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ZUM NACHDENKEN

Jesus würde Fahrrad fahren

  • VonRedaktion
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»Heute würde Jesus Fahrrad fahren!« Diese Worte klingen in mir nach. Und ich frage leicht skeptisch: »Jesus - ein Fahrrad?« In Bad Vilbel bereiten wir mit evangelischen und katholischen Christen/innen gemeinsam einen coronakonformen Osterweg vor. Die erste Station ist Palmsonntag. Wie könnte diese Station gestaltet werden? Darüber haben wir nachgedacht.

Und uns statt eines Esels für ein Fahrrad entschieden.

In Jerusalem hat man den neuen König auf einem Schlachtross erwartet. Dem würde heute vielleicht eine Luxuslimousine, ein Porsche oder gar ein Panzer entsprechen. Denken wir nur an die Paraden, Aufmärsche und politischen Inszenierungen unserer Tage. Stattdessen wählt Jesus einen Esel. Ein Tier der kleinen Leute, das Lasten trägt. Jesus verzichtet auf alle Anzeichen weltlicher Macht. Sein Königtum besteht nicht in einer Stärke, die andere unterwirft, blendet, in Abhängigkeit bringt. Dieser König geht den Weg an das Kreuz. Die Stärke Jesu besteht im Verzicht, in der Selbstzurücknahme, in der Abrüstung.

Der Weg der Liebe

Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: »Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.« Und Jesus geht diesen Weg der Liebe in letzter Konsequenz. So erscheint der Einzug in Jerusalem »auf einem Fahrrad« wie ein Kontrastprogramm zur Verfasstheit unserer heutigen Gesellschaft.

Denn wie der Esel, so ist auch das Fahrrad kein Symbol für Stärke und Schnelligkeit. Das Fahrrad steht für viele Menschen heute vor allem für den Versuch eines entschleunigten und nachhaltigen Lebensstils. »Wie wollen wir leben?« So fragen wir im Rahmen einer kirchlichen Fastenaktion in der Wetterau. Unsere ganze Gesellschaft befindet sich in einer nie gekannten Beschleunigung, die alle Lebensbereiche erfasst und die Umweltkrisen mit verursacht. Zeitknappheit und Hektik bestimmen das Lebensgefühl - auch und gerade in der Corona-Pandemie. Eine Meldung jagt die andere. E-Mails müssen schnell beantwortet werden. Immer mehr Arbeit in kürzerer Zeit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht hinter dieser Beschleunigung nichts weniger als eine moderne Antwort auf den Tod, die Endlichkeit des Lebens.

Wenn immer weniger Menschen an eine Ewigkeit glauben, in der die eigene Lebenszeit aufgehoben ist, dann wird das eigene Leben zur »letzten Gelegenheit«. Dann gelte, um ein erfülltes Leben zu haben, möglichst viel von dem zu genießen, was das Leben zu bieten hat. Hartmut Rosa wörtlich: »Wer unendlich schnell wird, braucht den Tod als Optionenvernichter nicht mehr zu fürchten.« (Beschleunigung, Frankfurt a. M. 2005, S. 292) Und so wird die Erhöhung des Lebenstempos zur modernen Antwort auf den Tod.

Vor diesem Hintergrund höre die ich die Worte »Heute würde Jesus Fahrrad fahren!« noch einmal anders. Er würde tatsächlich. Er würde uns zeigen, wie ein erfülltes Leben möglich ist, ohne dem Wahn zu verfallen, alles müsse meiner Genusssteigerung dienen. Je länger ich versuche, dem König auf dem Esel bzw. Fahrrad zu folgen, wird mir bewusst, wie wenig ich brauche. Ich spüre den Segen, der in der Langsamkeit liegt. Ich werde geduldiger und lerne, Dinge um ihrer selbst willen zu tun. Frieden - auch im eigenen Herzen - wird möglich, wo ich Verzicht als eine Bereicherung erfahre. Mein Leben ist nicht die letzte Gelegenheit. Das ist der Anfang eines neuen, nachhaltigen Lebensstils. Im Vertrauen auf den Friedensweg Jesu Christi brauche ich vom Leben keine letzten Ewigkeiten erwarten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Karwoche und ein friedvolles Osterfest.

Pfarrer Johannes Misterek , Kirchengemeinde Bad Vilbel-Dortelweil

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