schuld." Leider sei eine Tendenz zu erkennen, die Schuld an den eigenen Problemen auf Flüchtlinge und Ausländer zu projizieren.

Deutschland sei einer der größten Waffenexporteure in Konfliktregionen. Daraus erwachse eine Pflicht, sich um Flüchtlinge zu kümmern, so Dittrich. "Es gibt hier Hilfsbereitschaft. Und die Abwehrhaltung war in den 1990er Jahren wesentlich stärker als heute." Es gründeten sich runde Tische für Hilfe und es würden Sprachkurse gegeben. Allerdings müsse die heute ehrenamtlich geleistete Arbeit mehr von professionellen Sozialarbeitern übernommen werden. Neben der Flüchtlingspolitik müsse aber auch viel zur Integration bereits hier lebender Einwanderer getan werden.

Einig waren sich die Referenten darin, dass sowohl die Verteilung der Flüchtlinge wie auch die Finanzierung ihrer Hilfe und Unterbringung gerechter geregelt werden müsse. Auch die EU müsse eine bessere und gerechtere Flüchtlingspolitik betreiben, die sich nicht abschotte. "Wer verlässt schon gern seine Heimat?", fragte Pfarrer Konrad Schulz im Gebet. In Erinnerung an die christliche Tradition betete Schulz dafür, dass die EU Flüchtlinge aufnehmen möge, statt sie vor den Küsten abzufangen.

"Wir hatten das Thema lange vorausgeplant", so Kuger. "Am letzten Sonntag im Jahr wollten wir daran erinnern, dass die für das Christentum zentrale Weihnachtsgeschichte auf Toleranz und Hilfe für Flüchtlinge basiert. Für Maria, Josef und das Jesuskind. Wir konnten nicht ahnen, dass das Thema solche Aktualität erhalten würde."

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