Seit Monaten im Dauereinsatz: Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs im Spätsommer bei der Abnahme eines Abstrichs. 	ARCHIVFOTO: PRW
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Seit Monaten im Dauereinsatz: Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs im Spätsommer bei der Abnahme eines Abstrichs. ARCHIVFOTO: PRW

»Impfstoff ist die einzige Chance«

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Dr. Reinhold Merbs ist als Leiter des Wetterauer Gesundheitsamts derzeit einer der wichtigsten Akteure in der Pandemie. In einem vom Kreis veröffentlichten Interview spricht er über trügerische Ergebnisse von Schnelltests und Quarantänezeiten, die eigentlich verlängert werden müssten.

Macht Ihnen das Pandemiegeschehen im Wetter-aukreis Angst?

Angst nicht, aber es bereitet mir große Sorgen. Das gilt für die Zahlen der Neuinfektionen und für unsere Krankenhauskapazitäten. Hier haben wir seit acht Wochen eine nie da gewesene extreme Situation. Derzeit ist keine wirkliche Entlastung in Sicht. Gleichzeitig haben wir seit Jahren ab der dritten Januarwoche mit ansteigenden Krankenzahlen durch die saisonale Grippe zu rechnen. Allein das bringt uns Jahr für Jahr an die Machbarkeitsgrenzen in der ambulanten und stationären Versorgung von Erkrankten. Jetzt werden wir Corona und Influenza zusammen erleben. Vielleicht Corona mit einer neuen, gefährlicheren Mutation.

Besonders gravierend ist die Entwicklung der Sterbezahlen.

Ja. Die Sterbezahlen sollten uns allen immer wieder vor Augen führen, dass Corona eine wirkliche Herausforderung ist. Seit Anfang Dezember sind mehr als 250 Menschen im Wetteraukreis an den Folgen der Infektion verstorben, viele von ihnen in unseren Altenpflegeheimen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die Risiken der Erkrankung steigen mit dem Alter und zwar mit jedem Lebensjahrzehnt. Nach der ersten Welle, bis in den Oktober hinein, waren die positiv getesteten Menschen im Durchschnitt deutlich unter 50 Jahren. Das hat sich in den letzten Wochen drastisch geändert und damit haben auch die schweren Erkrankungen dramatisch zugenommen. Daraus resultiert die Situation in unseren Kliniken.

Wie kommt das Virus in diese Altersgruppe?

Die Umweltbedingungen für das Virus sind derzeit offenbar perfekt. Wenn sich ein Familienmitglied infiziert, wird das Virus sehr häufig an alle Familienmitglieder weitergegeben, was wir durch die Testungen immer wieder belegen können. Die Kinder haben, wenn überhaupt, oft nur kurz mal Symptome, die Eltern vielleicht grippeähnliche Beschwerden, die Großeltern werden richtig krank und hier gibt es dann Tote.

Und wie kommt es zu den Infektionsausbrüchen in den Altenheimen?

Wir hatten Ausbrüche in der ersten Welle. In den letzten Monaten haben wir lange durchgehalten und bis auf wenige Einzelerkrankungen keine Übertragungen in den Einrichtungen gehabt. Mit steigender Viruspräsenz in der Bevölkerung steigt auch die Gefahr eines unbeabsichtigten Eintrags. Die Altenheime sind bei allen Schutzmaßnahmen niemals absolut sicher vor Eintragungen. Bewohner müssen in Kliniken und kommen zurück. Die Menschen, die die Bewohner versorgen, stehen im Leben, müssen einkaufen, haben Familien. Bewohner hatten auch Besuche im Heim. Das sind alles gute Möglichkeiten für das Virus - und irgendwie findet es seinen Weg.

Es gibt Wetterauer Altenheime, in denen sich jeder Zweite angesteckt hat.

Das stimmt. Hierzu muss man aber Folgendes wissen: Bei einer Virusinfektion vermehrt sich das Virus in den infizierten Zellen seines Wirtes. Jeder infizierte Mensch stellt somit neue Viren her, die andere anstecken können. Macht man jetzt einen Abstrich, findet man im Test das Virus auf der Schleimhaut. Bei jungen und gesunden Menschen dauert die Zeit von der eigenen Ansteckung bis zum Überwinden der Infektion durch das Immunsystem wenige Tage. Das haben wir bei den Kindern und jungen Menschen häufig festgestellt. Da gab es auch oft asymptomatische Verläufe.

Und bei den Älteren?

Da finden wir das Virus auf der Schleimhaut nicht nur Tage, sondern Wochen. Gleiches gilt auch für die schwer Erkrankten in den Kliniken. Dort wird im Abstand von wenigen Tagen fortlaufend getestet und das Virus ist über Wochen nachweisbar. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung hängt auch von der Anwesenheit des Virus in den Erkrankten ab.

Wie dramatisch ist die Situation in den Heimen?

Wir hatten mittlerweile in fast der Hälfte der 44 Alten- und Pflegeeinrichtungen im Wet-teraukreis Ausbrüche zu verzeichnen. Das betrifft mehr als 1000 Heimbewohner. Das ist für meine Kollegen und mich, die wir die Bewohner untersuchen und testen, sehr belastend. Denn wir wissen, dass ein Fünftel der Menschen, die wir heute abstreichen, die heute symptomlos und wohlauf sind und durchaus noch Lebensfreude haben, in den nächsten drei Wochen tot sein können.

Sollte man alle Besucher und Mitarbeiter der Einrichtungen nicht regelmäßig per Schnelltest testen?

Das ist ein guter Ansatz, um bei asymptomatischen Menschen das Virus zu suchen. Aber Vorsicht: Es gibt derzeit viele Tests am Markt, meines Wissens haben sich nur wenige Hersteller bewährt. Diese Tests benutzen wir auch in den Kliniken und haben daher entsprechend gute Erfahrungen bezüglich der Zuverlässigkeit.

Wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Die Antigen-Schnelltests müssen dafür eingesetzt werden, wofür sie auch gemacht sind und taugen. Es sind »Suchtests«. Wenn der Schnelltest positiv ist, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Virus auch vorhanden ist, das sollte aber durch einen PCR-Test geprüft werden. Ein negatives Testergebnis sagt nichts. Möglicherweise nur, dass der Abstrich nicht fachgerecht durchgeführt worden ist. Wenn wir auf Basis von negativen Schnelltests Besuche in Altenheimen zulassen, wäre das fachlich völlig falsch.

Haben Sie durch Schnelltests schon Ausbrüche verhindern können?

Seitdem die Tests in den letzten Wochen auch tatsächlich verfügbar sind, werden wir durch Reihentestungen auf unerkannte Virusträger aufmerksam, und können diese mittels eines wesentlich genaueren PCR-Tests überprüfen und dann die notwenigen weiteren Schritte einleiten. Beispielsweise in einer Einrichtung im Altkreis Büdingen, da wurden neun Mitarbeiter per Schnelltest getestet, zwei waren positiv, sieben negativ. Der nachfolgende PCR-Test führte dann zu dem Ergebnis, dass alle neun positiv waren.

Es gibt Ansätze, die Zeit der Quarantäne, 14 Tage, zu verkürzen, weil viele Menschen darunter leiden. Was halten Sie davon?

Das halte ich für absolut falsch. Wir müssen meines Erachtens im Hinblick auf die häufig längeren Nachweiszeiten des Virus auf der Schleimhaut überlegen, diese Isolationszeit zu verlängern. Was nützen 14 Tage Isolation, wenn ich am Tag 15 bis 21 weiter ansteckend bin, wie wir das häufig sehen ? Genauso halte ich es für falsch, die Quarantänezeiten von zehn auf fünf Tage bei Reiserückkehr zu verkürzen und am 6. Tag mit einem fraglich negativen Schnelltest aus der Quarantäne zu kommen. Es mag ein von vielen gewollter Kompromiss sein, fachlich aber daneben.

Die Impfungen gegen das Virus haben begonnen. Können wir alle bald aufatmen?

Zunächst einmal bleibt der Impfstoff ja leider knapp. Wir könnten mit unserem Impfzentrum in Büdingen und mit den mobilen Impfteams längst schon viel mehr erreicht haben, wenn denn der Impfstoff verfügbar wäre. Die 3500 Impfungen der letzten drei Wochen hätten wir auch in zwei Tagen, wie geplant, absolviert. Ich glaube aber, wenn die besonders gefährdeten Personengruppen geimpft sind, wird das Virus seine Gefährlichkeit verlieren. Allerdings brauchen wir, wie bei jeder Infektionskrankheit, eine Durchimpfung und den Schutz von mindestens drei Vierteln der Menschen in unserem Land. Wenn wir das geschafft haben, dann sind wir über den Berg.

Was schlagen Sie bis dahin vor?

So ungeliebt die Botschaft ist: Weiter die Kontakte vor allem im privaten Bereich rigoros vermindern. Je mehr die Menschen zu Hause bleiben, desto besser. Jeder Infizierte steckt weitere Menschen an. Damit steigt das Risiko einer Ansteckung für die Menschen in den gefährdeten Gruppen. Je mehr relevant erkrankte Menschen es gibt, desto mehr Probleme bekommen wir im Gesundheitswesen mit der Versorgung dieser Erkrankten, siehe Kliniken. Und hoffentlich bekommen wir bald den Impfstoff, den wir dringend brauchen. Das ist unsere einzige echte Chance, um aus der Pandemie rauszukommen.

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