Handball wurde damals noch im Freien gespielt: Dieses Mannschaftsfoto entstand vor dem Gastspiel der Handballerinnen der Stuttgarter Kickers Ende der 40er Jahre in Petterweil. Die erste Dame links ist Ria Jann (Weber). FOTO/REPRO: JÜRGEN SCHENK
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Handball wurde damals noch im Freien gespielt: Dieses Mannschaftsfoto entstand vor dem Gastspiel der Handballerinnen der Stuttgarter Kickers Ende der 40er Jahre in Petterweil. Die erste Dame links ist Ria Jann (Weber). FOTO/REPRO: JÜRGEN SCHENK

Ria Jann vom TVP aufgezeichnet

Auch mit 90 bei jedem Heimspiel dabei

  • vonJürgen Schenk
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Ria Jann wird in der kommenden Woche für 75-Jahre Vereinstreue beim TV Petterweil geehrt. Die 90-Jährige ist immer noch handballverrückt - und ist damit in ihrer Familie nicht die Einzige.

N icht wenige Menschen in Petterweil scheinen den Handballsport im Herzen zu tragen. Ganze Familien sind mit ihm verbunden. Es ist ein Phänomen, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Am Beispiel der Familie Jann aus der Steingasse wird die Begeisterung deutlich: Unglaubliche 262 Jahre Handball kommen zusammen, wenn man die Mitgliedschaft aller Personen beim Turnverein (TV) Petterweil addiert. Am 9. September wird Ria Jann geborene Weber im Albert-Schäfer-Haus für 75 Jahre Vereinstreue geehrt. Ihrem Ehemann Willi wurde diese Auszeichnung bereits 2016 zu Teil. Tochter Petra und Sohn Joachim sind ebenfalls schon seit Jahrzehnten im Verein.

1946 dem TVP beigetreten

Ria Jann ist wahrscheinlich eine der letzten, noch lebenden Handballerinnen ihres Jahrgangs. Am 2. April 1929 kam sie mit ihrer Zwillingsschwester Tilla in Petterweil zur Welt. Im gleichen Jahr formierte sich aus den Reihen der Turner die Handballabteilung. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg traten die Zwillinge dem TV Petterweil bei und spielten ab 1946 zusammen in der ersten Damenmannschaft.

Ria Jann bleibt dem Handball treu

Die Wege nach dem Neubeginn waren steinig, ehemals vorhandene Strukturen mussten erst wiederbelebt werden. Trotz aller Widrigkeiten berichtet die Vereinschronik des TV Petterweil von einem Frauenteam, das zu den stärksten in der Wetterau zählte. Gespielt wurde damals noch nicht in der Halle, sondern im Freien auf normalen Fußballfeldern. Spielstätte war der alte Petterweiler Sportplatz, auf dem sich heute ein Wohngebiet befindet. Alle Abmessungen waren dieselben wie beim Fußball. Es gab Abseits und Eckwürfe. Genauso bestand eine Feldhandballmannschaft aus elf Spielerinnen oder Spielern. Geworfen wurde auf Fußballtore mit viereckigen Holzpfosten.

In einem solchen stand Ria Jann und versuchte, Torerfolge der gegnerischen Mannschaft zu verhindern. "Viel zu halten gab es da oft nicht", erzählt die Jubilarin in ihrer typischen zurückhaltenden Art. So hohe Ergebnisse wie im Hallenhandball habe es aber nicht gegeben, fügt Ehemann Willi hinzu. Eher so in der Kategorie eines höheren Fußballresultats seien die Spiele ausgegangen.

Nach nur sechs Jahren musste die erfolgreiche Mannschaft aufgelöst werden. Viele Spielerinnen gründeten Familien in Petterweil oder verließen das Dorf, um sich woanders niederzulassen. Elternpflichten gingen in dieser Zeit vor. Aber die Lust am Handball blieb. "Wenn die echten Petterweiler Mädchen zum Verein kamen, waren sie unter 20 und schon handballverrückt", weiß Willi Jann. Es darf vermutet werden, dass es deren Kindern dann genauso ging. Und so entwickelte sich Petterweil nach und nach zu einer Handball-Hochburg in der Wetterau. Die Liebe ging sogar soweit, dass ein Anwohner in der Steingasse sein uraltes Haus in den Vereinsfarben Schwarz-Gelb anstreichen ließ.

Bei allen vereinsinternen Tätigkeiten blieb Ria Jann am liebsten im Hintergrund. Ihrem Mann, der verschiedene Ämter innehatte, hielt sie damit den Rücken frei. Sie befasste sich vorrangig mit organisatorischen Dingen. Auf ihrer Schreibmaschine tippte sie Texte für Festschriften und diverse Presseberichte ab. Neben der Büroarbeit verkaufte sie auch Eintrittskarten und kümmerte sich um die Verfügbarkeit von Bussen zu Auswärtsspielen. "Und die Anzahl der gebackenen Kuchen für irgendwelche Vereinsaktivitäten ist nicht mehr seriös zu ermitteln", sagt der Vorsitzende des TV Petterweil, Ralf Schreyer. Eine solche Verbundenheit mit einem Verein werde zukünftig wahrscheinlich eher Seltenheitswert haben.

Die 90-Jährige zählt noch immer zu den treuesten Handballfans im Ort. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie bei jedem Heimspiel der 1. Mannschaft dabei. Für die kommende Oberliga-Saison liegen die Dauerkarten schon griffbereit. Und in der Sporthalle sind zwei Stammplätze für das Ehepaar Jann fest reserviert. Schreyer berichtet: "Die Leute machen sich gleich Gedanken, wenn die beiden ausnahmsweise mal nicht da sind."

In der 1946 gegründeten Mannschaft spielten 16 junge Frauen. Trainer war Werner Kulich. In einer Festschrift des TV Petterweil heißt es: "Die Erfolge beruhten auf einer großen spielerischen Ausgeglichenheit und der für eine Frau außergewöhnlichen Wurfkraft von Elisabeth Göbel" Ihr Sohn Albert Kunkel war später ein wurfgewaltiger Torjäger der ersten Männermannschaft. Heute gibt es beim TV Petterweil eine Damenmannschaft, die in der Bezirksliga A Wiesbaden-Frankfurt spielt. Weibliche A-Jugend, B-Jugend, C-Jugend und D-Jugend spielen in den Bezirksoberligen Wiesbaden-Frankfurt. jsl

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