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»Wir brauchen die direkte Begegnung mit dem Publikum, die Resonanz, die Impulse oder die Begeisterung«, sagt Saxofonist Klaus Doldinger. Dazu hat er am Donnerstag in Bad Nauheim Gelegenheit. In der Trinkkuranlage gibt er sein einziges Konzert in Hessen.

»Ich möchte Kritik nicht missen«

  • VonInge Schneider
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Der legendäre Jazz- Saxofonist Klaus Doldinger gibt sein einziges Konzert in Hessen in Bad Nauheim. Am Donnerstag wird der Komponist der »Tatort«-Melodie beim Kultursommer Mittelhessen in der Trinkkuranlage auftreten. Anlass ist die Jubiläumstournee zu seinem 85. Geburtstag und die Vorstellung seines Band-Albums »The First 50 Years of Passport«. So etwas wie Ruhestand kommt für Doldinger allerdings nicht infrage, sagt er.

Sie sind im Mai 85 Jahre alt geworden, immer noch unglaublich kreativ und haben eine enorme Leidenschaft für Musik. Gibt es Vorbilder in Ihrer eigenen Familie, Wegbegleiter, die Sie bis heute inspirieren?

In meiner Familie wurde durchaus musiziert, Klavier gespielt und gesungen, und ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mein eigenes Talent von Anfang an gefördert und mir keine Steine in den Weg gelegt haben. Bereits mit elf Jahren, 1947, durfte ich parallel zum Gymnasium mit einem Stipendium das Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf besuchen und dort Klavier und Klarinette studieren.

Welche Rolle spielte der Jazz in Ihrer Kindheit?

In meinem Geburtsjahr 1936 spielte der Jazz in Deutschland keine Rolle, wie man sich denken kann. Das wurde nach dem Krieg anders, und ich verdanke es meinen Lehrern am Konservatorium und an der Musikhochschule, wo ich Musikwissenschaften und Tontechnik studierte, dass sie mich sowohl mit den großen Meistern der Klassik als auch mit den damals modernen Stilrichtungen vertraut gemacht haben. Kreativität braucht diese Weite und Offenheit.

Sie touren bis heute. Ist die Live-Begegnung mit dem Publikum nach wie vor wichtig für Sie?

Absolut - und das wird jedem Künstler so ergehen. Wir brauchen die direkte Begegnung mit dem Publikum, die Resonanz, die Impulse, oder die Begeisterung und auch die Auseinandersetzung mit unserer Musik.

In der Rückschau: Was war musikalisch, was menschlich der größte Triumph, das größte Erlebnis oder die wichtigste Auszeichnung Ihres Lebens?

Ich möchte aus meinem langen Musikerleben, das sich hier in Deutschland ebenso wie auf den Bühnen der Welt abspielte, nichts besonders hervorheben. Es musiziert sich so unterschiedlich, je nachdem, wo man gerade auftritt, in welchem Land und welcher Kultur, mit welchen Gastmusikern und vor welchem Publikum. Jede Tournee, jeder Auftritt, ja, jeder einzelne Tag ist eine neue und frische Herausforderung, der ich mich bis heute mit Begeisterung stelle - und das ›größte Erlebnis‹ liegt vielleicht immer noch vor mir und meinen Band-Kollegen.

Gab es demgegenüber einen Tiefpunkt? Und wenn ja: Was hat geholfen, diesen zu überwinden?

Auch in diesem Punkt kann und will ich nichts verallgemeinern: Natürlich kann es vorkommen, dass ein Veranstalter in einem bestimmten Land Probleme mit der Organisation hat oder es schwierig für ihn ist, mit dem Thema Jazz seine Halle voll zu bekommen.

Dann lernt man eben, zu improvisieren, sich auf die Gegebenheiten und Bedürfnisse vor Ort einzustellen und die Menschen trotz allem mitzureißen. Das fühlt sich in den großen Städten am Meer ganz anderes an als im Binnenland, in Deutschland anders als in den USA, in Asien oder bei einem der für mich prägenden Aufenthalte in Marokko.

Ihr Gesamtwerk umfasst auch Songs und Clips für Theater, Film und Fernsehen, die Industrie-, die Medien- und Werbebranche. Sind Sie mit diesem Spektrum gelegentlich angeeckt?

Das liegt in der Natur der Sache, wenn man vielseitig aufgestellt ist und sich den Schubladen entzieht. An Kritik soll man sich nicht aufreiben, sie aber sehr wohl sehr ernst nehmen. Es ist wichtig, unterschiedliche Auffassungen kennenzulernen, es trägt zur Selbstreflexion und zur eigenen musikalischen Beweglichkeit bei. Insofern möchte ich die Kritik nicht missen.

Ist Ihr von Kontinuität geprägtes Familienleben sowie die langjährige Verbindung zu Ihren Wegbegleitern wichtig für Ihr heutiges Schaffen?

Mein Familien- und Privatleben ist nichts, was ich jemals an die große Glocke gehängt habe. Aber ja, meine Familie ist Rückhalt und Inspiration zugleich für mich, ebenso wie die langjährige Zusammenarbeit mit vielen Musiker-Kollegen. Wenn man seit 1960 verheiratet ist, wie ich mit meiner Frau Inge, wenn man gemeinsam zwei Töchter und einen Sohn sowie jetzt die Enkel erlebt, dann hat sich ganz sicher etwas harmonisch zusammengefügt, wie in der Musik. Man muss all diesem gegenüber positiv und aufgeschlossen bleiben, auch der Begegnung mit den jungen Leuten, ihren Ideen und Impulsen.

Da der Ruhestand für Sie kein Thema ist: Gibt es ein Ziel, das Sie unbedingt erreichen möchten, einen Traum, der noch der Verwirklichung harrt?

Träume verwirklichen sich mit jedem Konzert, das ich spiele, mit jeder menschlichen Begegnung, mit jeder neuen Musik, die ich höre und von der ich denke: Ah, das kenne ich noch nicht, interessant - könnte ich das vielleicht auch einmal versuchen? Meine Bereitschaft, mich weiterzuentwickeln, hat nie nachgelassen.

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