Elke Schwaninger hat an der Haustür ihr Gehör und ihre Schlagfertigkeit trainiert.
+
Elke Schwaninger hat an der Haustür ihr Gehör und ihre Schlagfertigkeit trainiert.

Hörtraining frei Haus

  • vonRedaktion
    schließen

Das Klingeln an der Haustür kann ganz besondere Erlebnisse einläuten. Davon weiß die Bad Nauheimerin Elke Schwaninger zu berichten. Ihre Kontakte an der Tür sind kurios und lehrreich gewesen - was wiederum mit Schwaningers Schwerhörigkeit zu tun hat.

Unverhofft kommt oft: Ich übte mit dem Kind gerade Englisch-Vokabeln, als es an der Haustür schellte. »Bestimmt der Paketbote«, dachte ich und öffnete etwas vorschnell die Tür. Draußen stand ein grinsender Mittzwanziger - ohne Paket, dafür mit dicker Info-Mappe unterm Arm. Er pries seine Dienste als Pflasterreiniger für unsere Hauseinfahrt an.

Interessanter als dieser fragwürdige Service war allerdings, was mir dabei akustisch zu Ohren kam: Der Mann sprach lupenreines, akzentfreies Englisch - eindeutig ein Muttersprachler. Ha! Was für ein witziger Zufall! Eben noch mit dem Kind Englisch geübt, und nun stand das lebende Beispiel direkt vor unserer Haustür. Ich ließ mich aus purer Freude am Zuhören noch etwas vollschwafeln und erklärte dann diplomatisch, dass die Pflaster vorm Haus eigentlich ganz ok seien - »in my opinion« - und ich nun leider weitermachen müsse mit dem Homeschooling. »English, you know.«

Barrierefrei kommunizieren

Einige Tage später klingelte es erneut. Aus vorbildlichen fünf Metern Sicherheitsabstand schwitzte mir ein mit dickem Mund-Nasen-Schutz ausgestatteter Mann entgegen:

»Gpfn Tapf! Iff wüffe geffe mif Ihmem...« Ich unterbrach ihn höflich, aber bestimmt: »Ich bin schwerhörig. Wenn Sie aus dieser Entfernung und mit dieser Maske mit mir reden, kann ich leider kaum etwas verstehen. Es ist aber offiziell erlaubt, die Maske zur besseren Kommunikation mit hörgeschädigten Menschen abzunehmen.« Verdutzte Blicke seinerseits: »Ifft daff tatfäflich fo?« Ich: »Ja, das ist tatsächlich so! Und ich zeige Ihnen gern mal, was ich da am Ohr trage-« Ich schob die Haare hoch und zeigte ihm meinen Sprachprozessor. Mit einem Seufzer nahm der Mann die Maske ab: »Sie glauben ja gar nicht, was das jetzt für eine Erleichterung ist! Mann, war mir heiß unter dem Ding!«

Als wir nun barrierefrei kommunizieren konnten, stellte sich heraus, dass er Vertreter einer bekannten Telekommunikationsgesellschaft war und mir ein Produkt schmackhaft machen wollte. Ich erklärte, dass ich eher Bücherwurm als Filmfreak sei und wünschte ihm trotzdem viel Erfolg an den nächsten Haustüren. »Und Sie wissen ja jetzt: Von zehn Menschen, die Sie treffen, sind statistisch gesehen zwei hörgeschädigt. Dann dürfen Sie also wieder die Maske lüften«, sagte ich. Der Mann lachte, bedankte sich und schwitzte von dannen.

Das Angebot mit den Brötchen

Es schien tatsächlich ein Phänomen dieser Corona-Zeit zu sein, dass in unserer Nachbarschaft plötzlich deutlich mehr dieser »Hausierer« unterwegs gewesen sind. Mich hatten sie dabei schon erfolgreich umkonditioniert: Wenn es jetzt an der Haustür klingelte, rechnete ich eher mit Verkaufsgesprächen als mit dem Paketboten. Dabei galt natürlich die Devise: Nix aufschwatzen lassen! Nutze das Schwätzchen einfach - als Hörtraining.

Nachdem ich ein paar Tage lang keine Vertreter gehört oder gesehen hatte, war ich fast schon besorgt: Waren sie etwa von dunklen Hauseingängen mit dreckigen Pflastern verschluckt worden? War unsere Klingel defekt? Oder gar mein Sprachprozessor? Eines Nachmittags hörte ich zu meiner Erleichterung endlich wieder den gewohnten Klingeldreiklang - »Diiiing-Dääääng-Doooong« schallte es an der Haustür. Und intuitiv wusste ich: Jetzt wird’s wieder lustig. Ich öffnete die Tür, und vor mir stand eine junge Frau im adretten, weißen Hemd mit aufgestickter Brezel. Sie trug keine Maske. Vielleicht hatte sie der Telekommunikations-Mann schon aufgeklärt? »Ich komme von der Bäckerei XY und wollte fragen, ob wir Sie vielleicht zukünftig mit frischen Brötchen beliefern dürfen?« Das war mein Stichwort: Diplomatisch antwortete ich: »Es ist schön, dass Sie Ihre Brötchen damit verdienen, Brötchen zu verkaufen. Aber leider backe ich alles selbst!« (Was nicht ganz stimmte, aber doch fast). Diese Antwort hatte die Dame offenbar noch nie gehört, denn sie war kurz sprachlos. »Mhhh ja, dann noch einen schönen Tag für Sie!« brachte sie hervor - und zog adrett von dannen.

Ich bedankte mich innerlich bei allen Besuchern an unserer Haustür für das kostenlose Hör- und Schlagfertigkeitstraining der letzten Wochen. Unverhofft kommt oft. Man muss es nur zu nutzen wissen.

FOTO: PV

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare