Volles Haus: Die Karbener Jukuz-Scheune ist an diesem Abend gut besucht. 	FOTOS: JANA KÖTTER
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Volles Haus: Die Karbener Jukuz-Scheune ist an diesem Abend gut besucht. FOTOS: JANA KÖTTER

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Bühne frei für starke Frauen

Zu einem Abend von Frauen für Frauen rund um das Thema »Schönheit« hatten das Berufsbildungswerk Südhessen (Bbw) und das Jugendkulturzentrum ins Jukuz am Selzerbrunnen eingeladen. Es ergab sich ein unterhaltsamer Mix aus Film, Gesprächen und Musik im Vorgriff auf den Weltfrauentag am 8. März.

S chwimmen, einen Sportkurs besuchen, eine Präsentation vor Kollegen halten: Es sind gewöhnliche Dinge - die für Frauen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, schnell zur Last werden können. »Schwer vorstellbar, aber 60 Prozent aller Frauen haben deswegen schon einmal auf so etwas verzichtet«, sagt Jennifer Varel. Auch die Auszubildende des Berufsbildungswerks Südhessen (Bbw) ist an diesem Abend in eine Rolle geschlüpft, die Selbstbewusstsein erfordert:

Gemeinsam mit Bbw-Mitarbeiterin Heike Englisch steht sie auf der Bühne und führt durch die Veranstaltung von Bbw und Jukuz zum Frauentag. Die Zahlen, die die beiden präsentieren, sorgen bei den Zuschauerinnen für schockierte Gesichter: Nur neun von 100 Frauen sind eigenen Angaben zufolge mit ihrem Körper zufrieden. In der Karbener Jukuz-Scheune sind es bei einer anonymen Umfrage zwar immerhin rund 20 der 80 Anwesenden - doch das sind immer noch zu wenig.

»Es ist uns wichtig, bei unseren Auszubildenden eine Auseinandersetzung mit ihrer Rolle als Frau zu fördern und auch starke weibliche Perspektiven zu fördern«, sagt Bbw-Mitarbeiterin Englisch. Dass das gelingt, beweist das Kompliment, das ihr Varel an diesem Abend vor den Augenzeuginnen macht: »Sie haben zwar keine Model-Maße - aber Sie haben immer eine tolle, positive Ausstrahlung!«

Tatsächlich sind es genau die Model-Maße, in denen das Problem begründet liegt. Denn: Tagtäglich sind Frauen mit unzähligen Werbebotschaften konfrontiert, im Fernsehen, in Magazinen, in den sozialen Medien. Das Problem: Sie alle spiegeln einen Typ Frau wider, der mit Computer-Retuschen oft bis zur Makellosigkeit verzerrt wurde. So erzählt im Film »Embrace« - Teil des bunten Programm-Potpourris des Abends - etwa die erste weibliche Chefredakteurin des Magazins »Cosmopolitan«, wie sie einst für einen Aufruhr sorgte: Indem sie auf ein Unterwäsche-Shooting mit einem Model in Größe 42 bestand. Diesen Botschaften, »wie eine Frau zu sein hat«, wolle das Bbw eine klare Position entgegensetzen, betont Freizeitpädagogin Englisch. »Jede Frau ist auf ihre Weise schön - da gibt es kein richtig oder falsch.«

Wichtiger als High Heels

»Haar- und Speckrollen gehören zu meinem Betriebsablauf«, bringt es Poetry-Slammerin Annika Hofmann schmunzelnd auf den Punkt - ebenso wie graue Haare, die irgendwann dazukommen. »Blick doch öfter mal nach innen«, appelliert sie in einem berührenden Text aus Sicht des Körpers. Ein gutes Bauchgefühl - auch dank guter Ernährung - sei wichtiger als High Heels, und dann »ist der Körper auch bereit zu tun, was das Herz will«. Es ist eine Nachricht, die auch die Bbw-Auszubildende Sara Najar auf die Bühne bringt: In ihren Liedern und flammenden Plädoyers gibt sie Mut, dass Frauen alles, was sie für ein erfülltes Leben brauchen, bereits in sich tragen. »Wir brauchen doch keinen reichen Mann!« Also: Schluss mit der Suche nach dünner, schöner, reicher. Die Folgen dieses »Wahns« kennt die australische Fotografin und dreifache Mutter Taryn Brumfitt aus eigener Erfahrung. Die Protagonistin des Dokumentarfilms »Embrace - Du bist schön«, den die Besucherinnen gemeinsam schauen, hat 2013 ein unbearbeitetes Nacktfoto von sich ins Internet gestellt und ermutigt seither Frauen weltweit dazu, zu ihrem Körper zu stehen.

Die Zuschriften, die sie in den vergangenen Jahren erhalten hat, waren teils herzzerreißend. »Ich war noch nie mit meiner vierjährigen Tochter im Schwimmbad«, habe eine Frau geschrieben. Eine andere sei seit drei Jahren nicht mit ihrem Mann intim gewesen - weil sie ihren eigenen Körper so abstoßend finde.

»Das war berührend - mitunter aber im schlimmsten Sinne«, bringt es im Anschluss eine Besucherin auf den Punkt, während ihre Tischnachbarin noch völlig sprachlos ist. Mit etwas aufrechterem Gang als zu Beginn der Veranstaltung verlassen viele Frauen nach fast drei Stunden voller Impulse - und nicht zuletzt leckerem, gesundem »Treibstoff« der Gastro-Azubis - die Scheune. Sie verkörpern - zumindest in diesem Moment - die Adjektive, die den ganzen Abend auf der Rückwand der Bühne geleuchtet haben. Sie fühlen sich stark, mutig, entschlossen. Schön.

Der Internationale Frauentag wird jedes Jahr am 8. März begangen. Er entstand einst als Initiative sozialistischer Organisationen im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Seit 1921 wird er jährlich gefeiert; in Berlin ist der Frauentag seit 2019 sogar gesetzlicher Feiertag.

Häufig wird das Datum des 8. März für Demonstrationen für Frauenrechte, Vorträge und Feiern rund um »weibliche Themen« genutzt. jkö

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