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Ursula Vogt-Elsaß leitet den Standort der Wetterauer Diakonie in Karben. Zum Monatsende wird die Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen geschlossen. Eine Entscheidung, die den Verantwortlichen nicht leichtgefallen ist. ´FOTO: JANA SAUER

Nach Finanznot

Diakonie Wetterau schließt Tagesstätte: Abschied von einem „Zuhause“

Die Diakonie Wetterau schließt ihre Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Karben. Der Grund: Eine zu geringe Besucherzahl und daraus resultierende Finanznot.

Karben – In dem Raum der Karbener Tagesstätte ist es ruhig an diesem Mittag. Hier, wo normalerweise ein halbes Dutzend Menschen zu Mittag isst, herrscht Stille. An der Wand hängen gebastelte Dekorationen, Eulen und Vögel schmücken die Fenster. Ihre kreativen Bastler sind weder im Werkraum nebenan noch im Garten. Sie sind zu Besuch bei der Diakonie in Friedberg, um zu sehen, ob sie sich vorstellen können, künftig hierher zu kommen.

Die Stille, die an diesem Mittag an der Ramonville-Straße 2 herrscht, wird ab 1. September die Regel sein. Dann schließt das Diakonische Werk Wetterau (DWW) die Tagesstätte für Menschen mit psychischer Erkrankung oder seelischer Behinderung im Psychosozialen Zentrum Karben.

Tagesstätte der Diakonie Wetterau: Räume in Karben werden vorerst leer stehen

Bislang waren die Räume jeden Tag von 8.30 bis 16 Uhr mit Leben gefüllt. Je sechs bis sieben Menschen haben sich hier zuletzt getroffen: Sie haben gebastelt, Ergotherapie gemacht, gespielt und so einfach mal die negativen Gedanken aus dem Kopf verbannen können. Aber auch große Projekte wurden gemeinsam umgesetzt: So haben die Besucher der Tagesstätte ihren eigenen kleinen Garten gehegt oder die Räume gestrichen - so wie man ein Zuhause eben pflegt.

Dabei bleiben die Räume des »Zuhauses« zwar erst einmal bestehen. Das Psychosoziale Zentrum im ersten Stock bleibt am Standort, und die unteren Räume der Tagesstätte werden als Eigentum der Diakonie Hessen zunächst leer stehen. »Vielleicht findet sich bald eine neue Nutzung«, hofft Ursula Vogt-Elsaß, Leiterin des Karbener Standorts. Die Menschen jedoch, die das Zuhause mit Leben gefüllt haben, sind künftig nicht mehr anzutreffen. Betroffen sind insgesamt zwölf Betreute sowie eine Hauswirtschaftskraft.

Gerade für die regelmäßigen Besucher sei die Schließung eine traurige Nachricht gewesen, berichtet Vogt-Elsaß. Einige seien seit acht Jahren zu Besuch gekommen. »Für viele war unser Angebot eine Art Heimat, ein Stück Familie«, weiß sie. »Sie wussten zu schätzen, dass man sich hier nicht erklären muss.« Die Tagesstätte war für sie ein Ort des Verständnisses, ein Treffen unter Gleichgesinnten, fernab von gut gemeinten, doch oft leeren Floskeln von Nicht-Betroffenen. Die Schließung habe sie daher »tief betroffen« gemacht, erzählt die Leiterin.

Tagesstätte der Diakonie Wetterau: Finanzierung ist seit Jahren »eng«

Doch sei man zuletzt in einer verzwickten Situation gewesen. Die beiden Mitarbeiterinnen im Bereich Pädagogik hatten wegen neuer Qualifikationen unabhängig voneinander zeitgleich gekündigt, es wäre also dringend neues Personal gebraucht worden. Gleichzeitig war die Finanzierung schon vorher »eng« gewesen.

Denn: Die Finanzierung, unter anderem über Mittel des Landeswohlfahrtsverbands, hängt an der Zahl betreuter Personen, und die blieb in Karben hinter den Erwartungen zurück. Platz für 25 Menschen wäre gewesen, doch über ein Dutzend - aufgrund der Pandemie zuletzt aufgesplittet in zwei Gruppen - sei man dauerhaft nicht gekommen. Um mehr Menschen zu begeistern, lagen schon zahlreiche Konzepte in der Schublade: eine Öffnung der Kurse für Externe etwa oder neue Gruppenformen.

»Wir hätten gern ausprobieren wollen, ob wir abseits des vergleichsweise starren Konzepts der Tagesstätte andere Wege finden, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu erreichen«, sagt Vogt-Elsaß. Denn: Auch in Karben sei der Bedarf durchaus da. Doch pandemiebedingt sei ein Ausprobieren dieser neuen Ideen nicht möglich gewesen. »Wir waren also in einer Situation, in der eine Entscheidung fällig wurde«, sagt Vogt-Elsaß. Leicht sei das nicht gefallen.

»Wirtschaftliche Gründe lassen uns aber leider keine Wahl«, bringt es Eckhard Sandrock, Leiter des DWW, auf den Punkt. Das Diakonische Werk sei eine gemeinnützige Einrichtung: »Wir dürfen und wollen keine Gewinne erwirtschaften. Aber die Kostendeckung müssen wir gewährleisten.« Das sei zuletzt nicht möglich gewesen. Eine Art Härtefallfonds, um beispielsweise schwache Standorte dauerhaft zu unterstützen, gibt es Diakonie-intern nicht.

Die Gefahr, dass der ein oder andere Tagesstätten-Gast nun in eine Krise rutschen könnte, sieht Vogt-Elsaß durchaus. »Sie wissen aber, dass sie jederzeit anrufen können und wo sie weitere Unterstützung erhalten«, erklärt sie. Viele seien in ein betreutes Wohnkonzept eingebettet. Und wer weiß - vielleicht finden sie in Friedberg ja schon bald ein neues »Zuhause«.

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