Café-Stammtisch in Zeiten von Corona (v. l.): Uwe, Evy, der Autor, Uli und Patrizia reden über Gott und die Welt und natürlich auch darüber, wie das Virus das Alltagsleben verändert. 		FOTO: NICI MERZ
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Café-Stammtisch in Zeiten von Corona (v. l.): Uwe, Evy, der Autor, Uli und Patrizia reden über Gott und die Welt und natürlich auch darüber, wie das Virus das Alltagsleben verändert. FOTO: NICI MERZ

Kaffeehaus-Kultur mit Abstand

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Die Corona-Absagen nehmen kein Ende: Alles schließt, alles ist zu, was kommt als nächstes? Man kann doch nicht das komplette soziale Leben einstellen! Das meint der Kaffeehaus-Stammtisch, der sich jeden Morgen im Café »Da Nino« auf der Friedberger Kaiserstraße trifft. Aber wie lange noch?

Kann man, darf man in Zeiten von Corona noch ins Café gehen? »Wir gehen trotzdem«, sagt Uwe und rückt den Stuhl demonstrativ nach hinten. »Aber wir halten Abstand. Weiß ich, in welchen Kneipen Evy nachts herumfällt?« »Dünnes Eis! Ganz dünnes Eis!«, schallt es ihm aus mehreren Kehlen entgegen. Alle lachen. Bei aller Vorsicht im Umgang mit dem Virus: Den Spaß lassen sich die Kaffeehaus-Stammtischler nicht nehmen.

Evy, Bettina, Patrizia, Uwe und Uli kennen sich seit vielen Jahren, sind fast wie eine Familie. Da neckt man sich auch ständig. Und tauscht sich regelmäßig aus, über dies und das, über wichtige und weniger wichtige Dinge. Das nennt man soziale Kontakte, das macht das menschliche Leben aus. »Aber wer weiß, wie lange wir hier noch sitzen dürfen«, sagt Bettina. Sie hat Tabak gebunkert, Bohnensuppe, Würstchen und Ravioli. Eine Bekannte musste die Kommunionfeier absagen. »60 Gäste, 3000 Euro Kosten.« Keiner weiß, was die Virusepidemie noch bringt. »Die Geschäfte gehen kaputt, wenn der Staat sie nicht unterstützt«, sagt Evy. Anderes Thema: Hygiene. Regelmäßig Händewaschen ist angesagt. »Habt Ihr mal beobachtet, wie oft man sich ins Gesicht greift?«, fragt Evy. Wir sitzen im Raucherraum im hinteren Bereich des Cafés. Gerade öffnet jemand die Tür mit dem Ellenbogen.

Ist das Bargeld kontaminiert?

Oder das Bargeld. Ist das kontaminiert? Hat ja jeder in den Fingern. Uwe betreibt ein Schuhgeschäft. Er weiß: »Von 20 Paar Schuhen werden 19 jetzt schon mit Karte bezahlt.« Der Einzelhandel sei am Boden, sagt er. Er war gerade auf einer Schuhmesse. »Die Stimmung ist mies. Und noch schlimmer: Man kann keinen Sport gucken. Das Leben ist so uninteressant.« Es klingt, als hätte er damit abgeschlossen. Dann nimmt er einen Schluck Kaffee und es geht wieder.

Überall ist Corona. In der Apotheke, erzählt Bettina, hänge ein Schild: »Abstand halten!« Die Stadtbibliothek habe geschlossen. »Wo kriege ich meinen Lesestoff her?« Dann wird über Bilder aus dem Fernsehen gesprochen: Schreiende Menschen in Italien, Apotheken, in denen Medikamente fehlen, der US-Präsident, der den Impfstoff ganz alleine für die USA haben will. Unfassbar all das.

Am Stammtisch kann man darüber reden. Man muss sich doch austauschen und dabei ins Gesicht sehen können. Das Internet ist kein Ersatz für zwischenmenschliche Kontakte. Jemand erzählt, im Internet stehe, man solle jetzt viel Alkohol trinken. »Das hilft. Angeblich.« Um das allgemeine Elend zu ertragen? »Dann kriegste kein Corona, bist aber ständig besoffen«, sagt Uwe und hustet Corona-verdächtig in die Faust. »Du sollst in die Armbeuge husten«, ermahnt ihn Patrizia. »Dann hängt’s im Ellenbogen«, meint Uwe. Man könnte einen Pullover übers Hemd ziehen, schlage ich vor. Dann sieht man die Spuren des Corona-Niesens nicht.

Uli kommt heute etwas später. »Ich musste noch den Keller mit dem Klopapier und den Kisten voller Schutzmasken aufräumen.« Alle lachen. Weil sie ihm das zutrauen? »Bevor wir alle umkippen, bitte noch eine Tasse Kaffee«, sagt Uli in Richtung von Sara Chaudhary. Die Inhaberin des Café »Da Nino« berichtet von Bekannten aus Süditalien, die am Coronavirus gestorben sind: »Im ganzen Land starben in 24 Stunden 200 Menschen.« Viele Landsleute fühlten sich in Deutschland sicherer als in Italien. Seit Samstag kämen weniger Gäste, sagt Chaudhary. Viele Schüler der Augustinerschule fehlten jetzt, viele Ältere blieben zu Hause. Trotzdem ist das Café gut gefüllt. Die Leute unterhalten sich angeregt, Hysterie und Panik müssen draußen bleiben. Chaudhary und ihr Mann haben zwei Kinder. »Die Betreuung ist gesichert.« Der 15-jährige Sohn passt auf den kleinen Bruder auf. An Ostern wollte die Familie wie jedes Jahr zwei Wochen schließen und nach Italien fahren. Das fällt diesmal aus. »Jetzt lasse ich so lange offen, wie es geht. Man weiß ja nicht, was kommt.«

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