Bei einer Blühpatenschaft legt ein Landwirt eine Blühfläche an, ein Verbraucher trägt als Pate die Kosten. Interessierte können eine Patenschaft unter wetterauerbluehpatenschaft@gmx.de erfragen.
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Bei einer Blühpatenschaft legt ein Landwirt eine Blühfläche an, ein Verbraucher trägt als Pate die Kosten. Interessierte können eine Patenschaft unter wetterauerbluehpatenschaft@gmx.de erfragen.

Landwirt im Gespräch

Blühpatenschaft in Karben: Landwirt stellt besonderes Projekt vor

  • vonJana Kötter
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Andreas Gangel ist Landwirt in Okarben. Im Interview spricht er über Probleme und Auflagen und stellt ein besonderes Projekt vor.

Immer häufiger gehen Landwirte auf die Straße - aus Protest gegen die aktuelle Agrarpolitik. Der Okarbener Jungbauer Andreas Gangel spricht im Interview mit Jana Kötter über den Druck, unter dem Landwirte heute stehen, und erklärt, warum es gerade in Zeiten des Coronavirus wichtig ist, den Wust an immer neuen Auflagen zu überdenken.

Sie wollten eigentlich Banker werden - nun sind Sie Bauer. Das können sich sicherlich nicht viele Gleichaltrige vorstellen, oder?

Tatsächlich ist die Landwirtschaft heute gesellschaftlich nicht mehr so greifbar wie früher. Jemand, der nicht in diesem Umfeld groß geworden ist - so wie ich -, wird sich wohl kaum dafür entscheiden. Es ist gerade bei jungen Menschen schlichtweg keine Option für die Berufswahl. Mit anderen Worten: Jeder landwirtschaftliche Betrieb, der jetzt schließt, ist tot.

Tatsächlich geben immer mehr Betriebe auf: Angaben der EU zufolge sind es europaweit jeden Tag rund 1.000 Bauern. Warum?

Ein politischer Wust an neuen Auflagen erschwert uns Landwirten vermehrt die wirtschaftliche Produktion. Denn die Vorgaben - beispielsweise die Düngeverordnung, die nächsten Monat überarbeitet werden soll, oder der »Green Deal« für Klimaneutralität auf EU-Ebene - sind für uns oft mit Investitionen verbunden. Gerade kleinere Betriebe können oder wollen das oft nicht stemmen. Darüber hinaus können die höheren Auflagen zu Ertragseinbußen führen. Wir sind nicht gegen Wandel, aber er muss gemeinsam getragen werden und wissenschaftlich begründet sein.

Pachtet den Betrieb seines Onkels seit fünf Jahren: Landwirt Andreas Gangel betont, wie wichtig die Produktion im eigenen Land ist. Das zeigen auch die Auswirkungen des Coronavirus.

Spielt der Verbraucher dabei nicht auch eine Rolle? Immerhin macht es Ihr Leben nicht einfacher, wenn beim Lebensmittelkauf eine »Geiz ist geil«-Mentalität herrscht, oder?

Das trifft so nur in der sogenannten Direktvermarktung zu. Wir hingegen verkaufen unser Getreide an einen Händler, der wiederum an eine Mühle, diese an ein Bäckerunternehmen, und erst dann kommt es zum Verbraucher. Sprich: Kostet das Brot am Ende mehr, kommt nicht automatisch auch mehr bei uns an. Wir sagen daher, dass die Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Produktion stimmen müssen - was aber letztlich auch den Verbraucher umfasst, ja.

Als ein Beispiel haben Sie die Düngeverordnung genannt. Was bedeutet diese für Sie?

Wir als Landwirte düngen prinzipiell nicht frei drauflos. Wir prüfen, was wir wo anbauen und wie hoch der Ertrag in den vergangenen Jahren auf diesem Boden war. In meinem Beispiel wären das etwa neun Tonnen Weizen - da weiß ich genau, wie viel Nährstoffe noch im Boden sind beziehungsweise wie viel ich brauche, um diesen Ertrag wieder zu erzielen. Das ist in etwa vergleichbar mit der Empfehlung, dass ein Mensch 2000 Kalorien am Tag zu sich nehmen soll. Davon kann ich nicht einfach per Vorgabe 20 Prozent abziehen. Das ist - sowohl für das Beispiel des Menschen als auch für den Boden - Unterernährung, und das führt immer zu Ertrags- und Qualitätseinbußen.

Aber kommt hier nicht wieder der Verbraucher ins Spiel, der zunehmend Bio nachfragt?

Tatsächlich wächst der Bio-Markt stark, auch wenn der Anteil am Gesamtmarkt noch marginal ist. Eine Bio-Avocado ist auch schön und gut, aber ich sage meinen Leuten immer: »Kauft regional, kauft saisonal, kauft frisch!« Das ist - auch konventionell angebaut - deutlich besser als eine Flug-Ananas. Wir haben mit Roter Bete oder Grünkohl übrigens auch heimische »Superfoods«, nur lassen die sich nicht so trendy vermarkten. Ich nehme die Nachfrage nach Bio als starken Hype wahr - der aus Klimaschutzsicht auch durchaus seine Berechtigung hat, keine Frage. Den Umweltaspekt allein zu betrachten, ist aber zu eindimensional gedacht. Bei Bio muss uns bewusst sein, dass wir wesentlich mehr landwirtschaftliche Fläche benötigen, um unsere Selbstversorgung zu sichern und dass die Ertragsstabilität stark schwanken kann. Und Corona als jüngstes, überaus trauriges Beispiel führt uns vor Augen, wie wichtig die Produktion auch im eigenen Land ist.

Inwiefern?

Wir schaffen uns durch die steigenden Auflagen so hohe Standards, dass wir diese in Deutschland selbst nicht mehr erfüllen können. Die Arzneimittelindustrie ist dafür ein Beispiel, aber auch die Kleidungsindustrie. Beides wird heute in Deutschland fast gar nicht mehr produziert, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen - und nun sind wir auf Bangladesch, Indien und Co. angewiesen. Das führt aktuell zu Lieferengpässen und einer Produktion im Ausland unter wesentlich niedrigeren Sozial- und Umweltstandards. Das sollte uns mit der Landwirtschaft tunlichst nicht passieren. Wir müssen einen gewissen Selbstversorgungsgrad im Land erhalten.

Blühflächen pachten

Andreas Gangel (36) hat sich nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre dazu entschieden, in den landwirtschaftlichen Betrieb seines Onkels einzusteigen. Diesen pachtet er seit mehr als fünf Jahren. Der Okarbener betreibt reinen Ackerbau - Weizen, Gerste, Mais, Raps, Erdbeeren, Kartoffeln und neuerdings Soja - auf rund 235 Hektar. Ein Beispiel, wie Forderungen der Politik gemeinsam getragen werden können, ist die Blühpatenschaft. Dabei legt ein Landwirt eine Blühfläche an, ein Verbraucher trägt als Pate die entstehenden Kosten. Eine Blühfläche in Karben von 50 Quadratmetern gibt es pro Saison für 30 Euro, 100 Quadratmeter für 50 Euro, 250 Quadratmeter kosten 100 Euro, jeweils inklusive Zertifikat. Interessierte können eine Patenschaft unter wetterauerblueh patenschaft@gmx.de erfragen. 

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