"Sichert unsere Zukunft!", lautet die Forderung dieser Conti-Arbeitnehmer.
+
»Sichert unsere Zukunft!«, lautet die Forderung dieser Conti-Arbeitnehmer.

Karbener Conti-Werk

Continental-Werk in Karben schließt: Die Ersten müssen bereits 2021 gehen

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
    schließen

Wut und Trauer waren groß, als die Beschäftigten des Conti Automotive Werks von der geplanten Schließung des Karbener Werkes erfuhren. Die Emotionen könnten sich noch steigern, denn die IG Metall spricht von einem Zeitplan zur Abwicklung des Werkes. Nach dem sollen die ersten Mitarbeiter bereits im kommenden Jahr gehen.

Diese Zeitung hat im Januar 2014 darüber berichtet, dass das Karbener Werk von Conti Automotive für Mercedes und andere Autofirmen die Fahrerassistenzsysteme baut. Dazu bedurfte es eines sogenannten Ergänzungstarifvertrages zwischen der IG Metall und dem Arbeitgeberverband Metall. Weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Werkes seinerzeit auf Lohn verzichteten, gab der Konzern dem Werk eine Garantie für den Erhalt - bis Dezember 2019. Andernfalls drohte der Konzern damit, den Standort zu schließen. Schon damals also stand das Karbener Werk zur Disposition - jetzt erneut.

Seit 2014 hat sich vieles verändert. Der Absatz von Autos sinkt, demzufolge leiden auch Zulieferer wie Conti. Der Konzern hat angekündigt, seinen Sparkurs zu verschärfen. Er baut bundesweit 13 000 Stellen ab. Gut 1100 wären es im Karbener Werk, für deren Mitarbeiter die Jobgarantie abgelaufen ist.

Continental-Werk in Karben schließt: „Nicht kampflos hinnehmen“

»Es gibt einen Zeitplan, nach dem die Produktion bis 2023 eingestellt werden soll«, sagt Christian Egner, der Betriebsbetreuer der IG Metall für das Karbener Werk. »Laut diesem Zeitplan, der am Dienstag vorgelegt wurde, sollen die ersten Leute aus der Produktion bereits im nächsten Jahr gehen«, informiert Egner. Man werde das aber nicht kampflos hinnehmen. Vielmehr betone man, das Karbener Werk sei für die Zeit der Digitalisierung bestens aufgestellt. »Bei den Arbeitgeberverbänden ist es mehrmals zum Innovationssieger gewählt worden«, betont Egner (siehe Box). »Solch ein Werk darf auf keinen Fall geschlossen werden. Es kann auch Elektronik für andere Bereiche der Wirtschaft produzieren.«

Der Gewerkschafter spielt darauf an, was bereits bei der Betriebsversammlung am Mittwochnachmittag angedeutet wurde. Dass in Karben etwa die Elektroniksteuerung für Waschmaschinen und andere Maschinen gebaut werden könnte. Bislang produziert das Werk in der Dieselstraße ausschließlich für die Autoindustrie. Für Mercedes und andere Firmen werden etwa Komponenten für Fahrerassistenzsysteme hergestellt. In der Produktion sind 800 festangestellte Mitarbeiter sowie 200 Leiharbeiter beschäftigt, informiert Egner. »Wir wollen nun mit der Konzernleitung in Verhandlungen treten, damit in dem Karbener Werk etwas anderes produziert werden kann.«

Continental-Werk in Karben schließt: Dienstag Sitzung im Rathaus

Die Nachricht von der Werksschließung hat auch in der Kommunalpolitik zu Reaktionen geführt. Bürgermeister Guido Rahn war nach der Versammlung vor Ort und sprach mit Arbeitern und dem Betriebsratsvorsitzenden Frank Grommeck. Für Dienstag hat Rahn alle Fraktionsvorsitzenden sowie Magistratsmitglieder zu einer Sitzung ins Rathaus eingeladen.

Aus der Politik sind schon zahlreiche Reaktionen gekommen. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Stadtparlament, Mario Beck, sagt, er sei sehr schockiert. »Es entspricht nicht meinem Verständnis von sozialer Marktwirtschaft, wenn solche Entscheidungen aus der Ferne via Videobotschaft verkündet werden.« Stattdessen müssten sich die Sozialpartner, Unternehmensleitung und Betriebsrat, an einen Tisch setzen, wie man den Betriebszweig wettbewerbsfähig aufstellen kann. Bei den Fahrerassistenz-Systemen handele es sich doch um einen Wachstumsmarkt, wundert sich Beck. Sollte tatsächlich die Schließung durchgesetzt werden, »stehen wir vor einer Riesen-Aufgabe: Eine Industrie-Brache muss verhindert werden.«

FDP-Stadtverordneter Oliver Feyl findet, die angekündigte Schließung sei umso bitterer, »da gerade die Arbeiter und Angestellten des Werkes mit Lohnverzicht dem Drängen der Geschäftsleitung entgegengekommen sind. Es ist aber auch ein schwerer Schlag für Karben, da durch die Schließung mögliche zukünftige Gewerbesteuereinnahmen wegfallen und durch die drohende Arbeitslosigkeit der Arbeitnehmer Verluste bei der Einkommensteuerzuweisung kommen werden.«

Continental-Werk in Karben schließt: Kommunalpolitik müsse sich mit Menschen solidarisieren

Grünen-Fraktionschef Rainer Knak meint, »zu Recht empören sich die Betroffenen darüber, dass ihr Lohn- und Gehaltsverzicht der vergangenen Jahre offenbar nicht gewürdigt wird.« Die Kommunalpolitiker müssten sich nun mit den Menschen solidarisieren. Es gelte, neue Ideen zu entwickeln, »um Arbeitsplätze durch die Krise zu retten. Dabei gilt es einzubeziehen, dass Jobverlust und Armutsrisiko ein statistisch ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko bedeuten.«

Linken-Stadtverordneter Uwe Maag erklärt, er stehe an der Seite derjenigen, die ihre Arbeit zu verlieren drohen. Für die Wetterauer Linken weist Gabi Faulhaber darauf hin, Conti sei ein gutes Beispiel dafür, »dass es privatwirtschaftlichen Konzernen nicht um das Wohl ihrer Mitarbeiter geht. Sie suchen nach hohen Profitmargen. Arbeitskräfte und Produktionsstätten sind im Ausland billiger«.

Continental-Werk in Karben schließt: Werk heimst zwei Preise ein

Das Karbener Conti-Werk hat zwei Preise erhalten. So ging 2015 der »Automotive Lean Production«-Award für internationale Konzerne nach Karben. Zwei Jahre zuvor hatte Conti Karben beim Wettbewerb »Fabrik des Jahres« den Award für »Global Excellence in Operations« gewonnen.

Laut der damaligen Konzernsprecherin gelte das Karbener Werk wegen seiner Neuerungen und der schlanken und effektiven Produktion als Pilotwerk im Konzern.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare