Hundefriseurin Christel Berghofer hat momentan viel Zeit für ihren Pudel Raj. Sie macht sich allerdings Sorgen, denn das Land hat die Schließungsanordnung für Hundesalons bisher nicht aufgehoben.
+
Hundefriseurin Christel Berghofer hat momentan viel Zeit für ihren Pudel Raj. Sie macht sich allerdings Sorgen, denn das Land hat die Schließungsanordnung für Hundesalons bisher nicht aufgehoben.

Friseur ist nicht Friseur

Hundefriseurin kritisiert Corona-Stopp

  • vonPetra Ihm-Fahle
    schließen

Christel Berghofer ist Inhaberin eines Hundesalons in Eichen, und sie ist ratlos. Friseure dürfen in Hessen ab Montag, 4. Mai wieder öffnen, Hundefriseure nicht. »Bei der Hitze leiden die Tiere unter dem dichten Fell«, sagt Berghofer. Was steckt dahinter?

Schon bevor die Einschränkungen in der Corona-Krise kamen, machte Christel Berghofer ihren Hundesalon »Pellicula« im Stadtteil Eichen zu. »Ich gehöre zu den Risikopatienten«, sagt sie. In der Zwischenzeit habe sich für sie aber herauskristallisiert, wie sie sich schützen muss. Nun möchte sie wieder anfangen, doch anders als die Friseure, dürfen Hundefriseure am Montag, 4. Mai, noch nicht wieder öffnen.

»Ich fand die allgemeinen Schließungen erst mal okay. Mir ist schon bewusst, dass viele Kolleginnen davon leben müssen und niemanden haben, der sie im Hintergrund unterstützt«, sagt die 57-Jährige. Sie und ihr Mann könnten den finanziellen Verlust ein paar Monate stemmen. Doch gehe es so weiter, müsse sie überlegen, ob es sich lohnt, den Salon weiter zu halten.

Begonnen mit mobilem Salon

Sorgen macht sich Berghofer vor allem um die Vierbeiner. »Die Tiere leiden. Hunde mit viel Unterwolle haben sehr mit der Wärme zu tun. Ein paar Kunden haben schon mal selbst geschnippelt, das sieht nicht so gut aus.«

Was zu dichtes Fell für die Tiere bei schönem Wetter bedeutet, lernte Berghofer schon vor Jahren durch ihre erste Hündin Carina, einen Mix aus Jack Russel- und Tibet-Terrier. »Über sie bin ich zum Hundefriseur gekommen. Ich hatte Carina aus dem Tierheim geholt, und das Fell wurde immer länger. Und dann wurde es warm.« Das Tier habe sich bereits Anfang März in jede Pfütze geworfen, um sich abzukühlen. Berghofer ging zweimal zum Hundefriseur und bekam dabei Lust, es auf eigene Faust zu probieren.

Bei so viel Fell kann es dem Hund rasch zu warm werden.

Später belegte die zweifache Mutter einen Kurs und bildete sich in Workshops zur Hundefriseurin weiter. »Zunächst war ich drei Jahre mobil unterwegs, aber irgendwann wusste ich: ›Ich will meinen eigenen Salon haben.‹« 2012 setzte sie das Projekt im ausgebauten Keller des familiären Reihenhauses in Windecken um, was sehr gut angekommen sei. »Das Telefon stand nicht mehr still«, erzählt sie. Als sie und ihr Mann vergangenes Jahr in eine Penthaus-Wohnung in der »Neuen Mitte« umzogen, mietete sie das Geschäft in Eichen. Sie liebe es, Hunde zu frisieren, zu kämmen, zu bürsten und das Haar zu schneiden. »Da fällt der ganze Stress ab und ich werde die Ruhe selbst. Die Hunde spüren das und werden auch ruhig dabei.«

Abstand kann gehalten werden

Um wieder anfangen zu können, hat sich Berghofer eine mobile Plexiglasscheibe bestellt, die sie auf die Theke stellen will. »Und zwischen Theke und Arbeitsbereich habe ich ein Schutzgitter.« Dort könnten Kunden ihren Liebling festbinden und aus dem Geschäft gehen, anschließend kann Berghofer das Tier in den Arbeitsraum holen. Täglich informiert sie sich, ob das Land die Schließungsanordnung für Hundefriseure wieder aufgehoben hat, bisher ohne Ergebnis. Sie hofft, dass sich das noch ändert und plant bereits.

»Meine Stammkundinnen habe ich in die erste Woche ab dem 4. Mai geschoben. Ich habe ihnen aber gesagt, dass es nicht sicher ist.« Täglich riefen Kunden an, da die Tiere dringend einen Termin bräuchten. »Seit es richtig warm geworden ist, geht es los. Seit eineinhalb Wochen klingelt das Telefon«, erzählt Berghofer und verweist auf einen Bericht von Radio FFH, dass in Rheinland-Pfalz Hundefriseure unter strengeren Auflagen weiterarbeiten dürften. Eine Geschäftsfrau aus Eltville klagt laut dem Sender deshalb gegen das Land. Gegenüber FFH habe sich das Gesundheitsministerium so geäußert: »Da die Übertragung von (Haus-)Tieren zum Menschen und umgekehrt bisher nicht geklärt ist, bestehen in Hessen gegen die Öffnung von Hundesalons infektiologische Bedenken.«

Berghofers Pudel Raj ist jedenfalls top gepflegt, »ich habe ihn letztes Wochenende richtig schön zurechtgemacht«. Die Bedenken des Ministeriums kann sie nicht nachvollziehen: »Ich verstehe nicht, wieso es in anderen Bundesländern möglich ist und bei uns nicht.«

Tierschützer fordern: Hundesalons öffnen

Während Eisdielen, Autohändler und Buchläden seit mehr als einer Woche wieder öffnen durften, verweigerte Hessen den Hundetrainern und -friseuren weiterhin die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit, kritisiert der Landestierschutzbund (LTVH) mit Sitz in Altenstadt in einer Pressemitteilung. Dabei könnten gerade sie Abstands- und Hygieneregeln so konsequent einhalten wie kaum jemand sonst.

Dass in Hundesalons rosa Schleifchen in hochtoupierte Yorkshire-Terrier-Mähnen geflochten würden, sei ein gängiges Vorurteil. »Möglicherweise ist es genau dieser Trugschluss, der die Landesregierungen von Hessen, Niedersachsen und dem Saarland dazu veranlasst hat, Hunde- mit Kosmetiksalons gleichzusetzen und ihnen die Ausübung ihrer Tätigkeit auch weiterhin und bis mindestens zum 4. Mai zu untersagen«, schreibt Daniela Müller vom LTVH.

Dabei habe der Zentralverband Zoologischer Fachhandel (ZZF) bereits am 25. März in einem Schreiben an die zuständigen Minister der Länder ein klares Bild davon gezeichnet, was passiert, wenn die Berufsgruppe der Heimtierpfleger in Salons ihren Job nicht ausüben darf: »Wenn die Tiere nicht regelmäßig fachgerecht gepflegt werden, verfilzen die Felle, Hautkrankheiten entstehen, Parasiten vermehren sich, gerade bei steigenden Temperaturen«, zählen die Tierschützer auf. Auch der Verweis des ZZF auf die Gefährdung des Tierwohls, sollten die Salons ihrer Arbeit nicht nachgehen können, verhallte und sei auch in der aktuell geltenden Veränderungsverordnung nicht berücksichtigt worden.

»Hundetrainer sollten arbeiten dürfen«

Umso unverständlicher sei das Verbot vor dem Hintergrund, dass in Hundesalons ohnehin hohe Hygienestandards eingehalten werden müssten und die Arbeit am Tier und nicht am Menschen erfolge. Während sich viele Dienstleister und Ladenbesitzer gerade strecken müssen, um die Vorgaben hinsichtlich Abstand und Hygiene umzusetzen, gehören sie für die Hundesalons zum Alltag, argumentiert der Landestierschutzbund.

Zweiter Kritikpunkt sei, dass Hundetrainer ihrem Job nicht nachgehen dürften. »Während viele Bundesländer sogar das Training in Gruppen wieder zulassen, sind hierzulande selbst Einzelstunden - sprich: ein Trainer, ein Kunde und ein Hund - untersagt«, beschwert sich Sigrid Faust-Schmidt vom LTVH. »Um die Ausbildung von Hunden pandemiekonform zu gestalten, bedarf es kaum Umstellungen zum üblichen Ablauf«, argumentieren die Tierschützer.

»Der LTVH bittet daher die hessische Landesregierung, das Tätigkeitsverbot für Hundeschulen und -salons umgehend aufzuheben«, heißt es in der Pressemeldung. Denn die Arbeit der Hundesalons und Hundeschulen sei für das Wohl der Tiere und ihrer Halter ebenso wichtig wie die, die in den Tierheimen und Tierarztpraxen geleistet werde.

Tierärzten und -pflegern hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Ende März eine Systemrelevanz bescheinigt, argumentieren die Tierschützer.

Widerstand in Minden

Erfolgreich im Widerstand gegen die Schließung ihres Hundesalons war jetzt eine Geschäftsfrau aus Minden (Nordrhein-Westfalen). Dort hatte die Gemeinde eine Schließungsanordnung verfügt. Dies, obwohl die Salonbetreiberin die Abläufe in ihrem Geschäft so geändert hatte, dass ihr die Kunden die Hunde kontaktfrei über eine Art Schleuse übergeben konnten. Nachdem das Verwaltungsgericht Minden den Eilantrag der Hundefriseurin zunächst ablehnte, hob es den Beschluss kurz darauf wieder auf. Denn wie sich herausgestellt hatte, basierte die Schließung auf einem Missverständnis. Die Ordnungsbehörde habe gar nicht dichtmachen, sondern lediglich auf die Bestimmungen des Corona-Schutzes hinweisen wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare