Engagiert: Trotz zahlreicher Verpflichtungen ist Bilal Idris seit rund vier Jahren als ehrenamtlicher Helfer im DRK-Kleiderladen tätig. "Hier konnte ich Deutsch sprechen und die Mentalität der Menschen kennenlernen." FOTO: CHRISTINE FAUERBACH
+
Engagiert: Trotz zahlreicher Verpflichtungen ist Bilal Idris seit rund vier Jahren als ehrenamtlicher Helfer im DRK-Kleiderladen tätig. "Hier konnte ich Deutsch sprechen und die Mentalität der Menschen kennenlernen." FOTO: CHRISTINE FAUERBACH

Vor Bürgerkrieg geflüchtet

Anpacken für ein neues Leben in Karben

  • vonChristine Fauerbach
    schließen

Bilal Idris ist 2015 vor dem Bürgerkrieg in Syrien mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet. Hier baut er sich eine neue Existenz auf und bietet seinen vier Kindern eine Perspektive für ein Leben in Frieden und Freiheit.

B ilal Idris ist er in der Hauptstadt Damaskus geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur war er zweieinhalb Jahre lang bei der Armee. "Danach habe ich zwei Jahre als Elektriker gearbeitet. In Syrien gibt es keine theoretische und praktische Ausbildung wie in Deutschland. Dort lautet die Devise bei handwerklichen Berufen learning by doing", berichtet der 44-Jährige. Nach seiner Zeit als Elektriker fand er von 2003 bis 2015 eine Stelle als Fahrer beim Zoll.

Immer wieder unter fremder Herrschaft

Syriens Hauptstadt, eines der kulturellen und religiösen Zentren des Landes, liegt in der Nähe der libanesischen Grenze. Damaskus ist eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt, beherbergt viele Sehenswürdigkeiten wie die Umayyaden-Moschee, die Zitadelle sowie die historische Altstadt. Der Damaszener kannte und liebte seine Heimatstadt, in der mit Ehefrau und Kindern ein eigenes Haus bewohnte. "Bereits in der Steinzeit war das heutige Stadtgebiet eine bewohnte Oase in einer regenarmen Region." Im Laufe der Jahrhunderte kamen und gingen Eroberer. Ägypter, Makedonier, Perser, Römer und Araber eroberten und besetzten die Stadt. Im 15. Jahrhundert fiel Damaskus in osmanische Hände. Und im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren Stadt und Land von Frankreich und England besetzt.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Bevölkerung vor Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 immer wieder unter fremder Herrschaft lebte und überlebte. Seit neun Jahren sind Damaskus und Syrien Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs. Millionen Menschen sind aus ihrem Heimatland vor dem Krieg, dem anhalten-den Terror, der Gewalt- und Perspektivlosigkeit geflohen. Zu ihnen gehörten 2015 auch Bilal Idris, seine Frau, die Söhne Ouday, Abdullah und Tochter Raghad. "Unser Haus wurde völlig zerstört."

Ihre Flucht führte sie auf einem Schiff über die Türkei nach Griechenland. Von Makedonien ging es auf dem Landweg weiter nach Ungarn und Österreich, von dort nach Deutschland. In Gießen stellte Familie Idris einen Asylantrag. Über die Zwischenstation Friedberg kamen die Syrer einen Monat später nach Karben. Dort wohnten sie elf Monate lang in einer Asylunterkunft.

Danach bekam die Familie eine Dreizimmerwohnung in Petterweil. Vor dreieinhalb Jahren wurde Sohn Anas geboren. "Unsere Wohnung ist für sechs Personen, zu denen vier Kinder im Alter von dreieinhalb bis 16 Jahre gehören, viel zu klein. Wir sind auf der Suche nach einer größeren Wohnung oder einem Haus."

Ouday (16) geht auf den Gymnasial- und Abdullah (15) auf den Realschulzweig der Schumacher-Schule. Tochter Raghad (9) geht in die Grundschule und Sohn Anas in den Kindergarten. Während sich die Ehefrau um Kinder und Haushalt kümmert, ist Bilal Idris seit Ankunft in Deutschland auf Arbeitssuche. "Ich wollte gern wieder als Elektriker arbeiten, aber das ging wegen der fehlenden Ausbildung nicht." Da seine Führerscheine für Personen- und Lastwagen nicht anerkannt wurden, hat er um eine Übernahme der Kosten gekämpft, um die Prüfungen erneut abzulegen.

Praktikum bei Elektrohandel

"Ich habe vor acht Monaten eine Förderung der Jobcom für meinen LKW-Führerschein bekommen. Ich bin fast fertig. Die theoretische Prüfung habe ich bereits bestanden, die praktische Prüfung folgt jetzt." Die theoretische Prüfung konnte er auf Arabisch ablegen. Viel Fleiß und Ausdauer investierte er in Lesen, Verstehen und Lernen von zwei je 500 Seiten starken IHK-Büchern zur Sicherung von Ladung. "Ich habe die Prüfung auf Deutsch mit 47,2 von 60 möglichen Punkten bestanden", freut sich Bilal Idris.

Gerade absolviert er bei einem Frankfurter Elektrohandel ein Praktikum und sucht Arbeit als Fahrer. Neben Ausbildung und Familie hilft er ehrenamtlich seit 2016 im DRK Kleiderladen mit. "Ich kam um Kleider zu kaufen und blieb. Hier konnte ich Deutsch sprechen, die Mentalität und Kultur der Menschen kennenlernen und Kontakte knüpfen." Mit Sorge verfolgt er die Berichte aus der Heimat. "Dort sind noch alle meine Verwandten, meine Eltern, meine beiden Brüder und meine Schwester mit ihren Familien."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare