Die Demonstration gegen die beabsichtigte Schließung des Conti-Werkes im Karbener Gewerbegebiet Anfang September stößt beim Aufsichtsrat des Autozulieferers nicht auf Gehör. Er hat sich am Mittwoch für die Abwicklung des Karbener Werkes ausgesprochen. FOTOS: PEGELOW
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Die Demonstration gegen die beabsichtigte Schließung des Conti-Werkes im Karbener Gewerbegebiet Anfang September stößt beim Aufsichtsrat des Autozulieferers nicht auf Gehör. Er hat sich am Mittwoch für die Abwicklung des Karbener Werkes ausgesprochen. FOTOS: PEGELOW

Aufsichtsrat: Aus für Conti-Werk

  • Antje Grunenberg-Heuer
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Alle Proteste von Mitarbeitern, Gewerkschaftern und Politikern haben nicht geholfen: Am Mittwoch bestätigte der Aufsichtsrat von Continental das Aus des Karbener Werkes bis Ende 2024.

E twa tausend Mitarbeiter des Karbener Werkes von Continental - davon viele aus der Region Wetterau - stehen vor einer ungewissen Zukunft: Der Aufsichtsrat des Autozulieferers hat die Schließungspläne des Konzerns bestätigt. Der Karbener Standort für Autoelektronik soll bis Ende 2024 aufgegeben werden, wie Conti am Mittwoch in Hannover mitteilte. Auch das Reifenwerk in Aachen soll abgewickelt und der Standort in Regensburg umgebaut werden. Insgesamt sind etwa 4800 Arbeitsplätze betroffen.

An den Plänen des Autozulieferers hatte es in Karben laute Kritik von Gewerkschaftern und Politikern gegeben. Anfang September gab es eine große Demonstration vor dem Karbener Conti-Werk gegen die Pläne des Konzerns.

Verschärfter Sparkurs

Conti steht wegen des Strukturwandels und der Corona-Krise unter Druck. Die Werksschließungen sind zudem Teil eines schon im vergangenen Jahr angekündigten und nun verschärften Sparkurses beim zweitgrößten Autozulieferer der Welt. Insgesamt will Conti weltweit 30 000 Stellen "verändern", davon 13 000 in Deutschland. Von 2023 an soll der Umbau jährlich mehr als eine Milliarde Euro einsparen. Arbeitnehmervertreter kritisierten den Beschluss des Aufsichtsrats am Mittwoch dennoch umgehend. Der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sprach von einem "Kahlschlag-Konzept" des Unternehmens. "Continental hat die gesamte Mannschaft vor den Kopf gestoßen, die eigene Unternehmenskultur beschädigt und die betriebliche Mitbestimmung mit Füßen getreten", sagte er.

Christiane Benner, Vizevorsitzende der IG Metall und Vizeaufsichtsratschefin bei Continental, kritisierte, Conti werde seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht. Es gehe nun weiter darum, "Alternativen zu Schließungen und dem Abbau von 13 000 Arbeitsplätzen zu finden. Conti argumentiert mit dem wirtschaftlichen Umfeld. Die derzeitige Krise der Autobranche sei "größer und schärfer als alles, was wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben", sagte Konzernchef Elmar Degenhart. "Strukturwandel, sinkende Absätze und jetzt die Coronavirus-Pandemie: Das alles kommt zeitgleich zusammen und verursacht in Summe eine historische Krise in der Autoindustrie", ergänzte Personalvorstand Ariane Reinhart.

Konzernchef will "faire Lösung"

Degenhart betonte jedoch auch, dass die 30 000 vom Sparprogramm betroffenen Stellen nicht automatisch 30 000 Kündigungen bedeuteten. Entlassungen seien "für uns immer das allerletzte Mittel", sagte er. Mit den Arbeitnehmervertretern werde daher jetzt nach möglichst fairen Lösungen für die Mitarbeiter gesucht.

Schon im vergangenen Jahr hatte der Conti-Konzern angekündigt, alles auf den Prüfstand stellen zu wollen. Unternehmenssprecherin Nicole Göttlicher betonte Anfang September, die gesamte Automobilbranche befinde sich im Strukturwandel. Die Coronavirus-Pandemie habe die Rückgänge der Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen zusätzlich verschärft. Göttlicher, die für Personal zuständige Sprecherin des Unternehmens, hatte gesagt, Conti justiere seine übergreifende Kostenstruktur neu, denn "unser jetziges Kostengefüge passt nicht zur weltweit geringeren Produktion von Fahrzeugen".

Christian Egner, Conti-Betriebsbetreuer in Karben von der IG Metall, hatte kritisiert, man sei geschockt gewesen, dass diese Pläne seit Februar verfolgt würden, ohne den Betriebsrat informiert zu haben. Was die Mitarbeiter vor allem erzürne sei, dass man 2006 zu massiven Zugeständnissen bereit gewesen sei, um die Werke zu erhalten. Stattdessen habe Conti die 52 Millionen Euro Lohnkosteneinsparungen genommen, um in Litauen und Ungarn zwei neue Werke zu bauen. Die Gewerkschafter hatten die Karbener Mitarbeiter während der Demonstration darauf eingestimmt, man wolle für den Erhalt des Karbener Werkes kämpfen. Und er hatte einen heißen Herbst versprochen.

Karbens Bürgermeister Guido Rahn (CDU) war am gestrigen frühen Abend nicht zu erreichen. Er hatte aber schon während der Demonstration die Nachrichten von Conti als "schweren Schlag für die gesamte Region" bezeichnet. Er hatte gesagt, dass es gelte, so weit möglich, den Erhalt von Arbeitsplätzen zu erreichen. Wenn dies nicht möglich sei, müsse die Stadt mit Conti die Nachnutzung des Geländes sicherstellen. Immerhin handele es sich um mehr als zwölf Hektar Gewerbeflächen inklusive der Gebäude. Zudem hatte Rahn alle Magistratsmitglieder und die Fraktionsvorsitzenden im Karbener Stadtparlament zu einer gemeinsamen Krisensitzung eingeladen.

Auch die Synode des evangelischen Dekanats Wetterau hatte einstimmig eine Resolution beschlossen und den Conti-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern Unterstützung und Solidarität im Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze zugesichert. Und auch die Wetterauer SPD bekundete Solidarität mit den Conti-Beschäftigten.

Zwei Wochen nach dem angekündigten Stellenabbau bei Continental hatte die hessische Landesregierung Medienberichten zufolge das Unternehmen zu Gesprächen über die Zukunft der Standorte aufgefordert. Dieses späte Handeln hatte die SPD-Fraktions- und Landesvorsitzende Nancy Faeser als "längst überfällig" bezeichnet: "Ministerpräsident Bouffier und Wirtschaftsminister Al-Wazir haben zwei Wochen verstreichen lassen, bevor sie sich an die Seite der Beschäftigten stellen. Diese Zeit hätte man besser nutzen müssen: zum Beispiel dafür, den Einfluss einer Landesregierung von Beginn an und mit Nachdruck geltend zu machen." Lesen Sie auch Seite 3.

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