Die Stallanlage des Karbener Reit- und Fahrvereins mit einigen Pferden aus der Vogelperspektive. ACHIVFOTOS: SCHENK
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Die Stallanlage des Karbener Reit- und Fahrvereins mit einigen Pferden aus der Vogelperspektive. ACHIVFOTOS: SCHENK

Reit- und Fahrverein Karben

Corona: Reiter müssen ans Eingemachte

  • vonJürgen Schenk
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Hoffen auf das nächste Jahr und bessere Zeiten - das ist auch bei den Reiterinnen und Reitern in Karben die Devise. Aber was ist zu tun, wenn die Kasse des Reit- und Fahrvereins immer leerer wird und Corona-Hilfen außer Reichweite sind?

D as Leben auf der Anlage des Karbener Reit- und Fahrvereins steht auch in Corona-Zeiten nicht still. Klar ist: Der Betrieb muss irgendwie weiterlaufen. 28 Pferde befinden sich derzeit in den Ställen am Herbert-Wamser-Weg. Natürlich müssen sie weiterhin bewegt und versorgt werden. 16 davon (zehn Pferde und sechs Ponys) gehören dem Verein, der Rest ist im Besitz von Privatleuten.

Alle Tiere werden im Normalfall entweder von den Kindern und Jugendlichen aus der Reitschule oder von den Besitzern betreut. Vor der Pandemie waren an sechs bis sieben Tagen in der Woche rund 120 Reiterinnen und Reiter im Training. Diese Zahlen allein lassen schon vermuten, welch lebendiges Treiben vorher dort herrschte.

Jetzt hat sich das Bild allerdings grundlegend geändert. Seit Anfang November darf sich täglich nur noch ein zehnköpfiges Team auf dem Gelände bewegen. Auch auf Reiterhöfen und im Reitsport gelten strenge Corona-Bestimmungen. Das macht vieles schwierig. Vor allem aber bedeutet dieser Umstand zehn bis 15 Stunden Mehrarbeit pro Tag, die ehrenamtlich und unentgeltlich geleistet wird.

"Jede Aufgabe, auch das Schneiden der Bäume und Sträucher, muss aktuell von unserem Notfall-Team gestemmt werden", erklärt der erste Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins Karben, Thomas Wamser. "Auf der 300 Hektar großen Anlage kann es vorkommen, dass man sich den ganzen Tag nicht begegnet. Die Pferde laufen täglich eine, meist aber bis zu zwei Stunden in der großen Führanlage. Im Wechsel müssen sie außerdem longiert oder geritten werden. Regelmäßig dürfen sie auch in kleinen Gruppen in der Halle frei laufen. Damit sind wir organisatorisch voll ausgelastet."

Die eigene Weidefläche könne von Oktober bis Mitte Mai nicht von den Pferden genutzt werden, führt Wamser weiter aus. Einerseits müsse der Grasbewuchs in dieser Zeit regenerieren, andererseits sei die Verletzungs- und Krankheitsgefahr im Herbst und Winter sehr groß. Er nennt in diesem Zusammenhang die durch Ahornsamen ausgelöste "Atypische Weidemyopathie", eine für Pferde oft tödliche Muskelerkrankung. "Leider mussten auch wir damit schon schmerzhafte Erfahrungen machen", erzählt der Vereinsvorsitzende.

Fixkosten für Impfungen, Hufbeschlag, Versicherungen, Futtermittel, Wasser, Strom und Entsorgung werden derzeit aus Rücklagen finanziert. Nach Wamsers Angaben hatte der Verein dieses Geld eigentlich zur Sanierung der Reitsportanlage angespart. Er macht deutlich: "Aktuell können wir das noch stemmen. Aber wenn die Einschränkungen bis ins Frühjahr so bestehen bleiben, wird dieser Zustand anspruchsvoll."

Besonders schwer wiegt aus seiner Sicht, dass die staatlichen Corona-Hilfen beim Reitverein nicht greifen. Der Verein käme überhaupt nicht in die Auswahl für finanzielle Hilfen. Dazu müsse man Personal beschäftigen, und dies sei nicht der Fall. Wamser möchte deswegen aber keine Neiddiskussion mit anderen Vereinen lostreten, denen es vielleicht etwas besser geht. "Ganz im Gegenteil", sagt er. "Leider fallen jetzt die meisten wohl irgendwie auf den Hintern. Meiner Meinung nach sind die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung aber absolut richtig und notwendig. Die Hoffnung auf Nachbesserung seitens der Politik, gerade was die Situation der Vereine betrifft, darf aber geäußert werden."

Persönlich leidet Wamser vor allem mit den Kindern und Jugendlichen. Immerhin ist er selbst von Kindesbeinen an mit Pferden aufgewachsen. Seit 15 Jahren leitet er den Verein als Vorsitzender. "Wenn es um Pferde geht, ist für Kinder das Reiten oft gar nicht so wichtig. Es sind viel öfter die Begegnungen mit den Tieren und mit den vertrauten Trainern und Gleichaltrigen. Im Moment rufen immer wieder Eltern an, ob ihr Kind nicht doch mal vorbeikommen könnte. Für die Kinder ist es eine ganz wichtige Sache." Auf der anderen Seite weiß Vorsitzender Wamser aber auch, dass viele Familien jetzt noch genauer mit ihrem Geld haushalten müssen. Deshalb hat es während der Pandemie auch Weggänge aus dem Verein von Schülerinnen und Schülern gegeben.

Mit derzeit 201 Mitgliedern, die meisten sind Kinder und Jugendliche, ist der Reit- und Fahrverein Karben einer der größten Reitvereine in der Region. Seit dem Gründungsjahr 1974 wurden über 60 Reitturniere ausgetragen, darunter viele Kreismeisterschaften und zwei hessische Jugendchampionate. 1994 erhielt die Anlage ein Stallgebäude. Auf dem 300 Hektar großen Vereinsgelände am Ludwigsbrunnen befinden sich über 1000 Bäume. jsl

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