Staatsanwalt Rouven Spieler (vorne) sitzt im provisorischen Gerichtssaal den Angeklagten und deren Rechtsanwälten gegenüber. FOTO: SCHEPP
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Staatsanwalt Rouven Spieler (vorne) sitzt im provisorischen Gerichtssaal den Angeklagten und deren Rechtsanwälten gegenüber. FOTO: SCHEPP

"Ich sage vor Gericht nicht aus"

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Gießen(khn). Mitglieder von Rocker- und rockerähnlichen Gruppen haben eine klare Meinung zum Rechtsstaat: Sie reden mit dessen Vertretern nur ungern. Zu sehen war dies im Prozess, in dem es um einen Angriff auf eine Offenbacher Shisha-Bar im Juni 2016 und die Rivalität zwischen Bahoz und den Osmanen Germania geht.

Der 32 Jahre alte Mann sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, der für Zeugen vorgesehen ist. Doch ein besonders hilfreicher Zeuge will er nicht sein. Er verweigert unter Angabe diverser Gründe die Aussage. Richter Andreas Wellenkötter fragt ihn, ob er Angst habe. Der 32-Jährige antwortet: "Ich stehe hier wie ein Mann. Ich habe keine Angst, vor niemandem." Nur: Warum schweigt er darüber, was am 25. Juni 2016 in einer Shisha-Bar in Offenbach und danach passiert ist? Oder hängt es mit dem Gebot von Rocker- und rockerähnlichen Gruppen zusammen, nicht mit Ermittlungsbehörden zu sprechen? Unter den bohrenden Nachfragen von Wellenkötter rutscht dem Zeugen schließlich heraus: "Ich sage vor Gericht nicht aus, das ist nicht meine Mentalität."

Es ist der dritte Verhandlungstag in der Außenstelle "Stolzenmorgen" des Landgerichts Gießen in dem Verfahren gegen sieben Männer. Die fünf Gießener und zwei Offenbacher im Alter zwischen 22 und 32 Jahren sollen Teil einer 18-köpfigen Gruppe gewesen sein, die die Shisha-Bar gestürmt und Gäste angegriffen haben soll. Auslöser sollen Rivalitäten zwischen der kurdischen, rockerähnlichen Gruppe Bahoz und den türkisch-nationalistisch gesinnten Osmanen Germania sein. Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft den Angeklagten gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vor.

Der 32 Jahre alte Mann ist am Dienstagvormittag nicht der einzige Zeuge, der schweigen will. Der vor ihm geladene 40-Jährige nimmt sogar ein Ordnungsgeld von 1000 Euro oder 20 Tage Ordnungshaft in Kauf, nur um zum Sachverhalt nichts zu sagen. Mal erklärt er, er sei mit einem Angeklagten verwandt, dann will er sich nicht selbst belasten.

Im Gegensatz zu den beiden Männern am Dienstag hatte der Besitzer der Shisha-Bar am zweiten Verhandlungstag mehr zu sagen. Sich selbst bezeichnet der 52 Jahre alte Mann als "Respektsperson". Nachdem an jenem Juni-Abend 2016 "Leute in meinen Laden marschiert sind", sei bald von Bahoz die Rede gewesen. Der Abgleich der Aufnahmen der Überwachungskameras mit Facebook-Profilen habe Verbindungen zum Gießener Boxclub Lions 21 gezeigt, aus dem die Gießener Gruppe von Bahoz hervorgegangen ist.

Weil die Polizei an dem Juni-Abend 2016 vor Ort Sorge hatte, dass die Osmanen in der Bar auftauchen würden, habe er deren Präsidenten auf seiner Privatnummer angerufen, erzählt der Betreiber: "Kommt heute besser nicht nach Offenbach", habe er gesagt. Ein Motiv für den Angriff auf seine mittlerweile geschlossene Bar nennt der 52-Jährige auch. Einige Wochen vor dem Angriff sei es in einer Disco zu einer Prügelei gekommen. Beteiligt gewesen seien das spätere Opfer und einer der Angeklagten: "Es ging um eine Frau und verletzten Stolz."

Zeuge bleibt fern

Das Opfer, das bei dem Angriff Stichverletzungen an Bauch, Hand, Arm und Hals erlitten hatte, bleibt auch am dritten Prozesstag der Verhandlung fern. Gegenüber Richter Wellenkötter gibt der Nebenkläger telefonisch an, aus Angst nicht ins Gericht zu kommen. Er sei kontaktiert und gebeten worden, einen der Angeklagten nicht zu belasten. Dessen Anwalt Carsten Marx betont, "diesen Unsinn hat er sich aus dem Finger gesaugt". Auch Staatsanwalt Rouven Spieler nimmt die Vermeidungsstrategie des Nebenklägers mittlerweile mit Humor: "Er sagte, wenn er aussage, werde eine Mutter traurig sein. Das hat er aus einem Mafiafilm geklaut."

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