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Seit dem Dreißigjährigen Krieg werden Kirchenbücher geführt. Sie sind eine Informationsquelle über die Ahnen. 

Ahnenforschung und Co

Ahnenforschung: Familiengeheimnissen auf der Spur

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Wie funktioniert Ahnenforschung? Wer einmal angefangen hat, findet schnell Gefallen daran. Unser Autor gibt Tipps und verrät, wie man beim Stöbern in den alten Büchern sogar Mordopfer stößt.

Ahnenforschung, Familienforschung, Familiengeschichtsforschung - wer herausfinden möchte, wer seine Vorfahren waren, wird sich früher oder später mit diesen Interessengebieten beschäftigen.

Grundsätzlich muss man wissen, dass diese drei Begriffe in der Genealogie nicht das Gleiche bedeuten. Ahnenforscher befassen sich eher mit den direkten Vorfahren, also mit den Eltern, Großeltern und so weiter. Familienforscher spannen einen weiteren Bogen; sie beziehen bei ihren Recherchen auch die Seitenlinien mit ein. Und Familiengeschichtsforscher wollen einfach alles in Erfahrung bringen. Lebensumstände, Wohnorte, Berufe, Krankheiten, Auswanderer der Familie zählen ebenso dazu wie beispielsweise die Faszination um ein eventuell entdecktes Familiengeheimnis. Alles das macht die historische Hilfswissenschaft Genealogie aus. Zu den Risiken und Nebenwirkungen gehört eine ungeahnte Suchtgefahr für diejenigen, die von einer Frage zur nächsten, von einer Generation zur nächsten immer mehr über die Vorfahren herausfinden möchten. Daraus kann ein zeitintensives Hobby werden.

Vom Rassenwahn getriebene Fragen

Eine erste große Forschungswelle rollte während des Dritten Reiches über Deutschland hinweg. Die Hintergründe hatten damals nichts mit Freizeitgestaltung zu tun, sondern waren eine Ausgeburt nationalsozialistischen Rassenwahns: Alle Menschen mussten durch Auszüge aus den Kirchenbuchregistern ihre arische Herkunft belegen. Ein millionenfacher Briefwechsel zwischen Privatpersonen und Pfarrämtern war die Folge. Oft dauerte es Wochen oder Monate, bis Antwortschreiben eintrudelten. Heute zählen solche Urkunden, sofern noch vorhanden, zu den wichtigsten genealogischen Quellen überhaupt.

Mit dem Einzug von Computer und Internet in die Privathaushalte veränderte sich auch die Suche nach den Ahnen. Vieles wurde einfacher und komfortabler. Internetforen bieten weltweite Kontaktmöglichkeiten, Archive und Ämter sind leichter zu erreichen und selbst das Online-Forschen vom eigenen Wohnzimmer aus ist mittlerweile kein Problem mehr.

Fundstücke, wie dieses Kochbuch voller alter Rezepte, können der Anstoß sein mit Familienforschung zu beginnen.

Bei kostenpflichtigen Portalen wie "Anchestry" oder "Archion" sind Millionen von Personendaten zu finden. Das ist eine Entwicklung, die vor 15 Jahren noch unerreichbar schien. Grundvoraussetzung: Man muss die alten Schriften lesen können.

Zum Forschen in der südlichen Wetterau braucht es eigentlich kein Pfarramt mehr. Die Hauptquellen können anderweitig eingesehen werden. Übergeordnet ist nach wie vor das Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, das seinen Sitz an der Ahastraße 5a in Darmstadt hat. Dort liegen die vorher verfilmten Kirchenbücher inzwischen digitalisiert vor. Von einigen Kirchengemeinden sind darüber hinaus sogenannte Ortsfamilienbücher erschienen. Speziell wird das Recherchieren allerdings erst, wenn man einmal selbst mit Jacke und Schal in einem unbeheizten Nebenraum des Pfarrhauses vor den Büchern gesessen hat. Das ist Familienforschung in Reinkultur. Aber egal wie - finden kann man einiges.

Raubmord und eine tote Schneiderin

Wer in den Büchern weiter blättert und auch das liest, was nicht gerade mit dem gesuchten Fall zu tun hat, wird neugierig:

Was muss der Gronauer Johannes Diehl beispielsweise alles Herausragendes in seinem Leben geleistet haben? Immerhin schreibt Pfarrer Faust bei dessen Beerdigung am 8. Februar 1850 als Randbemerkung: "Er war der beßte Mann in Gronau, darum auch allgemein geliebt und betrauert."

Oder etwa warum gab es 1717 ein Possenspiel um die Leiche der 75-jährigen Rendelerin Anna Schneider. Im Kirchenbuch ist zu lesen, dass die alte Frau im "Cärber Wald" tot umgefallen war. Die Klein-Kärber hatten die Schneiderin daraufhin in ihre Kirche getragen und wollten sie nicht herausrücken. Erst ein Dekret der Burgherren in Friedberg bestimmte, "den Cörper durch der Frauen Freundschaft in Kleinen Carben holen und anhero tragen zu laßen; dagegen denen Cärbern eine ansehnliche Strafe zuerkannt (…)."

Wer interessiert durch die vergilbten Seiten blättert, entdeckt auch, dass in Karben gemordet wurde. Anna Sybilla Clarius, ebenfalls aus Rendel, wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1760 Opfer eines Raubmordes. Ihr Ehemann hatte zur selben Zeit "mit Bier-Hefen in Vilbel geschlafen, welche er den andern Tag nach Frankfurt tragen wollte." Bei der Obduktion ergab sich, dass der Täter ihr zwei Stiche und zwei Schnitte in den Hals verpasst hatte. "Der oberste und Hauptschnitt ist durch alle fleischige Theile und Adern bis auf die Beine gegangen. Außer ohngefehr 24 Gulden Gold ist nicht ein Lumpen diebischerweise entwendet worden (…)".

Auch Einträge zu Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten, findet man in den Kirchenbüchern immer wieder. So hat sich am 11. Mai 1790 in Petterweil Henrich Schmidt, "aus dem Waldeckischen gebürtig, selber aus Melancholie den Halß abgeschnitten und ist nach Abhörung der Remanenten und Besichtigung von Schultheiß und Gericht (…) den 13ten morgends um 3 Uhr auf dem Kirchhof hinten an der Mauer in der Stille beerdigt worden."

Diese Beispiele zeigen deutlich: Abseits der eigenen Ahnen gibt es noch so viel mehr Geschichten zu entdecken. Oft genug lohnt es sich, einfach immer weiterzublättern.

Wo Xbris für "Christmonat" steht

Für die eigene Suche ist es zunächst einmal wichtig, noch vorhandene Unterlagen im eigenen Haushalt oder bei Verwandten zu sichten und zu sammeln. In erster Linie sind dies die Ariernachweise aus der NS-Zeit, Familienstammbücher, Soldbücher, Poesiealben oder möglicherweise schon angelegte Stammbäume. Tipp: Manchmal findet man einen solchen Stammbaum im Umschlag einer alten Familienbibel. Danach kommen die Standesämter ins Spiel. Am 1. Januar 1876 wechselte in Hessen die Beurkundung von Geburten, Heiraten und Sterbefällen von der kirchlichen zur weltlichen Verwaltungsaufgabe; die Personenstandsregister wurden eingeführt.

Alles, was vor 1876 passierte, ist ausschließlich in den Kirchenbüchern zu finden. Bei der Recherche sollte man darauf achten, die Quellen genau zu notieren. Das erleichtert das spätere Nachschlagen und Abgleichen von Daten. Ein weiterer Hinweis: Die Monatsnamen können in vielen Kirchenbüchern zunächst verwirrend sein. 7ber/7bris steht für September, 8ber/8bris für Oktober, 9ber/9bris für November und mit 10ber/Xbris ist der "Christmonat" Dezember gemeint.

Ahnenforschung in den katholischen Kirchengemeinden ist nur über das Bistumsarchiv in Mainz möglich.

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