Marc Kaiser hat sich zu Beginn seiner Ausbildung vorgenommen, "hier in Rente zu gehen". Jetzt soll das Conti-Werk in Karben geschlossen werden. Der 45-Jährige gibt die Hoffnung nicht auf und demonstriert mit seinen Kollegen vor dem Werk. 	FOTO: PATRICK EICKHOFF
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Marc Kaiser hat sich zu Beginn seiner Ausbildung vorgenommen, »hier in Rente zu gehen«. Jetzt soll das Conti-Werk in Karben geschlossen werden. Der 45-Jährige gibt die Hoffnung nicht auf und demonstriert mit seinen Kollegen vor dem Werk. FOTO: PATRICK EICKHOFF

Kampf um Jobs

Continental-Schließung: Wie „Schlag in die Fresse“ für Arbeiter in Karben

  • vonPatrick Eickhoff
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Marc Kaiser arbeitet seit 29 Jahren bei Conti in Karben. Im September haben er und seine Kollegen erfahren, dass das Werk geschlossen werden soll - der 45-Jährige gibt sich kämpferisch.

  • Das Continental-Werk in Karben im Wetteraukreis soll geschlossen werden.
  • Teamleiter und Betriebsrat-Mitglied Marc Kaiser kämpft in Protesten um den Standort.
  • Für den Erhalt des Werkes in Karben würde Kaiser weitere Sparmaßnahmen in Kauf nehmen.

Karben - An seinen ersten Arbeitstag kann sich Marc Kaiser erinnern, als ob es gestern war. »Ich habe mit 16 angefangen und gesagt: ›Hier gehe ich in Rente.‹« Mittlerweile ist er 45 und wäre eigentlich auf bestem Wege, sein Ziel zu erreichen. Eigentlich. Denn das Continental-Werk in Karben soll geschlossen werden. Marc Kaiser ist frustriert. »Das ist wie ein Schlag in die Fresse.« Doch der 45-Jährige will kämpfen. Für sich und seine Kollegen. Vier davon sind bereits seit Kaisers Ausbildungsbeginn dabei. Die gegenseitige Wertschätzung ist groß. »Wir arbeiten nachweislich gut. Das machen die zahlreichen Auszeichnungen für unser Werk deutlich. Diese Vorzüge werden wir mit Protesten und in allen Verhandlungsrunden deutlich machen.«

Conti-Schließung Karben: Zwischen Hoffnung und Sprachlosigkeit

Kaiser steht mit einer roten Warnweste vor dem Conti-Gebäude im Karbener Industriegebiet. Der nächste Verhandlungstermin zwischen Belegschaft, IG-Metall und Geschäftsführung steht an. Viele Mitarbeiter haben sich draußen versammelt, machen Lärm mit Trommeln und Trillerpfeifen. »Die Belegschaft hält zusammen«, sagt Kaiser. Er blickt Richtung Conti-Gebäude. »Ich bin seit 29 Jahren hier, hatte insgesamt fünf Arbeitgeber, ohne einmal den Standort gewechselt zu haben. Damit soll nicht Schluss sein.« Als Kaiser mit 16 Jahren bei VDO begann, ahnte er nicht, dass über Mannesmann, Vodafone, Siemens schließlich Continental sein Arbeitgeber sein würde. Fest stand für den Karbener nur eins. »Hier bleibe ich.«

Die Meldung, dass das Conti-Automotive-Werk geschlossen werden soll, hat den 45-Jährigen »sprachlos« gemacht. »Als Mitglied des Betriebsrats habe ich damit gerechnet, dass uns weitere Sparmaßnahmen angekündigt werden.« Doch es kam alles anders. »Wut und Entsetzen«, sagt er. »Das waren die ersten beiden Gefühle, die in mir hochkamen. Uns wurde eine Standard-Power-Point-Präsentation gehalten. Karben hätte man dabei durch jeden Ort ersetzen können.«

Die Argumentationskette der Verantwortlichen beschreibt Marc Kaiser offen und ehrlich als »viel zu kurz«. Denn die Verantwortlichen würden von der »Überkapazität« sprechen. »Das ist einfach nur perfide, weil sie sich diese selbst geschaffen haben.« Marc Kaiser kommt auf den Tarifergänzungsvertrag zu sprechen. »Wir haben auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Dadurch wurden rund 52 Millionen Euro gespart in den vergangenen Jahren. Zufälligerweise ist das genau die Summe , die die beiden neuen Werke in Tschechien und Litauen gekostet haben. Uns wurde eine Zukunftgarantie gegeben, und jetzt wird gesagt: ›Ihr seid ja auch noch da‹.«

Karben: Corona-Pandemie erschwert den Protest

Die Frustration ist dem 45-Jährigen anzumerken. »Ich mache mir viele Gedanken - auch um meine Kollegen.« Der Tag, an dem die geplante Werkschließung verkündet worden ist, hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. »Ich weiß noch genau, als ich ins Büro kam. Die neuen Azubis wurden in den Abteilungen vorgestellt. Wenige Stunden später wird ihnen gesagt, dass das Werk dicht gemacht werden soll. Das ist unglaublich traurig. Am Einstellungstag werden normalerweise auch einige Jubiläen gefeiert. Das war natürlich auch alles kein Thema mehr.« Kaiser sagt, dass so eine Botschaft beim ein oder anderen die komplette Lebensplanung über den Haufen werfe. »Es gibt Mitarbeiter, die haben gerade Kinder bekommen oder ein Haus gebaut. Die machen sich natürlich Gedanken.«

Auch seine Familie beschäftige die Situation. Doch Marc Kaiser gibt sich kämpferisch. Gemeinsam mit der Belegschaft gab es bereits Proteste vor dem Werk in Karben, an der Frankfurter Börse und auch in Hannover. »Die Kollegen aus Aachen und Babenhausen sind gut mit uns vernetzt. Auch deren Werke sollen geschlossen werden. Wir bleiben auf jeden Fall aktiv.« Der 45-Jährige sagt, dass die Pandemie dies natürlich deutlich erschweren würden. »Bei unserer Menschenkette vom Werk bis zum Karbener Bürgerzentrum mussten wir natürlich an den Abstand denken. Es gilt Maskenpflicht. Dann kommt auch noch die Kälte im Winter. Es gibt bessere Voraussetzungen.«

Doch die Belegschaft gibt nicht auf. »Man muss auch mal lobend erwähnen, dass niemand die Arbeit eingestellt hat. Die Auftragsbücher sind voll.« Am Anfang habe es noch Kollegen gegeben, die die Auffassung vertreten haben, wenn genug andere demonstrieren, dann würde das reichen. »Jetzt wissen sie: Wenn ich jetzt nicht raus gehe, dann gehe ich nur noch einmal raus und zwar wenn es zu spät ist.«

Continental-Schließung: Standort Karben hat mehrere Preise gewonnen

Es wird also weiter fleißig an Abstandssensoriken und Displays gearbeitet. »Es gab sogar die Anfrage, ob wir auch zwischen den Jahren weiterarbeiten können. Das haben wir als Betriebsrat abgelehnt. Man kann nicht die Werke schließen wollen, aber dann Zusatzarbeiten anfragen. Das können wir der Belegschaft nicht vermitteln.«

Marc Kaiser wird weiter kämpfen. »Für eine Fortführung des Standorts«, wie er sagt. »Alles was mit Elektronik zu tun hat, können wir bauen.« Aber auch für seine Kollegen und Freunde. »Wir haben viele Leiharbeiter beschäftigt, es wäre schön, wenn wir diese zumindest in eine befristete Beschäftigung bekommen würden.« Dass bei einer Erhaltung des Standortes weitere Sparmaßnahmen folgen könnten, weiß der 45-Jährige. »Das wäre der saure Apfel, in den man beißen müsste. Aber das würden wir aus aktueller Sicht gerne machen.« Denn Marc Kaiser hat die Idee vom In-Rente-Gehen noch nicht aufgegeben. »Das wären noch grob 20 Jahre, und das ist auch weiterhin der Plan.«

Das Karbener Conti-Werk hat zwei Preise erhalten. So ging 2015 der »Automotive Lean Production«-Award für internationale Konzerne nach Karben. Zwei Jahre zuvor hatte Conti Karben beim Wettbewerb »Fabrik des Jahres« den Award für »Global Excellence in Operations« gewonnen. Nach Angaben der damaligen Konzernsprecherin gelte das Karbener Werk wegen seiner Neuerungen und der schlanken und effektiven Produktion als Pilotwerk im Konzern. (pe)

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