Der Dallesplatz im Ortskern von Groß-Karben. Auf dem Platz stand seit 1610 das alte Rathaus mit Schule und "dunklem Gefängnis". Um 1834 wurde das Gebäude abgerissen.	FOTOS: SCHENK/PRIVAT
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Der Dallesplatz im Ortskern von Groß-Karben. Auf dem Platz stand seit 1610 das alte Rathaus mit Schule und »dunklem Gefängnis«. Um 1834 wurde das Gebäude abgerissen. FOTOS: SCHENK/PRIVAT

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Brüder, die kein »Schwein hatten«

  • vonJürgen Schenk
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Wer das Schwein seines Nachbarn stiehlt, könnte heutzutage zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt werden. Wahrscheinlicher sind aber wohl eine Geldstrafe und jede Menge Lacher in der Öffentlichkeit. Das war im Jahr 1771 noch ganz anders. Etwas zu lachen gab es weder für den Bestohlenen noch für den Dieb.

Ü ber das Schicksal des Täters entschied um 1771 noch immer die Constitutio Criminales Carolina, besser bekannt als die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls des V. Dieses Rechtswerk war bereits 1532 eingeführt worden und gilt als erstes allgemeines Strafgesetzbuch in Deutschland. Wegen der darin vorgesehenen Strafen, die aus heutiger Sicht barbarisch anmuten, nannten und nennen es viele auch »Theater des Schreckens«. Diebstahl galt als Kapitalverbrechen, weil dem Bestohlenen dabei oft seine Existenzgrundlage genommen wurde. Ein Schwein war früher wie eine Lebensversicherung für längere Zeit. Delinquenten mussten in der Regel mit einer drakonischen Bestrafung rechnen.

Ob sich die Groß-Karbener Brüder Adam und Gerhard Stuckert darüber im Klaren waren? Im Sommer 1771 knurrten ihre Mägen schließlich genauso wie im Frühling, Herbst und Winter. Noch schlimmer war es aber, dass sie ihre Familien irgendwie durchbringen mussten. Beide waren verheiratet. Adam Stuckert hatte 1761 Anna Catharina Colas zur Frau genommen, sein Bruder Gerhard fünf Jahre später Anna Margaretha Lang. Im ersten Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde Groß-Karben sind von den Ehepaaren jeweils drei Kinder eingetragen. Ein Sohn lag noch ganz frisch in den Windeln, als die beiden Brüder einen Plan fassten. Heimlich wollten sie einem Bauern aus der Nachbarschaft ein Schwein stehlen, um es zu schlachten. Ein gutes Mastschwein hätte beide Familien mit Fleisch versorgen und ihren Hunger stillen können. Wie und wann die Familienväter ihre Tat ausführten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist nur, dass man sie dabei erwischte. Sie hatten zusätzlich noch den Wintersamen mitgehen lassen.

Für 15 Gulden zum Kriegsdienst

Amtmann Mader erstattete daraufhin bei der Burggrafschaft in Friedberg Anzeige gegen die Täter. Auf dem herrschaftlichen Quartalskonvent am 14. September 1771 wurden sie wegen Diebstahls verurteilt. »Die Gemeinden Groß-Karben und Klein-Karben hatten gebeten, sie von den bösen Gliedern zu befreien«, berichtet der Heimatforscher Herbert Schuch in seiner Groß-Karbener Chronik. »Zur Bestrafung wurden Adam und Gerhard Stuckert auf sechs Jahre gegen ein Handgeld von 15 Gulden an kaiserliche Werbungstruppen des Oberleutnants Graf von Strasaldo für den Kriegsdienst verkauft.« Mit dem größten Teil ihres Vermögens sollten die Prozesskosten und andere Schulden getilgt werden. Frauen und Kinder der Verurteilten waren ebenfalls nicht länger erwünscht. Man legte ihnen nahe, mit den Männern das Land zu verlassen. Allein die Untertanenschaft sollte bestehen bleiben.

Am 25. September 1771 kam das Urteil dann zur Vollstreckung. Beide Familien mussten Groß-Karben verlassen. Auf die kleinen Kinder und den Säugling wurde dabei keine Rücksicht genommen. Im Staatsarchiv Darmstadt existieren Sachakten, die weitere Hinweise geben. Darin wird als Ziel der Landesverwiesenen Österreich genannt. Von Beruf seien sie »Diebe mit schlechtem Ruf«. Vermutlich hatte man sie für sechs Jahre an das kaiserlich-österreichische Regiment Graf Wallis »verschachert«. Dieses Linien- infanterieregiment sollte wohl im Russisch-Osmanischen Krieg (1768 bis 1774) an der Seite der Türken gegen Russland zu kämpfen. Zu einem Kriegseintritt Österreichs kam es jedoch nicht.

Wie es den Stuckerts weiter erging, kann man nicht sagen Kriege gab es während dieser unruhigen Epoche genug, Soldaten nicht immer. Besonders Infanteristen, die in der Linie kämpften, standen auf dem Schlachtfeld im direkten Feuer. Vielleicht überlebten sie und ließen sich nach Ablauf von sechs Jahren irgendwo in Österreich nieder. Was man weiß: Nach Groß-Karben kehrten sie nicht zurück. Mit der Taufe von Johann Caspar Stuckert im Juli 1771 verliert sich ihre Spur.

Man mag es kaum glauben: Die Basis der Constitutio Criminales Carolina wurde von humanistischem Gedankengut und Elementen des römischen Rechts geprägt. In seiner endgültigen Form erhielt das Gesetzeswerk auf dem Reichstag in Regensburg 1532 Gültigkeit. Selbst in aufgeklärter Zeit verlor die Carolina nichts von ihrer Rechtmäßigkeit. In vielen deutschen Gebieten galt sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Grundsätze wie »Im Zweifel für den Angeklagten« gab es noch nicht. Stattdessen konnten die Richter auch das eigene Ermessen zu Grunde legen. Die Folter (Tortur) war ein gängiges Mittel zur Urteilsfindung. Als Kapitalverbrechen galten: Mord, Totschlag, Räuberei, Vergewaltigung, Brandstiftung, Verrat, Münzfälschung, Bruch der Urfehde, Diebstahl und Zauberei (mit Personenschaden). Neben Leibes- und Todesstrafen konnten auch Geldbußen verhängt werden. Die Hinrichtungsarten waren an Grausamkeit kaum zu überbieten. Dazu gehörten Verbrennen, Enthaupten, Vierteilen, Rädern, Hängen, Ertränken, Pfählen und lebendig Begraben. Die Verurteilten konnten strafverschärfend zum Richtplatz geschleift oder mit glühenden Zangen traktiert werden. Was sich heute nach einem »Theater des Schreckens« anhört, war damals eine Frage der Verhältnismäßigkeit. jsl

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