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Bilder vom menschlichen Rückzug

  • vonJürgen Schenk
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Karben (jsl). Was werden die Menschen später einmal beim Blick auf die Bilder der Pandemie empfinden? Das ist eine spannende Frage. Was sie auf jeden Fall sehen werden, ist eine Zeit, in der das Unnormale normal wurde. Eine maskierte Welt in der Depression. Und Bilder vom menschlichen Rückzug zum Schutz anderer und sich selbst.

Eben weil das Fotografieren jetzt einen Boom erlebt, wird es genügend Impressionen für die Nachwelt geben. Besonders die Natur- und Straßenfotografie scheint derzeit voll im Trend zu liegen. Viel mehr Möglichkeiten gibt es auch nicht. Die Spezialisten vom Karbener Fotoclub wissen das sehr genau.

Pressesprecher Rainer Wagner aus Okarben geht selbst mit seiner Kamera auf Entdeckungstour. »Fotografieren kann man immer und ganz allein«, berichtet er. »Dazu braucht es nur einen schönen Spaziergang in der Natur. Alles, was sich draußen abspielt, kann zum Motiv werden. Landschafts- und Tieraufnahmen waren schon vor der Pandemie beliebt, jetzt sind sie es noch mehr.« Andere Hobby-Fotografen würden sich ganz bewusst mit den Leitthemen der Gesellschaft auseinandersetzen. Verwaiste Geschäfte, leere Plätze und hoch gestellte Stühle in Straßencafes seien oft Teil ihrer Portfolios. Wagner: »Am Bild der Innenstädte lässt sich die Pandemie sehr gut darstellen.«

Es scheint so, als ob einer der kleinsten Vereine in Karben dabei die größte Aussagekraft besitzt. Jedoch ist der Wirkungskreis des Fotoclubs mit seinen 36 Mitgliedern durch die aktuellen Einschränkungen limitiert. Viele interne Aktivitäten müssen abgesagt werden; das Vereinsleben hat sich gänzlich in die Online-Welt verlagert. »Es fehlt jetzt einfach am persönlichen Kontakt. Das kann nicht durch ein Videoformat ersetzt werden«, hat Wagner festgestellt. »Man sieht sich nicht real. Es fehlen die Gespräche und der informelle Austausch, der sonst immer stattgefunden hat. Das ist für alle ein Problem.« Zum Jahresprogramm gehören in der Regel wöchentliche Clubabende mit Bilderpräsentationen, internen Wettbewerben, Technik- und Autorenbeiträgen. Während der Corona-Lockerungen im vergangenen Herbst konnte der Verein einen Fotoausflug nach Hofgeismar und zur Sababurg unternehmen. Und wenige Tage vor dem Lockdown im März 2020 hatte man tatsächlich noch die Karbener Fototage im Bürgerhaus Okarben über die Bühne bringen können. Diese Veranstaltung war bis dato die letzte in Karben. Ob solche Events in diesem Jahr stattfinden können, steht derzeit noch zur Disposition.

Neue Möbel im Clubheim

»Ich bin kein Freund von digitalen Treffen«, bekennt der Vorsitzende Werner Verderber. »Der direkte Kontakt ist mir lieber. Wenn es irgendwie geht, wollen wir wieder einen geregelten Clubablauf ermöglichen.« Und in der »Blende«, dem Mitteilungsheft des Vereins, gibt er auch einen Ausblick in die Zukunft: »An Bildprojekten mangelt es uns nicht. Wir wollen uns trotz Corona-Einschränkungen aktiv mit einer Bilderausstellung an der 50-Jahr-Feier der Stadt Karben und an der Themenbebilderung der neuen Stadtbibliothek beteiligen.«

Der Verein sei durch die Krise nicht in finanzielle Nöte gekommen, erklären Verderber und Wagner. Man habe außer dem Mitgliedschaftsbeitrag im Deutschen Verband für Fotografie (DVF) und der Miete des Clubraumes keine laufenden Ausgaben. Sie berichten dagegen eher von positiven Entwicklungen im Verein. So könnte die Mitgliederzahl bald um zwei Personen anwachsen. Der Vereinsvorsitzende nennt dazu ein Kriterium: »Es muss einfach menschlich passen. Das ist uns eigentlich am wichtigsten.«

Ein Lichtblick in der Krise war zudem die Ausstattung des Club-Domizils in der Christinenstraße 17 mit neuen Tischen und Stühlen. Die Möblierung wurde von einem heimischen Energiedienstleister mit einer Spende unterstützt. Der Raum wird auch von der NABU-Ortsgruppe mitgenutzt.

Der Fotoclub feiert im nächsten Jahr sein 50-jähriges Jubiläum. Entstanden ist der Verein im Oktober 1972 aus dem Volkshochschulkurs »Fotografieren in Theorie und Praxis«, der von Gottfried Arnold, einem Fotoredakteur der Wetterauer Zeitung, geleitet wurde. Gründungsstätte war das Gasthaus »Alt Roggau« in Burg-Gräfenrode. Zunächst hatte der Verein 17 Mitglieder und hieß »Foto- und Schmalfilmclub Karben«; 1979 wurde er in »Fotoclub Karben e. V.« umbenannt. jsl

Am Brunnen-Center in Dortelweil, von Hartmut Lux .
Windrad, von Joachim Pollmar
Werner Verderber

Rubriklistenbild: © Red

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