Clim-Air-Chef Guido Hommel an einer Kiste, in der die groben Produktionsrückstände gesammelt werden. Während es dafür noch Abnehmer gibt, müssen die feinen Rückstände aus der Produktion auf dem Firmengelände gelagert werden. 
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Clim-Air-Chef Guido Hommel an einer Kiste, in der die groben Produktionsrückstände gesammelt werden. Während es dafür noch Abnehmer gibt, müssen die feinen Rückstände aus der Produktion auf dem Firmengelände gelagert werden. 

Müllproblem

Von Behörden enttäuscht: Verlässt Autozulieferer Clim Air Karben?

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Die Karbener Firma Clim Air hat ein Müllproblem. Deshalb möchte sie Abfälle auf dem eigenen Gelände verbrennen. Doch die Kommunikation mit den Behörden ist schwierig, der Firmenchef ist enttäuscht.

Guido Hommel zeigt auf zahlreiche, rund zwei Meter hohe und dicke weiße Plastiksäcke. Der Inhaber des Autozulieferers Clim Air ist sauer. "Wir lagern hier die Rückstände aus unserer Produktion. Und täglich kommen vier neue Säcke hinzu." Demnächst, kündigt er an, werde man weitere Reihen von Säcken anbauen. "Zuerst stellen wir die Rasenflächen zwischen den Hallen voll, dann nehmen wir das angrenzende Feld dazu, wenn der Landwirt es abgeerntet hat."

In den Säcken lagert das, was bei der Produktion von Windabweisern und Sonnenschutzsystemen für Autos übrig ist. "Das ist reines Acrylglas, das aus Öl besteht", informiert der Chef des Unternehmens, das trotz der Pandemie bestens im Geschäft ist. "Wir haben Aufträge aus aller Welt, unsere Auftragsbücher sind voll, wir hatten auch keinen Produktionsstopp." In dieser Woche habe man acht weitere Mitarbeiter eingestellt. Über 170 Männer und Frauen beschäftigt der im Okarbener Gewerbegebiet Am Spitzacker ansässige Autozulieferer. Von Krise also keine Spur.

Clim Air Karben: Säcke lagern auf Gelände

Dennoch gibt es Ärger, eben wegen jener Säcke, die auf dem Gelände herumstehen. Dabei möchte Clim Air das Material selber verwenden, nämlich zum Beheizen der Gebäude. Doch dazu ist es bislang nicht gekommen. Hommel: "Für das Thema fühlt sich niemand zuständig." Dass die Säcke nun auf dem Gelände lagern, hat eine Vorgeschichte. "Bis vor Kurzem waren unsere Produktionsrückstände noch etwas wert." Diese seien vom Werksgelände direkt abgeholt und anderweitig weiterverwendet worden. "Mehrere Firmen haben uns die Rückstände abgenommen. Dafür haben wir sogar Geld bekommen, weil es Rohstoffe sind."

Doch durch ein neues Abfallgesetz habe sich die Situation geändert. Vor allem die direkt an den Arbeitsplätzen abgesaugten Späne würden nicht mehr abgenommen. Diese Späne werden über ein Rohrleitungssystem in die Säcke gepumpt. Für das grobe Material erhalte man noch Geld, das feine werde man aber nicht mehr los und müsse es nun auf dem Gelände lagern.

Da kamen Hommel und seinem Team eine Idee: Eine ausgediente Verbrennungsanlage auf dem Firmengelände könnte wieder reaktiviert werden. Man habe beim renommierten Fraunhofer-Institut eine Brennstoff-Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob die Weiterverarbeitung des eigenen Abfalls in der Anlage möglich sei und ob diese den aktuellen Gesetzen entspreche. Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass die Verwendung der Produktionsrückstände möglich sei. "Wir würden die stillliegende Anlage ertüchtigen, und damit könnten wir unsere Produktionshallen und alle Gebäude auf dem Gelände beheizen", betont der Firmeninhaber.

Clim Air Karben: Firmenchef Hommel droht mit Abwanderung

"Mehrere Monate" habe man dann versucht, verschiedene Behörden zu kontaktieren, um zu erfahren, wie der konkrete Ablauf sei und welche Vorgaben es genau gebe. "Doch niemand hat sich verantwortlich gefühlt", ist Hommel sauer. Man habe die verschiedenen Stellen kontaktiert, doch niemand habe sich dieser Thematik angenommen. "Alle haben uns vertröstet und uns mitgeteilt, es liege nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich."

Hommel versteht die Welt nicht mehr. "Wie kann es sein, dass wir Geld investieren wollen, um unsere Prozesse zu optimieren und die Umwelt damit weiter zu entlasten und dabei von sämtlichen Behörden derart im Stich gelassen werden?" Hommel fordert, dass sich die Behörden der Sache "endlich" annehmen. Seine Forderung könnte Gehör gefunden haben. An diesem Freitag haben sich Vertreter aus dem hessischen Umweltministerium und dem Regierungspräsidium Darmstadt angekündigt.

Das Regierungspräsidium hat sich gegenüber dieser Zeitung für zuständig erklärt, denn bei der Inbetriebnahme einer Heizanlage gehe es um immissionsschutzrechtliche Fragen. Sollte sich aber weiterhin nichts tun, droht Hommel: "Wir könnten die Produktion auch hier stilllegen. Ich bin nicht auf den Standort Karben angewiesen."

Clim Air Karben: RP rät zu "energetischer Verwertung"

Auf der Homepage des RP Darmstadt werden die fünf Säulen der deutschen Abfallwirtschaft benannt. An erster Stelle steht die Vermeidung von Müll, an zweiter die "Vorbereitung zur Wiederverwendung", an dritter das Recycling, die vierte ist die "sonstige Verwertung". Hierunter fällt "insbesondere die energetische Verwertung". Die feinen Rückstände aus der Produktion könnten mithin direkt in die firmeneigene Heizanlage wandern und dort verbrannt werden. Es würde auch kein Lkw- oder Schiffstransport mehr, wie früher, zur Wiederverwertung oder Weiterverwertung anfallen. Man würde in Okarben zudem Kosten von rund 100 000 Euro für das Öl zum Heizen sparen, und auch rund 50 000 Euro an Entsorgungskosten.

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