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Als Anselm Oelze zur Evolutionstheorie recherchiert, stößt er auf den Forscher Alfred Russel Wallace. "Plötzlich stand Wallace direkt als Romanfigur vor mir. Und so wurde ich durch ihn zum Romanautor", sagt er.

"Ich wollte keinen Roman schreiben"

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Charles Darwin hat gestohlen - und zwar seinen eigenen Ruhm. Die Evolutionstheorie hat eigentlich Alfred Russel Wallace entdeckt. Das war eine Verschwörungstheorie in den 80er Jahren. Autor Anselm Oelze hat daraus einen Roman geschrieben und dem unbekannten Forscher ein Denkmal gesetzt. Das wollte er eigentlich gar nicht. Genauso, wie ein Buch schreiben. Das hat er dennoch gemacht und liest daraus am Mittwoch im Badehaus 2 in Bad Nauheim.

Es ist Ihr erster Roman. "Wallace" heißt er und hat gar nichts mit Edgar Wallace zu tun. Dennoch ist er ziemlich spannend. In "Wallace" bekommt Charles Darwin und dessen Forschung sozusagen Konkurrenz. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Anselm Oelze:Ich habe eher das Gefühl: Die Idee kam zu mir. Ich hatte nie vor, einen Roman zu schreiben, stieß aber während meines Studiums auf den Umstand, dass mehrere Erfindungen und Entdeckungen in der Geschichte zweimal gemacht worden sind. Es ist aber meistens nur jeweils eine Person damit berühmt geworden. Als ich dann aus diesem Grund zur Evolutionstheorie, zu Darwin und Wallace, recherchierte, eigentlich mit dem Plan, ein Sachbuch über derartige Fälle zu schreiben, stand Wallace direkt als Romanfigur vor mir. Und so wurde ich durch ihn zum Romanautor.

Es geht um den Naturforscher Alfred Russel Wallace, der schon vor Charles Darwin den Mechanismus der natürlichen Selektion entdeckt haben soll. Hat Darwin den Ruhm sozusagen "gestohlen"?

Oelze:Das kommt ganz darauf an, wen man fragt. In den 70er und 80er Jahren haben einige amerikanische Sachbuchautoren das wirklich behauptet. Diese Verschwörungstheorie gilt aber in weiten Teilen der Forschung inzwischen als widerlegt oder nicht belegbar. Gleichwohl wissen wir aus Darwins Briefen, dass er sich bis zu seinem Lebensende gefragt hat, weshalb Wallace nicht mehr Gerechtigkeit für sich einforderte. Ironischerweise hatte also Darwin am eigenen Ruhm mehr zu knabbern als Wallace an dessen Ausbleiben.

Wie haben Sie versucht, Naturwissenschaft und eine fiktive Erzählung um den Museumswächter Albrecht Bromberg zusammenzubringen?

Oelze:Diese Frage kann ich nur so beantworten: Der Roman ist das Ergebnis eben dieses Versuchs. Ob er geglückt ist, müssen andere beurteilen.

Hat Sie Ihr eigenes Philosophiestudium dazu bewogen, die Evolutionstheorie auch dahingehend zu beleuchten?

Oelze:Nein, jedenfalls nicht direkt. Aber meine philosophische Tätigkeit hat mich natürlich dazu angehalten, mit großer Neugierde und Offenheit durch die Welt zu gehen und kein Thema für nicht wenigstens kurz bedenkenswert zu halten.

Die Überschriften eines jeden Kapitels sind sehr lang und umreißen kurz den Inhalt. Wieso haben Sie sich für dieses Stilmittel entschieden?

Oelze:Literaturhistorisch gesehen handelt es sich um sogenannte Herausgeberfiktionen. Ein erfundener Herausgeber fasst also die Kapitel jeweils kurz zusammen. Dies war zu der Zeit, als nicht nur die Evolutionstheorie entwickelt wurde, sondern auch die ersten Bücher entstanden, die heute als "Roman" bezeichnet werden, also im 18. und 19. Jahrhundert, sehr gängig. Ich fand es nicht nur zeitlich passend, sondern auch formell sehr ansprechend.

Wie sind Sie bei der Recherche zum Roman vorgegangen?

Oelze:Ich habe so ziemlich alles gelesen, was mir von und über Darwin und Wallace in die Hände kam: Reiseberichte, Briefe, Biografien, Autobiografien, Sachbücher, Aufsätze und vieles mehr. Daneben habe ich kleinere Recherchereisen unter anderem nach London und Oxford unternommen, um dort einige Originalstücke von Wallace zu sehen. Ich musste die Zeit zunächst für mich so lebendig wie möglich werden lassen, um sie dann in einem Roman zum Leben zu erwecken.

War es schwer, die Zeit Darwins mit der des Museumswächters zu verbinden?

Oelze:Hier würde ich kurz und knapp sagen: Nein. Jedenfalls kam es mir beim Schreiben nicht sonderlich schwer vor.

Wie kam der Roman bisher an?

Oelze:Ich habe einen sehr guten Verlag, und damit meine ich zweierlei: Erstens machen alle dort eine hervorragende Arbeit und haben - soweit ich es beurteilen kann - alles in ihrer Macht Stehende getan, um das Buch bekannt zu machen. Zweitens wurde mein Wunsch respektiert, keinerlei Kritiken zugesandt zu bekommen, seien sie positiv oder negativ. Kurzum: Ich weiß schlicht und ergreifend nicht, wie der Roman bisher ankam, aber es ist jedenfalls noch bei keiner Lesung ein Ei geflogen.

Mit diesem Buch setzen Sie einem recht unbekannten Forscher ein Denkmal. War das Ihre Intention?

Oelze:Nicht primär. Aber als mich kurz vor der Fertigstellung jemand darauf hinwies, dass ich eigentlich genau dies getan habe, freute ich mich über diesen schönen Nebeneffekt.

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