Mit Kraft und Schmelz, Virtuosität und Hingabe überzeugt das Rastrelli-Quartett mit (v. l.) Gründer Kira Kraftzoff, Mischa Degtjareff, Kirill Timofeev und Sergio Drabkin das Publikum im Jubiläumsjahr "Konzerte in der Kirche".	FOTO: HMS
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Mit Kraft und Schmelz, Virtuosität und Hingabe überzeugt das Rastrelli-Quartett mit (v. l.) Gründer Kira Kraftzoff, Mischa Degtjareff, Kirill Timofeev und Sergio Drabkin das Publikum im Jubiläumsjahr »Konzerte in der Kirche«. FOTO: HMS

Die mit dem Cello rocken

  • vonHanna von Prosch
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Karben (hms). Eigentlich hätte ein Bläserquintett zum Jahresauftakt der Reihe »Konzert in der Kirche« kommen sollen. Das musste aber absagen. Doch der Ersatz hätte nicht besser sein können: Die vier Cellisten des Rastrelli-Quartetts eroberten die Herzen des Publikums im Sturm, zuerst mit Spätromantik, dann vor allem mit einem ausgiebigen Beatles-Potpourri. Am Ende rockte die ganze St.-Michaelis-Kirche.

In den dreißig Jahren, die die Konzertreihe in der heimeligen evangelischen Kirche besteht, gab es sicher viele Höhepunkte. Dieses Konzert bleibt aber bestimmt in besonderer Erinnerung. Mit einer fröhlichen Tarantella des Spätromantikers David Popper weckten die vier aus St. Petersburg und Weißrussland stammenden Vollblutmusiker das Interesse an einer Kammermusikform, die eher selten ist: vier Celli.

Songs der Beatles leben auf

Die Arrangements verschiedener Musikrichtungen für dieses und andere Ensembles schreibt Sergio Drabkin, der Älteste von ihnen. Alle Musiker spielen mit renommierten internationalen Orchestern zusammen, sind oder waren dort verpflichtet, treten solistisch auf, unter anderem auf dem Rheingau-Musik-Festival, haben CDs eingespielt und sind Preisträger einschlägiger Wettbewerbe. Gegründet wurde das Rastrelli-Quartett, das seinen Namen von einem in St. Petersburg tätigen Barockbaumeister hat, 2002 von Kira Kraftzoff in Deutschland. Denn er sowie Mischa Degtjareff und Kirill Timofeev beendeten ihre Studienlaufbahn in Stuttgart.

Die Arrangements von Tschaikowskys »Andante Cantabile aus dem Quartett Nr.1«, Griegs Szenen aus »Peer Gynt« sowie Brahms sechs »Ungarischen Tänzen« und zwei russischen Volksliedern sind spannungsvoll und virtuos. Die einzelnen Instrumente treten solistisch hervor oder unterstützen als Continuo, bauen eine Orchestermacht auf oder verträumen die Noten im feinsten Pianissimo. Dabei verströmen sie ihre schönsten Klangfarben. Man spürt, dass die Musiker Freude am Spiel haben, die sie mit dem Publikum teilen wollen. Hingebungsvoll, fast schmachtend singt Kraftzoff sein Solo im Andante und lässt die letzten Pizzicati andächtig entschweben. Die Musiker erzählen Geschichten in Tönen, werfen sich dabei schelmische oder bedeutungsvolle Blicke zu. Sie genießen die intime Atmosphäre in der mit neugierigen Menschen voll besetzten Kirche, sagen sie.

»Paganini war ein Popstar seiner Zeit, heute gehört er zur Klassik«, leitet Kraftzoff zum zweiten Teil über. »Auch die Beatles sind längst Klassiker. Damals wurden sie verehrt, obwohl viele ihre Sprache nicht verstanden.« Und dann beginnt das auf klassischen Streichinstrumenten, was viele Ältere noch im Ohr haben als den unverwechselbaren Klang, den einzigartigen Rhythmus, wobei sie geträumt und geschwärmt haben und vor Entzückung ausgerastet sind. Es erklingen die Beatles mit den Songs von Paul McCartney und John Lennon, hier neu interpretiert in ihrer Kraft, ihrer Fröhlichkeit und Innigkeit: Yesterday, Honey Pie, Here comes the sun, Penny Lane, Michelle und andere. Wenn Kraftzoff und Degtjareff sich in Rage spielen, glaubt man die jaulende Gitarrensound von George Harrison zu hören, der Rhythmus überwältigt die Zuhörer, sie wippen mit und spenden spontan Applaus.

In der kleinen Kirche dreht sich die Zeit. »Wenn alle Politiker auf der Welt zusammen ein Lied singen würden, sähe die Welt am nächsten Tag ganz anders aus«, sagt Kraftzoff und sie stimmen beziehungsreich »Hey Jude« an. Irgendwann packen die vier Deutschen aus Russland unwiderruflich ihre Celli in die Kästen, während die Kirche noch tobt wie auf einem Rockkonzert.

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